Jörg Buttgereit: Bruce Lee – Der kleine Drache (WDR 3)

Aus der Fan-Perspektive

25.07.2003 •

„Everybody was Kung-Fu fighting…“ Nun ja, ganz so extrem war es sicherlich nicht. Immerhin lösten die vier 'echten' Bruce-Lee-Filme (von 1971 bis 1973; mehr waren es nicht) in den 70er Jahren unter den Fans eine wahre Euphorie aus. Fernöstliche Kampfkünste erlebten einen enormen Aufschwung. Antiquierte Klischees von kleinen höflichen chinesischen Dienstgeistern, die bei Auseinandersetzungen mit standfesten Nordeuropäern oder robusten Amerikanern immer den Kürzeren zogen, mussten revidiert werden.

Bruce Lee, geboren 1940, erfand nicht den Eastern, den schlagkräftigen Bruder des Western. Aber er versuchte dem Genre, das sich in erster Linie in hirnlosen Prügeleien erschöpfte, ein bisschen mehr Sinn, Verstand und Qualität, gerade auch bei den Kampfszenen, einzuimpfen. Dass sich das alles andere als einfach ausnahm, lässt sich leicht aus den zahlreichen billigen Nachfolgern ersehen, die nach seinem frühen Tod 1973 auf den Zug aufsprangen und schlechte Bruce-Lee-Plagiate en masse in Umlauf brachten. Ein bemerkenswerter Mann also, dieser nur knapp ein Meter siebzig messende Bruce Lee, ein Phänomen und ein Mythos dazu. Die Mythologisierung kurbelte nicht nur sein früher Tod an, sondern er selbst arbeitete tatkräftig daran mit, durch mehrere Buchveröffentlichungen, einen eigenen Kampfstil sowie allerlei philosophische und populärphilosophische Überlegungen: „Hast Du einmal versucht, Wasser zu greifen oder zu schlagen? Wasser ist die weichste Substanz auf Erden, kann sich jedem Behälter entsprechend formen. Dennoch kann es die härtesten Substanzen durchdringen. Ich möchte wie die Natur des Wassers werden.“

In den USA geboren, aber in Hongkong aufgewachsen, machte Lee einerseits durch seine Schauspielversuche, andererseits durch häufige Schulwechsel und zahlreiche Prügeleien auf sich aufmerksam. Mit achtzehn schickte ihn der Vater von Hongkong in die USA, wo er versuchen sollte, die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erwerben. Tagsüber studierte Bruce Lee Philosophie, abends arbeitete er als Tellerwäscher und bald schon als Kung-Fu-Trainer. Nach wenigen Jahren betrieb er mehrere Trainingszentren und wirkte in kleinen Rollen in Fernsehserien mit. Während der Schauspielersohn schon früh einen Hang zu extrovertierten Selbstdarstellungen hatte, selbst in Filmen mitwirkte, Schauspieler werden wollte, Cha-Cha-Tanzwettbewerbe gewann, gilt seine Kampfkunst als sehr gradlinig. Das maßgeblich vom Wing Tsun inspirierte „Jeet Kune Do“ versteht sich nicht als Kampfsport im klassischen Sinn, sondern als Selbstverteidigungskonzept, bei dem der Angegriffene versucht, sich möglichst einfach und effektiv zur Wehr zu setzen.

Bruce wollte eigentlich in Hollywood Karriere machen, kam aber über Nebenrollen nicht hinaus. Eine davon, in der TV-Serie „The Green Hornet“, wo er als Diener Kato den Protagonisten aus allerlei brenzligen Situationen heraushaute, brachte ihm Kultstatus in Hongkong. An seinen Filmen, die dann folgten, schuftete er wie unter Zwang, ignorierte warnende Botschaften seines Körpers. Man könnte meinen, er verbrauchte in wenigen Jahrzehnten die Energie eines ganzen Lebens. Er faszinierte durch außerordentliche Tatkraft, getrieben von dem unwiderstehlichen Drang, seine Ideen umzusetzen. Er leistete Enormes, schien wie gedopt – und starb plötzlich, wie ausgebrannt. Für die einen eine noch heute rätselhafte Begebenheit, stellt dies für andere die tragische Konsequenz einer falsch verstandenen Philosophie dar, die das Glück immer nur durch Anspannung, Stress und Erfolgsdenken zu erreichen suchte.

Jörg Buttgereit („Nekromantik”, 1987; über Godzilla: „Die Monsterinsel”, 2002), der Autor und Regisseur des ‘Doku-Hörspiels‘ „Bruce Lee – Der kleine Drache“, porträtiert seinen Helden im wesentlichen aus der Fan-Perspektive. Außer allgemein bekannten Lebensdaten benutzt er vor allem Zitate von Linda Lee und collagiert sie mit Hilfe mehrerer Sprecher. Als Rahmenhandlung erfindet er zwei Leute, die einen Bruce-Lee-Videoabend veranstalten möchten und so die Stichworte für die Zitate liefern. Eine eigenständige Handlung wird darüber hinaus nicht eingebracht. Für die musikalische Untermalung sorgen einige themenbezogene ältere Hits (zum Beispiel und natürlich „Kung Fu fighting“ von Carl Douglas, 1974) sowie vornehmlich Musik aus Lee-Filmen und Geräusche von Action-Sequenzen.

Es wird kein Versuch unternommen, den Vorhang der Mythen zu heben und hinter die Kulissen zu gucken. Was etwa bedeutete es für Bruce, einen Schauspieler zum Vater zu haben, der nicht wollte, dass sein Sohn Schauspieler wird? Der ihm mit achtzehn Jahren 100 Dollar in die Hand drückte und ihn in die USA schickte? Spielte die Mutter in seinem Leben überhaupt eine Rolle (im Porträt wird lediglich ihre Existenz erwähnt)? Was wurde eigentlich aus dem so gern vorgezeigten Philosophie-Studium? Wie wirkte der Bruch mit seinem Wing-Tsun-Lehrmeister, dem Großmeister Yip Man, auf ihn? Das sind nur einige von vielen Fragen, denen man hätte nachgehen können. Buttgereit verfolgt jedoch offenbar eine andere Absicht. Ihn interessiert, warum Lee so erfolgreich war, sowohl in Fernost wie im Westen. Er konzentriert sich ganz darauf, die Faszination begreiflich zu machen, die von dem Mann ausging: seine Versuche, Neues, auch Unkonventionelles zu denken und mit viel Power umzusetzen. Um die Wirkung der Legende begreiflich zu machen, wird auf die Demontage derselben verzichtet. Diese Intention wird erreicht. Allerdings hätte das Radiostück – gerade bei solchem Stoff! – selbst ein bisschen mehr Action und Pep gebrauchen können. So wirkt das Ganze recht konventionell, viel konventioneller, als Bruce Lee es jemals war. Eines jedoch gelingt vorbildlich: Man bekommt große Lust auf einen „echten“ alten Bruce-Lee-Streifen.

• Text aus Heft Nr. 30/2003 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

25.07.2003 – Andreas Matzdorf/FK

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