Mario Salazar: Vatersterben (SWR 2)

Flucht und Vertreibung

17.06.2016 •

Im Programmheft des SWR firmierte „Vatersterben“, die Radioarbeit des deutsch-chilenischen Nachwuchsautors Mario Salazar, als „Hörspiel“. Ein Irrtum oder eine falsche Zuweisung, wie sich rasch herausstellen sollte. Denn es kam hier auf dem Dienstag-Hörspielsendeplatz „SWR 2 Tandem“ lediglich zu einer monologischen Lesung des vorliegenden Textes, die der Sprecher Matti Krause besorgte. Dabei ruft die Vorlage (sie wird bei der Kiepenheuer Vertriebs-GmbH als Bühnentext verwaltet und wartet noch auf ihre Uraufführung am Theater) ganz offensichtlich nach einer dialogischen Umsetzung. Der heute 36-jährige Autor berichtet in dem Text facettenreich, vielschichtig und letztlich vielstimmig vom Tod seiner Väter, des leiblichen chilenischen Vaters Omar und des „Ziehvaters“ Ottmar, der die familiäre Nachfolge des aus der DDR ausgewiesenen Flüchtlings und Asylanten übernommen hatte.

Erzählung und Geschichte schildern auf dramatische Weise auf der einen Seite die Zerstörung einer sozialistischen Utopie in Chile unter Präsident Salvador Allende Anfang, der 1973 durch einen Militärputsch gestürzt wurde, und auf der anderen Seite die vermeintliche und trügerische „Gastfreundschaft“ des sozialistischen „Bruderstaates“ DDR, der die nach dem Umsturz flüchtenden Chilenen zunächst zwar im Einzelfall aufnahm, dann aber ebenso schamlos wieder des Landes verwies – ganz so, wie wir es aus der heutigen Europa-Politik zur Genüge kennen.

Mario Salazar, der Erzähler, ist in diese deprimierende Gemengelage autobiografisch voll eingebunden und seine Jugend ist durch die große Politik offensichtlich zerstört. Über den leiblichen Vater heißt es: „Omar wollte zwei Jahre nach seiner Ausweisung in die DDR zurückkehren, um seine Kinder zu besuchen. An der Friedrichstraße wurde er abgewiesen mit dem Hinweis, er werde als Staatsfeind geführt. Beinahe zwanzig Jahre nach meiner Trennung von Omar flog ich nach Santiago de Chile. Ich bezog mein Hotelzimmer und machte mich umgehend auf den Weg zum Präsidentenpalast im Stadtzentrum. Ich wollte sehen, wo Omars Geschichte eine erste dramatische Wendung genommen und mein Leben in gewisser Weise begonnen hatte. Am Abend rief ich Omar an. Er sagte, in einer Stunde sei er im Hotel. Ich setzte mich in die Hotellobby und wartete so, wie ich es immer getan hatte. Ich wartete auf den toten Vater.“

Die Erzählstruktur ist komplex und radikal angelegt, wobei die Perspektiven immer wieder zwischen Chile, dem maroden Arbeiter- und Bauernstaat der DDR, dessen Überwachungsmechanismen und nicht zuletzt den erodierten Familien in Europa und Südamerika wechseln. Die Sprünge sind überraschend angelegt und Matti Krause als Sprecher oder Vorleser (Regie: Karin Hutzler) gelingt es nicht immer, die wechselnden Welten und Zeiten zu vermitteln. Eine Bearbeitung im Sinne von mehreren Stimmen hätte hier sicher Wunder wirken können.

Am Tag nach der Ausstrahlung seines 40-minütigen Hörstücks war der Autor auf dem SWR-2-Sendeplatz „Rakete“ im Gespräch mit Frauke Oppenberg zu hören. Hier erläuterte der 1980 in Berlin geborene Mario Salazar ausführlich das persönliche Drama um den aus der DDR ausgewiesenen Vater, der sein Vaterleben nicht leben durfte, und einen Ziehvater, den der Ziehsohn und Autor tot zwischen seinen Händen hielt und beerdigen musste. Salazar machte deutlich, wie radikal Flucht und Verfolgung in die deutsche Geschichte eingraviert sind, auch unter sozialistischem Vorzeichen.

17.06.2016 – Christian Hörburger/MK

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