Tomer Gardi: Die Feuerbringer – Eine Schlager‑Operetta (WDR 3/Bayern 2)

Atemlos durch die Schicht

12.03.2018 • Im Jahr 2016 sorgte der israelische Schriftsteller Tomer Gardi bei seinem Auftritt beim Ingeborg-Bachmann-Preis für Irritationen in Kritikerkreisen, weil da jemand las, der nicht einmal über die Basisqualifikation für literarisches Schreiben, nämlich die Beherrschung der deutschen Sprache, zu verfügen schien. Die vom SWR realisierte Hörspieladaption seines beim Klagenfurter Wettbewerb vorgetragenen Textes „Broken German“ wurde mit dem Deutschen Hörspielpreis der ARD ausgezeichnet (vgl. MK-Meldung). Das rund 55-minütige Stück „Die Feuerbringer – Eine Schlager-Operetta“ ist nun Tomer Gardis erstes Originalhörspiel; produziert wurde es vom WDR (federführend) und vom Bayerischen Rundfunk (BR).

Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt. Der abgehalfterte Schlagersänger Rüdiger „Herkules“ Kühn, gespielt von William Cohn, wird zu 40 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt, weil er besoffen einen Unfall gebaut hat. Er gibt einen Schlagerworkshop für Migranten, bei dem sich die Band ‘Die Feuerbringer’ formiert. Deren Zentrum besteht aus Sandra (Christina Meyer), einer Hamburgerbraterin, die sich bemüht, „atemlos durch die Schicht“ zu kommen. Wegen eines heftigen Dönerwetters (will heißen: Donnerwetters) fürchtet sie sich vor der Rache der Götter, weil sie meint, das Feuer von McDonald’s gestohlen zu haben. Das sei kein Diebstahl gewesen, wird sie von ihrer Freundin, der Café-Betreiberin Beverly (Doris Schmeer), beruhigt: Sandra habe das Feuer in sich.

Sandra liebt den Schlager, diese spezifische Ausformung deutscher Leitkultur. Doch Beverly, die ebenfalls bei der Band mitmacht, ist skeptisch: „Keiner will hören Schlager mit Akzent, Schlager muss gemütlich sein.“ Der Schlager ist eine Kunstform, in der Fremdheit, Ambivalenz oder gar Paradoxien keinen Platz haben. Wenn Beverly einen Song mit dem Refrain „Wir brennen eine Hexe und dann essen wir ein Fisch“ singt, dann unterminiert sie nicht nur grammatikalisch, rhythmisch und metrisch eine Säule der deutschen Populärkultur, sondern auch politisch. Der syrische HipHopper Farrell (Omar Sheik Khamiis) und Leib (Tomer Gardi) als jüdischer Oud-Spieler komplettieren die Band.

Ähnlich widerständig wie die Texte funktionieren in diesem Hörspiel die von Rainer Quade und Christian Hecker komponierten Melodien, die sich zwar bekannter Klischees aus dem Formenrepertoire des Schlagers bedienen, aber eben nicht darauf aus sind, den Schlager zu verbessern. Obwohl sich die Komponisten wie auch die Hörer immer des Spiels mit den Differenzen, des Sich-Anpassens ohne sich anzupassen, des Imitierens ohne zu imitieren, bewusst sind, entwickeln manche Songs Ohrwurmqualitäten. Auch wenn beziehungsweise gerade weil die Texte einigermaßen trivial sind: „Wäsche waschen, Teller machen / Mädchen muss zu Hause sein / Fenster machen, Boden waschen / Mädchen muss kein Sklave sein“.

Auch das Spiel mit gegensätzlichen Klischees funktioniert in dieser „Schlager-Operetta“ großartig. Wer hätte schon daran gedacht, dass das Deutsche die einzige Sprache ist, in der sich „gemeinsam“ auf „einsam“ reimt. Ganz beiläufig wird auch das Spiel mit dem fehlerhaften Deutsch als vorgeblich authentischer Ausdrucksform von Migranten dekonstruiert. Was in Feridun Zaimoglus aus dem Jahr 1997 stammendem Hörspiel „Kanak Sprak – Mißtöne vom Rande der Gesellschaft“ (Deutschlandradio Berlin/SDR; Regie: Götz Naleppa) noch als exotisches Randphänomen nobilitiert wurde, hat inzwischen das Stadium der Ironisierbarkeit erreicht, einfach indem man es als eine kulturelle Praxis unter anderen auffasst. Wie man das macht? Indem man beispielsweise aus dem Schlagerunwort „posttraumatische Belastungsstörung“ eine Humba-Humba-Hymne über eine „prostotraumatische Belastungsstörung“ macht, was sich übrigens wunderbar schief auf „Stacheldrahtabsperrung“ reimt.

Beeindruckend ist auch die Leichtigkeit, mit der Tomer Gardi als zweite Ebene die unterschiedlichen Mythen der Feuerbringer einführt. Denn die Geschichten von Prometheus, Agni, Bin-Jir Bin-Jir oder Maui dienen nicht als hochkulturelles Gegengewicht zur Trivialkultur, die von den sich als gebildet empfindenden Ständen gerne „ironisch“ rezipiert wird, sondern als Reservoir der Überlieferung, aus dem sich auch der Schlager bedienen kann. Hörspielregisseurin Susanne Krings hat den Workshop-Charakter mit all seinen Unfertigkeiten und Improvisationen, aus denen heraus das Stück entstanden ist, in die fertige Produktion gerettet – und so ist hier ein vielschichtiges Hörspiel entstanden, das seine Komplexität nicht permanent ausstellen muss.

12.03.2018 – Jochen Meißner/MK