Arkadi Strugatzki/Boris Strugatzki: Eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang (SWR 2)

Vielschichtiges Gruselett

30.12.2016 •

Das Autorenduo Arkadi und Boris Strugatzki schrieb von den frühen 1950er Jahren an bis zu Arkadis Tod rund 30 Romane und Erzählbände stets gemeinsam. Ihre Werke gehören seit vielen Jahrzehnten zum Bestand der internationalen Science-Fiction-Literatur, geschult an dem polnischen Vorbild Stanislaw Lem (1921 bis 2006), seinem Witz und seinem fantastischen Einfallsreichtum. 50 Millionen Exemplare an Büchern sind dem schreibenden Kombinat Arkadi Strugatzki (1925 bis 1991) und Boris Strugatzki (1933 bis 2012) zu verdanken – und Übersetzungen in 30 Sprachen. Vier Romane bzw. Vorlagen der beiden Brüder waren für den ARD-Hörfunk eingerichtet worden: „Die sechs Streichhölzer“ (SDR 1972), „Die häßlichen Schwäne“ (BR 1975), „Ein Käfer im Ameisenhaufen“ (BR/HR 1986) und „Die dritte Zivilisation“ (BR 1999).

Nun kommt mit „Eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang“ ein fünftes Hörspiel dazu. Der Roman erschien 1976 in der damaligen Sowjetunion zunächst in der Zeitschrift „Snanie-Sila“ (zu Deutsch: „Wissen ist Macht“); es ist eine fantastische Erzählung über das Eingreifen fremder, möglicherweise außerirdischer Mächte in das Trachten und Treiben genialer sowjetischer Wissenschaftler. Boris Strugatzki notierte später über diese gemeinsame Arbeit: „Es ist interessant, dass der Subtext in diesem Roman, so sorgfältig er auch getarnt schien, an die Oberfläche drang und sofort das Misstrauen der Obrigkeit auslöste. Die Zeitschrift ‘Awrora’ hatte zunächst ungeduldig auf den Roman gewartet, das heißt, ihn bestellt und sogar einen Vorschuss dafür bezahlt; es waren positive Gutachten eingeholt und keinerlei Ansatzpunkte für Einwände gefunden worden. Und dennoch verlangte die Redaktion, obwohl sie uns prinzipiell wohlgesinnt war, umgehend, die Handlung in ein kapitalistisches Land zu verlegen (zum Beispiel USA), und als wir uns weigerten, lehnte sie den Roman auf der Stelle ab – mit Bedauern, aber entschieden.“

Genau dieser Kampf gegen völlig ungewisse und für die Wissenschaftler nicht greifbare fremde staatliche Mächte macht im Rückblick den Reiz der Erzählung über ein geheimnisvolles „homöostatisches Weltgebäude“ aus, das nicht nur der „Wechselwirkung Sterne und der diffusen Materie“ verpflichtet scheint, sondern auch einem stets unsichtbaren Regierungsapparat, der jeden wissenschaftlichen Alleingang ebenso hart und unnachsichtig verfolgt, wie er Freunde und Mitarbeiter ermorden oder auch verschwinden lässt. Das alles erzählen die Brüder mit wunderbarem Biss und Sarkasmus, so dass im Entsetzlichen immer noch ein Funken narrativer Humanitas durchschimmert, was das Eingebundensein in sowjetischen Totalitarismus fast erträglich scheinen lässt.

Walter Adler hat den Roman „Eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang“ (Übersetzung aus dem Russischen: Welta Ehlert) im Auftrag der SWR-Hörspielabteilung für den Funk bearbeitet und dabei selbst die Regie geführt. Mit den Stimmen von Matthias Bundschuh, Robert Dölle, Ulrich Matthes, Axel Milberg, Constanze Becker und weiterer exzellenter Sprecher gelingt dem Regisseur ein vielschichtiges Gruselett, das die Entmündigung des freien Geistes unter dem sowjetischen Regime mit Biss und Schauder aufflackern lässt. Mit rund 100 Sendeminuten erreichte die Produktion freilich auch ein Längenmaß, das nicht weiter hätte strapaziert werden dürfen, da bei aller Sympathie nach 70 Minuten (mit reichlich Kaviar und Wodka) alles Wesentliche bereits zur Sprache gekommen war. Das gilt auch in Hinblick auf die Bemerkung von Boris Strugatzki, der da sagte: „Bekanntlich gibt es nichts Angenehmeres, als sich an eine Unannehmlichkeit zu erinnern, die man glücklich überstanden hat.“

30.12.2016 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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