Sébastien David: Schwingungen (SR 2 Kulturradio)

Unerhörtes Einfühlungsvermögen

20.12.2017 •

Zum mittlerweile elften Mal fand im November in Saarbrücken das „Festival Primeurs“ statt, das sich der zeitgenössischen frankophonen Gegenwartsdramatik widmet. Als einer der Kooperationspartner präsentierte der Saarländische Rundfunk (SR) im Rahmen des Festivals auch dieses Jahr wieder die Inszenierung eines Theatertextes als Live-Hörspiel. Es handelte sich bei dem am 23. November in der „Alten Feuerwache“ in Saarbrücken aufgeführten Hörspiel, das nicht nur vor physisch anwesendem Publikum auf der Bühne stattfand, sondern parallel auch im Programm SR 2 Kulturradio übertragen wurde, um die deutschsprachige Premiere des Jugenddramas „Schwingungen“ aus der Feder des frankokanadischen Autors Sébastien David.

Dass der SR mit der Auswahl dieser Arbeit für Auftragsübersetzung und Hörspielproduktion ein glückliches Händchen bewiesen hat, zeigte sich unter anderem daran, dass „Schwingungen“ gleich zwei der beim Festival vergebenen Preise für sich gewinnen konnte: Zum einen wurde Sébastien David für sein Stück mit dem Autorenpreis ausgezeichnet, zum anderen wurde Frank Weigand für die Übertragung des französischen Textes ins Deutsche mit dem Übersetzerpreis geehrt (der Titel des Stücks lautet im Original „Les haut-parleurs“). Ganz abgesehen aber von dieser verdienten Doppelbepreisung handelt es sich bei „Schwingungen“ um ein außergewöhnlich berührendes Drei-Personen-Stück, das man in der Landschaft der Radiokunst nicht würde missen wollen. Regie führte Anouschka Trocker.

Hauptfigur ist ein männlicher Teenager (gesprochen von Max Hegewald), dessen Name unbekannt bleibt. Nach der Scheidung seiner Eltern, die zwanzig Jahre miteinander verheiratet waren, zieht er mit seinem Vater in einen kleinen kanadischen Ort, der sich durch wenig mehr als seine extreme Provinzialität auszeichnet. Gerade sind Sommerferien, was die Gegend noch menschenleerer macht, als sie es ohnehin schon ist. Der frisch zugezogene Junge knüpft dennoch Freundschaften; wobei dies zwei Freundschaften sind, die er voneinander getrennt hält: zu seinem im bereits weit fortgeschrittenen Erwachsenenalter befindlichen, ebenfalls namenlos bleibenden Nachbarn (Michael Heinsohn), den er regelmäßig besuchen geht, und zur etwa gleichaltrigen Greta (Anne Müller), deren Vater sie und ihre Mutter schon früh verlassen hat.

Das Drama speist sich unter anderem aus der Quelle sozialer Exklusion, denn hier sind beispielhafte Randfiguren, die nicht an den heiteren Ferienaktivitäten der restlichen Gesellschaft teilnehmen können, dürfen oder wollen, unter sich. Der im Zentrum der Handlung stehende Teenager – bisher groß geworden als Stadtkind – vermisst nicht nur die Lebendigkeit der Metropole, sondern auch seine Mutter. Die Mutter leidet unter schweren Depressionen und befindet sich zur psychiatrischen Behandlung in einer Klinik. Greta vermisst ihren festen Freund, der sich mit seinen Eltern auf einer Campingtour in den USA befindet, und sie versucht nun so gut, wie es eben geht, in der angebotsarmen Gegend die Zeit totzuschlagen. Der ältere Nachbar des zugezogenen Jungen ist Komponist elektroakustischer Musik und – was einen speziellen Grund hat – ein aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossener Eigenbrötler.

Im Fokus der relativ ereignisarmen, aber dennoch hochspannenden Geschichte steht die Verletzlichkeit dieser drei Charaktere und deren jeweilige Fähigkeit bzw. Unfähigkeit, sich anderen gegenüber zu öffnen. Doch ohne die feinfühlige Art und Weise, wie das Thema Sexualität hier aufgegriffen wird, wäre das Stück nicht so vollkommen, wie es ist.

Da gibt es zum einen die vorsichtigen Annäherungsversuche des Neulings an die burschikos auftretende Greta, deren Freund während seiner Campingtour per Telefon mit ihr Schluss macht. Und es gibt die unklare, schleierhaft wirkende sexuelle Identität des alten Nachbarn, der im Dorf als pädophil verschrien ist – ob begründet oder nicht, ist auch am Ende des gut einstündigen Hörspiels noch unklar.

Greta jedenfalls ist sich ziemlich sicher, dass es sich bei dem Komponisten, den sie auch als „Totengräber“ bezeichnet, um einen, wie sie sagt, „Kinderficker“ handelt. Es ist schon Tradition, dass die Dorfjugend das Haus des Mannes mit Eiern bewirft. Als Greta von der Freundschaft zwischen dem Mann und ihrem neu gewonnenen Freund erfährt, rennt sie zu dessen Vater, erzählt ihm von der unangemessen scheinenden intergenerationellen Beziehung und den Anschuldigungen gegen den „Totengräber“ – was zum dramatischen Höhepunkt und einem Ende führt, das weniger gewaltvoll als erwartet ist, dafür aber doppelt so traurig.

An Sébastien Davids Stück begeistert das unerhörte Einfühlungsvermögen, das der Autor für jede seiner Figuren aufbringt und mit dem es gelingt, auch ein so kontroverses wie schwieriges Thema wie den gesellschaftlichen Umgang mit Pädophilen sensibel abzuhandeln. Selten geht einem ein an lediglich literarischen Figuren dargestellter Scherbenhaufen zwischenmenschlicher Beziehungen so nahe wie in diesem Stück. Man kann ihm nur zahlreiche Hörer wünschen – es ist für ein Jahr in den Mediatheken der ARD und des Saarländischen Rundfunks nachzuhören.

20.12.2017 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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