Irmgard Keun: Nach Mitternacht. 2‑teiliges Hörspiel (RBB Kulturradio)

Wiederentdeckung

23.12.2017 •

Lange Zeit war es sehr still geworden um die Schriftstellerin Irmgard Keun. In den späten Zwanzigern bis in die dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts n hinein war sie eine vielgelesene Unterhaltungsautorin, die durchaus ihr Ohr am Nerv der Zeit hatte. Geboren wurde sie 1905 in Berlin; ihr Debütroman „Gilgi, eine von uns“ erschien bereits 1931 und wurde ein Jahr später gleich verfilmt.

Auch Irmgard Keuns bekanntester Titel, „Das kunstseidene Mädchen“ aus dem Jahr 1932, wurde verfilmt, wenngleich erst 1959/60, aber von keinem Geringeren als Julien Duvivier (Drehbuch: René Barjavel, Robert A. Stemmle, Julien Duvivier). Für die Rolle der jungen Protagonistin Doris Putzke (Engländer würden das einen „telling name“ nennen) wurde Giulietta Masina gewonnen. Die wohl berühmteste italienische Filmschauspielerin ihrer Zeit („La Strada“) wurde in dieser Produktion umschwärmt – wie Doris, die Aufsteigerin – von großen deutschen Schauspielernamen, darunter Gustav Knuth und Gert Fröbe. Doch die Schwarz-Weiß-Romanze wurde kein Erfolg. Und die Autorin selbst kam, alkoholkrank, psychisch und finanziell ausgezehrt und bis auf wenige journalistische Arbeiten schreibunfähig, nie mehr auch nur annähernd an den Vorkriegserfolg ihrer Romane heran. Sie, die ihre stark autobiografisch geprägte Debütfigur Gilgi mit schönem Selbstbewusstsein sagen ließ: „Ich will ein Glanz werden“ (also so etwas wie ein Star), sie verkümmerte nahezu vergessen im Kölner Stadtteil Braunsfeld, wo sie 1982 starb. Das literarische Feuer um Irmgard Keun, die noch mit 46 Jahren Mutter einer Tochter wurde, war erloschen.

Auch das Hörspiel wandte sich selten und eher halbherzig Keuns Schaffen zu. 1975, also noch zu ihren Lebzeiten, produzierte der Rundfunk der DDR „Das kunstseidene Mädchen“. Und der Norddeutsche Rundfunk nahm sich 1998 einer Bearbeitung ihres Debütromans an; die Funkfassung, bei der Barbara Plensat Regie führte, war im Programm NDR 4 zu hören (vgl. FK-Heft Nr. 23/98). Auch eine 2015 erschienene Romanbiografie von Katja Kulin über Leben und Werk Irmgard Keuns warf kein neues Licht und damit auch kein neues Interesse auf eine schreibende Ausnahmeperson, die in den Wirren und tragischen Verläufen der Vorkriegszeit und der nachfolgenden Emigration (Exil in Belgien und Holland, ihre Bücher wurden von den Nazis verboten) in den Strudel gerissen wurde, den ihr Freund und Liebhaber Joseph Roth, einer der bedeutendsten Romanciers des vergangenen Jahrhunderts, nicht überlebt hat. Vom Alkohol aufgelöst und Opfer rasender Depressionen starb er im Mai 1939 in Paris.

Es lag und liegt also keineswegs auf der Hand, dass nun die Hörspielredaktion des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) auf Keuns Exilroman „Nach Mitternacht“ aufmerksam wurde, der 1937 im bedeutenden Exilverlag Querido in Amsterdam erstmals erschienen ist. Barbara Meerkötter, 1964 in Detmold geboren und in Berlin lebend, übernahm die Bearbeitung und führte auch Regie. Im Gegensatz zu den beiden früheren Romanen Keuns spielt „Nach Mitternacht“ in Köln. Wieder steht eine sehr junge Frau im Vordergrund. Susanne Moder, genannt Sanna, hat schon als 16-Jährige ihr heimatliches Moseldorf mit dem imaginären Namen Lappesheim verlassen.

Für Sanna und ihre Freunde, vor allem aber ihren Kinderfreund Franz erweisen sich die Tage am Rhein und später in Frankfurt am Main als eine Zeit des Umbruchs. Nazi-Auftritte und Hitlerreden sind nicht mehr zu übersehen und zu überhören. Es stellt sich den jungen Leuten die Frage, ob man sich nicht einfach an das Regime anpassen soll. Franz wird wegen angeblich feindlicher Propaganda verhaftet und in das berühmt-berüchtigte Kölner Gefängnis „Klingelpütz“ gesteckt. Beim Verhör redet er sich in seiner Verzweiflung und Naivität um Kopf und Kragen. „Es ist ja vollkommen unmöglich für einen Menschen“, sagt Franz dem Richter, „in Deutschland zu wissen, was er sein soll, was er wollen soll, was er sagen soll.“

Sanna tritt auf als Ich-Erzählerin und berichtet einmal aus der Perspektive ihres eher unpolitischen Innenlebens und zum anderen als „Reporterin“ ihres soziologischen Umfelds. Diese Gegensätzlichkeit gibt der Hörspielproduktion die innere Struktur und gleichzeitig die Dynamik, die eine mehrteilige Produktion braucht, um den Hörer zu halten. Regisseurin Barbara Meerkötter setzt dabei auf sparsamen Einsatz historischer O-Töne. Die Originalaufnahmen aus Archiven sind da, kolorieren die Inszenierung, werden aber niemals zum akustischen Alleinstellungsmerkmal aufgebauscht. Diese Zurückhaltung lässt den Schauspielern Raum für Interpretation und für die Entfaltung ihrer stimmlichen Mittel. Mitwirkende sind unter anderem Lisa Wagner, Thomas Wodianka, Martin Engler, Hans-Peter Hallwachs und Britta Steffenhagen. Auch die musikalische Grundierung durch zwei seinerzeit wohl landauf, landab geträllerte Gassenhauer („Schön ist jeder Tag, den Du mir schenkst, Marie-Luise“ und „Du kannst nicht treu sein“) biedert sich beim Hörer nicht an, sondern liefert ein akustisches Kaleidoskop, das man durchaus als radiophones Zeitbild wahrnehmen kann.

Ein „erschütterndes Protokoll aus dem Innern des NS-Staates“, so charakterisiert der RBB seine Produktion. Man darf sich jedoch fragen, ob es sich bei „Nach Mitternacht“ tatsächlich um ein Protokoll, also gewissermaßen eine Art Dossier handelt – oder nicht vielmehr um die Schilderung eines subjektiven Erlebens in einem sozialen und politischen Umfeld, das wirkliche Individualität nicht toleriert. Der flackernde, für den Hörer nicht immer leicht nachvollziehbare Perspektivenwechsel in der Erzählhaltung der Protagonistin verstärkt diesen Eindruck. Erotische Streiflichter, wofür die Autorin in ihren Erfolgsjahren durchaus bekannt war, und immer wieder humoristische Einsprengsel, auch das ein beliebtes Attribut ihrer Unterhaltungsromane, sind in der Bearbeitung erhalten. Sie erweist sich auch dadurch als durchaus textgetreu.

Ein „Hauptwerk der deutschen Exilliteratur“, wie es im RBB-Pressetext heißt, kann man Irmgard Keuns letzten Roman bei allem Respekt nicht nennen; auf jeden Fall nicht dann, wenn man die Werke von Autoren wie Joseph Roth, Max Brod, Bertolt Brecht, Thomas Mann und nicht zuletzt der unvergleichlichen Else Lasker-Schüler kennt und vor Augen hat. Das allerdings tut der programmpolitischen Leistung des RBB keinen Abbruch. Die Wiederentdeckung einer zu Unrecht vergessenen Autorin in Form der überzeugenden Inszenierung von „Nach Mitternacht“ ist per se eine wohlüberlegte Programmofferte als Zweiteiler an den beiden Weihnachtsfeiertagen.

23.12.2017 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK