Gerold Ducke: Blätter im Wind (SR 2 Kulturradio)

Hommage an Annette Kolb

14.12.2017 •

„Zwischen den Sprachen aufgewachsen, schrieb sie in einem reizend inkorrekten Privatidiom damenhafte und originelle Gesellschaftsstudien, die des psychologischen und musikalischen Reizes nicht entbehrten und unbedingt zur höheren Literatur zählten. Von mondäner Hässlichkeit mit elegantem Schafsgesicht, darin sich das Bäuerliche mit dem Aristokratischen mischte, ganz ähnlich wie in ihrer Rede das bayerisch Dialekthafte mit dem Französischen, war sie außerordentlich intelligent und zugleich gehüllt in die naiv nachfragende Ahnungslosigkeit des alternden Mädchens.“

So ambivalent-despektierlich hat Thomas Mann im München-Kapitel seines Romans „Doktor Faustus“ die „Verfasserin und Romandichterin“ Jeannette Scheuerl charakterisiert: ein figurenversetztes Porträt der deutsch-französischen Schriftstellerin Annette Kolb (1870 bis 1967). Der Literaturnobelpreisträger wurde damit der Journalistin, politischen Essayistin, Musik- und Reiseschriftstellerin, Romanautorin, Übersetzerin, Frauenrechtlerin, Antifaschistin und Pazifistin, die ein sehr großes Œuvre hinterlassen hat, nicht gerecht. Dagegen ist das Hörspiel „Stimmen im Wind“ von Gerold Ducke eine Hommage an die heute fast vergessene Annette Kolb. Das Stück ist nach seinem Debüt „Weiße Hirsche“ (vgl. MK-Kritik) das zweite Hörspiel des 1948 geborenen, in Berlin lebenden Autors.

Das Hörspiel „Stimmen im Wind“ – eine Koproduktion von Saarländischem Rundfunk (SR) und Deutschlandfunk (DLF) – enthält nur wenige biografische Details und verzichtet ganz auf die Werkdarstellung und auf literarische Wertungen, trotz des einem Essayband aus dem Jahr 1954 entliehenen Titels des Hörspiels. Die Textdramaturgie pendelt zwischen der historischen und der Erzählzeit und montiert auch Gespräche zwischen Marcel Proust und Jean Giraudoux aus dem Jenseits.

Die Hauptebenen sind in der nicht näher bezeichneten Gegenwart und im Jahr 1961 angesiedelt, als eine Radiojournalistin namens Annette Hendl ein Feature über Annette Kolb produzierte. In der Gegenwart erzählt die alte Frau Hendl ihrem Neffen, einem Antiquar, anlässlich der Auflösung ihrer Bibliothek über dieses Feature und die zwei finden auch die Tonbandmitschnitte der Radiosendung – alles kein dokumentarisches Material: Barbara Nüsse spricht den Part der Kolb. In einem Ausschnitt von einer Lesung in einer Münchner Buchhandlung erzählt sie in symbolischer Überhöhung über den Unfalltod eines Pudels.

Das ist nur ein Beispiel für die Textdramaturgie des 63-minütigen Hörspiels, die Peripheres und auch Belangloses neben Substanzielles stellt. Der Hörer erfährt allerdings mehr über die Journalistin Hendl und ihren Neffen als über die Kolb; immerhin enthält das Hörspiel einige informative Passagen über die Freundschaft der Schriftstellerin mit René Schickele, ihrem Hausnachbarn in Badenweiler. Diese Freundschaft bestand auch im Exil beider fort – ein umfangreicher Briefwechsel zeugt davon.

Regisseurin Beatrix Ackers hat den stellenweise papiernen Text in einigen Passagen von dem großen, teilweise prominent besetzten Sprecher-Ensemble vom Blatt lesen lassen, dabei ist ein künstlerischer Ausdruck des Sprechens nicht durchgängig hörbar. Die Hörer dürften auch Verständnisschwierigkeiten mit den akustischen Ebenen haben und dass in den ersten Szenen die Figur Annette Kolb gesprochen hat, wird erst später erkennbar. Trotz der Defizite ist die kleine Hommage eine lobenswerte Erinnerung an eine bedeutende Autorin, deren Bücher fast vollständig nicht mehr am Markt präsent sind.

14.12.2017 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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