Eugen Egner: Der späte Bus (WDR 3)

Unterhaltsame Realitätsverwahrlosung

10.12.2015 • „Wie soll man Vertrauen in die Welt haben, wenn jeden Augenblick der allerabsurdeste Unsinn geschehen kann?“, fragt sich Bruno Hauff. Er erlebt die Gegenwart als fremd und feindlich, Zukunft erscheint ihm als Synonym für Horror. Seine Sorge spitzt sich zu in der Vermutung, dass da an Wochentagen ein geheimer Nachtbus verkehre, kein neuzeitlicher Linienbus, sondern einer im Museums-Look. Hauff sucht mehrfach eine Therapeutin auf, die ihn mit konventionellen Erklärungen traktiert und ihm leider nicht helfen kann.

Bruno Hauff ist jedoch offenbar nicht der Einzige, der die Auswirkungen einer immer stärker um sich greifenden „Realitätsverwahrlosung“ zu spüren bekommt. Eine verzweifelte Rentnerin, die den irregulären Nachtbusverkehr ebenfalls regelmäßig beobachtet, bombardiert die städtischen Verkehrsbetriebe mit entsprechenden Anrufen und Briefen und droht mit Eingaben an das „Bundesamt für Fehlentwicklung“. Hauff erfährt durch seinen Freund Werner, einen Angestellten eben dieser Verkehrsbetriebe, von der sich ebenfalls beklagenden Rentnerin und fühlt sich darob in seinen Wahrnehmungen bestätigt.

Die Situation entwickelt sich bedrohlich, als unser Mann von einer mysteriösen Stimme aus dem Jenseits absurde Befehle erhält: Beispielsweise soll er die „Insignien der Königin des Busbahnhofs schänden“. Für den Fall der Nichtbefolgung werden ihm fürchterliche Strafen angedroht. Zu Hauffs Glück scheint sich die Stimme jedoch im Adressaten geirrt zu haben, „die göttliche Macht hat sich verwählt“: Er wird als „Alf Tannenbaum“ angesprochen. Seine Versuche, mit dem echten Herrn Tannenbaum Kontakt aufzunehmen, scheitern kläglich. Die Stimme meldet sich wieder, die Befehle werden immer verworrener, die Drohungen immer schlimmer. Bis Hauff dann eines Tages seinen eigenen Namen hört und weiß, dass er schleunigst aus dieser seiner Realität verschwinden muss.

Wer der Aufforderung des Protagonisten (an die Therapeutin) folgt und den Begriff der „Realitätsverwahrlosung“ googelt, kann feststellen, dass Eugen Egner, der Autor des WDR-Hörspiels „Der späte Bus“, die Idee dazu schon im Jahr 2013 in der „Berliner Zeitung“ vorstellte, wo er unter dem Reihentitel „Mein Leben: Neues aus der unerschöpflichen Biografie von Eugen Egner“ schon seit mehreren Jahren immer mal wieder skurrile Erlebnisse und Erkenntnisse zum Besten gab. So lässt sich dort Folgendes nachlesen: „Offenbar haben die von den diversen elektronischen Medien generierten und kumulierten Datenmengen ein Eigenleben angenommen, wodurch eine Art schizophrenen Bewusstseins entstanden ist. Dieses erzeugt auf dem Wege der Selbstentzündung wahllos Kopien von ebenso wahllos kombinierten Realitätsteilen.“ Die hier formulierten Sätze wurden fast wörtlich in das Hörspiel übernommen.

In einer Medienwelt, in der sich möchtegern-witzige Kabarettisten geradezu allgegenwärtig mit idiotischen Plattitüden zu überbieten versuchen, wirken Egners groteske Erfindungen phantastischer Alltagsmysterien in ihren bierernsten Darstellungen wie Balsam auf die geschundene Hörerseele. Erfreulich ist immer wieder, wie gut die Einfälle des Wuppertaler Autors und Zeichners im Hörspiel funktionieren. Das liegt auch hier wieder daran, dass jenseits netter Ideen eine unterhaltsame Geschichte erzählt wird, deren fein aufgebaute Dramaturgie ihren Spannungsbogen bis zum Finale aufrechterhalten kann. Seit dem Hörspiel „Der Notfall erfordert alles“ (vgl. FK-Heft Nr. 35-36/03) wurden im Rahmen der Zusammenarbeit Egners mit dem WDR insgesamt elf Stücke produziert, darunter Perlen wie „Olga La Fong“ (vgl. FK-Heft Nr. 35/08).

Obwohl das Hörspiel „Der späte Bus“ diesmal wohl mit einem halben Dutzend Schauspieler bequem auf die Kleinbühne zu bringen gewesen wäre, sparte Regisseurin Angeli Backhausen nicht mit Nebendarstellern. Über 20 Akteure ließ sie in „Der späte Bus“ durch die Szenen laufen, darunter Gustav Peter Wöhler (Bruno Hauff), Rudolf Kowalski (Freund Werner), Janina Sachau (Therapeutin) und Martin Bross (die im Abspann so benannte „fatale Stimme“). Die Inszenierung setzte überwiegend auf Dialoge und wurde dabei von inneren Monologen des Hauptdarstellers unterstützt. Dazu gab’s jede Menge Geräusche und – neben Kurzeinspielungen einiger Oldies – eine entspannte basslastige Komposition von Rainer Quade mit einem sehr hübschen treibenden Groove. Und zum Schluss dann noch die Auflösung, was die unverständliche letzte Aufforderung der „fatalen Stimme“ besagte: Wie zu vermuten war, handelte es sich um einen rückwärts abgespielten Satz. Richtig herum gedreht lautete dieser Satz: „Die Ameisen wissen nichts von der christlichen Heilslehre.“ Fürwahr, fürwahr.

10.12.2015 – Andreas Matzdorf/MK

Print-Ausgabe 3-4/2018

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