Swoosh Lieu/Katharina Speckmann: Who cares?! Eine vielstimmige Personalversammlung der Sorgetragenden (NDR Kultur)

Wer in Pflegeberufen arbeitet

16.03.2018 •

Die englische Formulierung „Who cares?!“ würde man wohl am ehesten mit dem Spruch „Wen kümmert’s?!“ ins Deutsche übersetzen. Das Performance-Kollektiv Swoosh Lieu und die Künstlerin Katharina Speckmann setzen in ihrem „Who cares?!“ betitelten Stück auf die Mehrdeutigkeit dieser ausgerufenen Frage. Die Mehrdeutigkeit ergibt sich vor allem daraus, dass diese Frage hier auf den Pflegesektor bezogen wird. Entsprechend heißt der Untertitel: „Eine vielstimmige Versammlung der Sorgetragenden“. Es geht in den rund 55 Minuten des Hörspiels also darum, zu zeigen, wer in Pflegeberufen arbeitet und vor allem wie.

Die Künstlerinnengruppe Swoosh Lieu besteht aus Johanna Castell, Katharina Pelosi und Rosa Wernecke. Sie haben sich 2009 am Institut für Angewandte Theaterwissenschaften der Universität Gießen zusammengeschlossen und realisieren seither Performances und Installationen miteinander. „Who cares?!“ entstand zunächst Ende 2016 als Theaterarbeit. Es handelt sich dabei um den ersten Teil einer für das Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt am Main entwickelten Performance-Trilogie, die des Weiteren aus den Stücken „Who moves?!“ und „Who profits?!“ besteht. Sowohl an der Theater- als auch der Hörspielproduktion „Who cares?!“ hat jeweils Katharina Speckmann mitgewirkt. Johanna Castell hat an der Hörspielrealisation (Dramaturgie und Redaktion: Michael Becker) nicht teilgenommen.

Der Clou bei diesem im Programm NDR Kultur ausgestrahltem Hörspieldebüt ist, dass die Funktion der Stimme hinterfragt wird – und dabei vor allem der sehr radioaffine Gesichtspunkt der körperlosen Stimme, bei der dem Rezipienten der visuelle Zugriff auf die sprechende Person fehlt. Dafür, dass das Publikum sich diesen Aspekt vergegenwärtigt, wird direkt am Anfang des Stücks gesorgt. Die Stimme wird als eine Maske vorgestellt, deren Wahrnehmung beim Empfänger gewisse Erwartungen an die physische Beschaffenheit des dazugehörigen Körpers erzeugt. Ist er weiblich oder männlich, groß oder klein, schmächtig oder massiv? All diese Fragen beantworten sich – bis zum Gegenbeweis durch das Sichtbarwerden der sprechenden Person – ohne bewusstes Zutun vor dem inneren Auge des Empfängers.

Auch der Untertitel des Stücks („Eine vielstimmige Personalversammlung der Sorgetragenden“) kann auf verschiedene Arten verstanden werden und ist insofern clever gewählt ist. Die Vielstimmigkeit bezieht sich nicht nur auf das Basismaterial der in zahlreichen Interviews gesammelten O-Töne von Erzieherinnen und Krankenpflegerinnen oder von Frauen, die in ihrem privaten Umfeld unbezahlte Pflegetätigkeiten verrichten. Vielstimmig werden auch die einzelnen O-Töne selbst. Man hört die entsprechenden Ausschnitte nämlich sowohl im Original, als auch nachgesprochen von Schauspielerinnen (Claudia Urbschat-Mingue, Daniela Hoffmann, Franziska Kleinert und Birte Schnöink). Es kommt oft auch zu Überlagerungen, die allerdings selten synchron laufen.

Wer sich denkt, dies führe eventuell zu unverständlichem Wortchaos, täuscht sich. Erstaunlicherweise ist genau das Gegenteil der Fall: Sowohl den Inhalt als auch den Klang nimmt man mit geschärfter Aufmerksamkeit wahr, vielleicht deshalb, weil die Sprachmelodien und natürlich die Stimmen selbst so unterschiedlich sind.

Ganz klar zeigt sich in „Who cares?!“, dass die überwiegend von Frauen getragene Pflegearbeit einen hohen emotionalen Stress verursacht. Einfühlungsvermögen und Sanftheit in die eigene Stimme zu legen ist auf Dauer nämlich äußerst anstrengend. Zumal auch noch Stress durch die geringe Bezahlung im Pflegesektor und die hohe Arbeitsbelastung hinzukommen. Und oft auch das Wissen, in diesem Fall als Arbeitskraft, die für Verbesserungen würde kämpfen wollen, kaum Streikmöglichkeiten zu haben, weil eine Arbeitsniederlegung Menschenleben gefährden könnte.

Über all diese belastenden und schlechten Gegenwartsverhältnisse hinweg versucht das Hörspiel aber in eine bessere Zukunft zu reisen. Im letzten Drittel bricht der fiktionale Teil des Stücks an, der einen Zeitsprung nach vorne macht. Er handelt von einer Utopie, die ihren Platz nach der sogenannten „Care-Revolution“ hat. Dabei handelt es sich um den erfolgreich durchgeführten gesellschaftlichen Wandel hin zu einer Auflösung der eingefahrenen Rollenmuster, was die Care-Tätigkeiten angeht, zu denen auch die unbezahlte Hausarbeit zählt. So endet das Stück durchaus hoffnungsvoll mit dem Ausblick auf eine Gesellschaft, in der Care-Arbeit nicht mehr automatisch überwiegend von Frauen ausgeführt wird, die für ihre Tätigkeiten gar nicht oder nur schlecht entlohnt werden.

16.03.2018 – Rafik Will/MK