Claudia Weber: Erlösung – ein Making-of (SWR 2)

Die Wiederherstellung der Moral

10.07.2018 •

10.07.2018 • Dass man in finsteren Zeiten lebt, erkennt man daran, dass die moralischen Grundlagen des Zusammenlebens in Frage gestellt werden. Was bisher als selbstverständlich galt, wird in Frage gestellt. Menschenrechte gelten plötzlich nicht mehr für alle, sondern nur noch für Staatsbürger und was früher zu den unbezweifelten ethischen Grundlagen gehörte, wird als „Hypermoral“ sogenannter „Gutmenschen“ denunziert.

Claudia Weber setzt sich in ihrem 55-minütigen Hörspiel „Erlösung – ein Making-of“ mit der Erosion des Moralischen auseinander. Mit einer Moral, die nur noch als individuelle „Selfie-Moral“ vorkommt, wenn sie überhaupt vorkommt. In der Rahmenhandlung ihres Stücks beobachtet sie den Filmemacher Philipp Drechsler (Fabian Hinrichs) und seinen alten Freund Wolf Kröner (Michael Rotschopf). Wolf soll die Off-Texte für die Zeichentricksequenzen einsprechen, die Philipps Dokumentarfilm gliedern sollen, der ebenso heißt wie das Hörspiel: „Erlösung – ein Making-of“. Animationsfigur ist der kleine (von Nele Roll gesprochene) Paul, der vom Babyalter an mit den Fragen von Gut und Böse, Schuld und Sühne, Sünde und (ausbleibender) Strafe konfrontiert wird. Es geht gleich heftig los, als Paul im Alter von vier Jahren seiner kleinen Schwester eine Erdnuss gibt, an der sie erstickt. Weil der kleine Paul nicht gleich die Mutti gerufen hat, fühlt er sich unmittelbar wie mittelbar schuldig daran, seine kleine Schwester getötet zu haben.

Eigentlich handelt es sich bei Philipps Moral-Doku um einen autobiografischen Film. Paul – Philipps Alter ego – legt im Alter von 12 Jahren die Beichte ab, um von seiner Schuld loszukommen, aber es führt nicht zur ersehnten Erlösung, sondern nur dazu, dass er zehn Vaterunser und zehnmal den Rosenkranz beten muss, was nicht einmal auf Knien abzuleisten ist. „Ich will eine gescheite Strafe“, beschwert sich Paul und er lernt nun, „dass er auch Gott völlig egal ist“, wie es im Hörspiel heißt. „Vorsätzliches Töten bringt verdiente Schuld“, denkt sich Paul daraufhin und begeht einen Völkermord – an einem der Bienenvölker seines Opas. Doch dabei lernt er auch nur, dass 40.000 tote Insekten keine kleine Schwester sind. Parallel wundert sich einer der O-Tongeber des Dokumentarfilms, mit was für Sachen er selbst in seinem Leben durchgekommen ist, ohne dass ihn jemand zur Rechenschaft gezogen hat.

Die drei Ebenen des Hörspiels – die dokumentarischen Interview-O-Töne von Philipps Gesprächspartnern, der abstrahiert autobiografische Zeichentrickfilm und die sich zuspitzende Konfrontation zwischen Wolf und Philipp – werden um eine vierte ergänzt, als Wolf aus dem Papierkorb des Computers bereits gelöschte Dateien wiederherstellt. Denn die werfen ein neues Licht auf die Motivation Philipps, diesen Film zu machen. So verschachtelt die erzähltechnische Struktur des Hörspiels konstruiert ist, so transparent sind die Ebenen akustisch voneinander getrennt. Die heitere Melodie, mit der der Zeichentrickfilm unterlegt ist, betont kontrastierend die tragische Verstrickung, der Paul/Philipp aus eigener Kraft nicht entkommen kann.

Im Verlauf des Stücks erkennt auch Wolf, dass es hier um mehr geht als das Projekt eines verbitterten Dokumentarfilmers. Es entwickelt sich eine kammerspielartige Konfrontation zwischen Philipp und Wolf, in der es nicht in erster Linie um die moralischen Verfehlungen geht, sondern um die Konsequenzen, die sie haben bzw. nicht haben. Angedeutet werden ein paar entwicklungspsychologische Ursachen und auch mit dem dramaturgischen Begriffspaar „want“ und „need“ (Ziel und Bedürfnis) wird Philipps Persönlichkeits- und Motivationsstruktur nachgespürt. Außerdem gibt es noch eine weitere Person, gegenüber der Philipp schuldig geworden ist. Am Ende werden sich Philipp und Wolf miteinander prügeln, denn die Voraussetzungen der Erlösung sind Schmerz und Reue.

Die Frage nach den Konsequenzen ethischen Fehlverhaltens geht weit über die Geschichte hinaus, die Claudia Weber in ihrem Hörspiel erzählt. Einer der letzten, der solche moralische Fragen in seinen Stücken diskutiert hatte, war Friedrich Dürrenmatt. Claudia Weber kommt jedoch in ihrem Stück sowohl ohne eine oft allzu suggestive Biederkeit als auch ohne eine allzu harsche dramatische Zuspitzung aus. Zudem wird die Geschichte nie von einer pädagogischen Absicht verdeckt, über die man verstimmt sein könnte. Klug gesetzte Anspielungen animieren dazu, über die gesellschaftliche Dimension der diskutierten Fragestellungen nachzudenken.

In Claudia Webers außergewöhnlich unterhaltendem wie belehrendem Stück, das sie auch selbst inszeniert hat, funktioniert die Wiederherstellung der Moral wie die Wiederherstellung in den Papierkorb verschobener Dateien. Jedenfalls solange diese nicht unwiderruflich gelöscht oder so korrumpiert worden sind, dass sie nicht mehr funktionieren. In den gegenwärtigen politischen Verhältnissen kann man allerdings beobachten, wie moralische Werte planmäßig korrumpiert werden. Das „Making-of Moral“ bleibt Aufgabe der Gesellschaft.

10.07.2018 – Jochen Meißner/MK

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