Ingeborg Bachmann: Der gute Gott von Manhattan (NDR/SWF/BR)

Symbolisches Liebesmelodram

04.06.1958 •

Will man das im Halbdunkel der Poesie angesiedelte Hörspiel der jungen, begabten Ingeborg Bachmann auf eine simple inhaltliche Formel bringen, wird man sagen müssen, dass es hier um die Darstellung der Liebe als einer gefährlichen, ungewöhnlichen Begebenheit, als des holden Exzesses zweier Seelen und Körper ging. Liebe, gedeutet als höchste, angespannteste Form der Innerlichkeit, bringt sich in tragischen Konflikt mit der Welt und muss, da sie eine latente Bedrohung von Ordnung und Konvention ist, zerstört werden. Nicht von dieser Welt stammend, muss Liebe in dieser Welt zugrunde gehen. – Wie man sieht: ein echt romantisches Thema, Liebe und Tod treten als Geschwister auf. Das Leben mit seiner finsteren Prosa ist der geborene Widersacher jenes „anderen Zustandes“, jener mystischen Poesie, in der die Liebesfeier gipfelt.

Die dichterische Vision der Bachmann wäre an jedem beliebigen Szenarium zu exemplifizieren gewesen. Aber die Verfasserin hatte sich auf das Manhattan New Yorks als Kulisse ihres Tristan-und-Isolde-Melodramas kapriziert. Der „gute“ Gott Manhattans ist ein „böser“ Gott, der, unterstützt von „Eichhörnchen“, widerlich-boshaften Bediensteten aus dem dämonischen Zwischenreich, dafür Sorge trägt, dass das Individuum sich an die prosaischen Spielregeln der Welt hält. Notfalls verhindert er den Triumph der Empfindsamkeit durch Bombenattentate. Wegen seines eifersüchtigen Ordnungsterrorismus zur Rede gestellt, zögert der gute Gott von Manhattan nicht, sein Tun mit Argumenten zu verteidigen.

Mit dem Verhör des unliebenswürdigen Tyrannnen, der aus einem Angeklagten nach und nach zum Richter wird, beginnt das 82 Minuten lange Hörspiel. Die Liebesgeschichte, nach dem anfänglichen konventionellen Spiel der Sinnlichkeit unaufhaltsam dem pathetischen Untergang zustrebend, wird von Ingeborg Bachmann in das richterliche Spiel eingeblendet.

Der Gesamteindruck des Hörspiels, das neue Wege dichterischer Aussage zu beschreiten versucht, war zwiespältig. Immer, wo sich Gelegenheit zu dichterischen Ausbrüchen und halb-lyrischen Litaneien, zu zornigem oder schwermütigem „Gesang“ in Prosa ergab, war die Bachmann, von einigen zu gekonnten Surrealismen à la mode abgesehen, großartig. Immer, wo sie zu bauen und zu gestalten versuchte, wurde sie unglaubwürdig und bizarr, auch in jenen vagen zeitkritischen Anspielungen – die akustisch attraktiv gebracht – im Ansatz stecken blieben.

Manchmal bewegte sich das Hörspiel an den Grenzen des guten Geschmacks. Die zu breit geratene Marionettentheater-Einlage, die das Thema kontrapunktisch variieren sollte, war ein unglücklicher, an den Haaren herbeigezogener Einfall, ein zweitklassiger symbolistischer Aufguss. Die „Eichhörnchen“ mit ihren Rumpelstilzchen-Teufeleien waren – man verzeihe mir – von penetranter Lächerlichkeit. Auch die zentrale Gestalt des guten Gottes selbst, von den inneren Widersprüchen der Figur ganz zu schweigen, war ein ungenießbares Produkt, ein zwischen Realität und Poesie hängender Homunculus, Ablageplatz eine subjektivistischen Weltbetrachtung und das Gegenteil eines gültigen dichterischen Symbols. Ingeborg Bachmann hat gegen ein Grundgesetz der Poetik verstoßen, als sie sich ihre Allegorien, die man als stumme dichterische Größen eventuell ertragen kann, zum Leben erweckte und ins Mikrofon sprechen ließ.

Das auf verwegene Weise misslungene Hörspiel, für das sich in schönem Eifer gleich drei Rundfunkanstalten engagiert haben, litt im Grunde nicht an einem Übermaß, sondern an einem Mangel poetischer Kühnheit. Es hätte gewonnen, wenn anstelle des unleidlichen „erklärenden“ Rahmens, dieser Konzession an den hörspielüblichen Storyismus, das unverstellte Wort des Dichters, die „Sache selbst“ getreten wäre. Im Übrigen: ein Kompliment für die trefflich romantisierende musikalische Unterhaltung von Peter Zwetkoff und die durchgefeilte Inszenierung (Fritz Schröder-Jahn) dieser genialischen Romanze.

• Text aus Heft Nr. 23/1958 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

04.06.1958 – mn/FK

Print-Ausgabe 13-14/2020

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