Ezra Pound: Cantos (HR 2 Kultur/Deutschlandfunk Kultur)

Komplexe Rezitation

12.07.2018 • Der US-amerikanische Dichter und Essayist Ezra Pound (1885 bis 1972) hat mit seinen 117 „Cantos“ (Gesängen), die er von 1915 bis1969 geschrieben und in neun Teilsammlungen veröffentlicht hat, Weltruhm als poetischer Avantgardist erlangt. Seine Einflüsse auf die Lyrik des 20. Jahrhunderts sind so immens wie die literaturwissenschaftliche Rezeption seines Werks, zu dem mehrere Gedichtbände und Essayeditionen zählen.

Eine unrühmliche Rolle dagegen hat Pound zur Zeit des Zweiten Weltkriegs gespielt und dadurch viel Kredit seiner politischen Urteilskompetenz verloren. Pound lebte von 1924 bis 1945 im norditalienischen Rapallo (bei Genua) und hielt im Sender Radio Roma antiamerikanische Propagandareden, in denen er unter anderem das amerikanische kapitalistische Wirtschaftssystem und den Krieg der USA gegen Italien brandmarkte und dazu dem faschistischen italienischen Diktator Mussolini huldigte. Die US-Armee setzte nach ihrem Einmarsch in Italien den „Landesverräter“ 1945 zunächst in einem Lager bei Pisa fest, wo Pound drei Wochen in einem Metallkäfig in Einzelhaft verbrachte, ehe ihm in den USA ein Hochverratsprozess drohte, dem er 1946 durch die Internierung in einem psychiatrischen Krankenhaus in Washington entging. Nach der Fürsprache international renommierter Künstler, unter anderem von Ernest Hemingway in seiner Nobelpreisrede, wurde Pound 1958 entlassen. Er übersiedelte wieder in seine Wahlheimat Italien. Er lebte dort in Meran und in Venedig, wo er am 1. November 1972 im Alter von 87 Jahren starb.

Die „Cantos“ enthalten zwar auch Autobiografisches, ihr Konzentrat ist jedoch vor allem die intellektuelle Biografie des Autors, die sich in den Themenkomplexen Krieg und Pazifismus, Kapitalismuskritik und Ethik manifestiert. Sie bilden die inhaltliche und dramaturgische Basis für die „vergleichende Entwicklung der Kulturen der Menschheit und ihrer Krisen“ (Pound). Der Hörspielbearbeiter und Regisseur Christian Bertram hat für eine Hörspielproduktion, die im Auftrag von Hessischem Rundfunk (HR) und Deutschlandfunk Kultur entstand, knapp 30 Cantos ausgewählt. Die Montageform der akustischen Realisation korrespondiert hier sehr gut mit der offenen Form der „Cantos“, die keine nacherzählbare Fabel enthalten, die zwischen den Zeiten mit Ideogrammen und rhetorischen Masken von vorchristlichen chinesischen Kaiserdynastien über das europäische klassische Altertum (unter anderem Homers „Odyssee“ und Dantes Inferno-Visionen) bis zum Industriezeitalter und den Weltkriegen changieren.

Die Genres integrieren Lyrik, Prosa, Dialoge, politische Pamphlete, das thematische Spektrum reicht von Konfuzius’ Idee des idealen Staatswesens bis zur Wertekorruption in modernen kapitalistischen Gesellschaften. Dabei stellt der Dichter auch die Perversionen des von der Natur vorgegebenen kosmischen und organischen Lebens an den Pranger und er nennt auch die Namen der verantwortlichen Monarchen, Präsidenten, Industriellen und Bankiers; in diesem Zusammenhang scheut er auch keine ordinären Ausdrücke („Sauköpfe“, „Zwillingsärsche“).

Gewiss hält nicht jeder Gedanke Pounds der kritischen Beurteilung stand, seine Kapitalismus- und Bankenkritik ist einseitig negativ fokussiert, aber sein Pazifismus ist untadelig und seine ‘romantischen’ Hymnen an eine ökologisch intakte Natur berühren nicht weniger als die Elogen auf die universelle Liebe. Der Appell „Mensch sein, nicht zerstören“ setzt den Schlussakkord des rund 90-minütigen Hörspiels.

Die Montage von atmosphärisch stimmigen Geräuschen und Musiken (Gebrüder Teichmann) machen aus den „Cantos“ zwar kein dramatisches Spiel, aber doch ein imposantes Hörstück, in dem gute Sprecher – darunter Jürgen Holtz, Friedhelm Ptok, Imogen Kogge und Michael Rotschopf – die Rollen von Rezitatoren sehr überzeugend gestalten. Der Hörspieltext basiert auf den im Jahr 2012 erstmalig in einem Band veröffentlichten „Cantos“ (Arche-Verlag), übersetzt von Michael Pfister, Rainer G. Schmidt und Eva Hesse. Letztere hat sich in Jahrzehnten mit monografischen Darstellungen und als Übersetzerin unter den Fachleuten für das Pound-Oeuvre als eine der besten ausgewiesen. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet; so erhielt Eva Hesse im Jahr 2013 für ihre „Cantos“-Übersetzung den Preis der Leipziger Buchmesse.

12.07.2018 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK

Print-Ausgabe 25-26/2018

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren