Roland E. Koch: Alleestraße (Deutschlandfunk)

Erinnerungen an die Straße ohne Bäume

17.04.2016 •

Momentaufnahmen wie mit der Polaroid-Kamera gemacht gleichen die Kindheitserinnerungen, die der 1959 in Hagen geborene Autor Roland E. Koch in seinem Buch „Alleestraße“ zusammengetragen hat. Erschienen ist es 2014 im Kölner Verlag „rhein wörtlich“, der mit seiner vorwiegend auf Kölner Autoren ausgerichteten Edition und in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Köln um die Aufmerksamkeit des dortigen Publikums wirbt. Nun hat sich der Deutschlandfunk als Sender, der immerhin bundesweit aus Köln ausstrahlt, Kochs neuester Arbeit angenommen. Schade, dass man den Autor trotz so viel geografischer und literarischer Nähe nicht zu einem Originalhörspiel überreden konnte. Denn daran herrscht derzeit Mangel und Bedarf. Bearbeitungen gibt es, man möchte sagen: mehr als genug.

Die Buchvorlage Kochs eignet sich dennoch durchaus als Funkmonolog. Ein Hörspiel im klassischen Sinne indes ist „Alleestraße“ nicht. Der Text hat keinerlei szenische Dimension, er ist nicht fiktional konzipiert, sondern ein Erlebnisbericht, im Ich-Duktus gehalten. Folgerichtig beginnt er – wie so viele literarische, aber auch nicht-literarische Erinnerungen – mit dem Wort „Ich“. Der Erzähler sieht sich an der Hand seiner Mutter durch eine „gerade, kleine Straße“ gehen, „direkt neben der Mutter. Sie jammert.“ Damit ist ein Grundton der Narration angeschlagen. Die Mutter jammert, weil der Sohn ihr so viel Arbeit mache mit all dem Waschen und Plätten der Wäsche. Der Sohn ist drei Jahre alt. Ein kleiner Junge, der sich verständlicherweise nach etwas anderem sehnt als dem Lamentieren seiner Mutter und den strikten Erziehungsvorstellungen seines Vaters.

Es ist eine Kindheitsgeschichte der sechziger und siebziger Jahre im Ruhrgebiet, eingebettet in den allgemeinen Wiederaufbau und die weitgehend unverarbeitete Vergangenheitsbewältigung, wie sie auch die Familie des Erzählers prägt. Mehr als einmal berichtet er von den Treffen seines Vaters und seiner beiden Onkel mit dem Großvater. Immer sei die Begrüßung wortlos gewesen, immer mit hochgerecktem rechtem Arm. Die Geste ist eindeutig. Zu der damit verbundenen Gedankenwelt gehört auch die lieblose Behandlung des Kindes, dem die Eltern Geschenke versprechen, die sie dann aber zu besorgen vergessen oder dem Kind wieder wegnehmen, wenn das Geschenk plötzlich als nicht lehrreich genug empfunden wird. Was ist Besonderes an dieser Kindheit?

Was macht sie erzählenswert? Es ist der Umstand, dass sie sich vielfach in anderen Kindheitserinnerungen dieser Zeit spiegelt – nicht zuletzt in denen, die dem Bereich der „Oral History“ zuzuschreiben, also privat geblieben sind. Der Versuch, diesen vielen literarisch unbeachteten Erinnerungen Stimme zu geben, gelingt hier vor allem und gerade durch das Hörbarmachen, durch die Stimme Ulrich Noethens, die Regie Fabian von Freiers und die musikalische Kolorierung von Marion Wörle und Maciej Sledziecki.

Vor allem der Klanggestaltung gelingt der Spagat zwischen Monochromie und Polichromie. Der fast monoton gehaltene, auf jeden Fall äußerst verhaltene Sprachduktus entfaltet in der Realisierung durch den hervorragenden Ulrich Noethen eine verborgene Intensität, die durch die musikalische Intarsierung gelegentlich fast zum Leuchten gebracht wird. Deutlich wird das ganz besonders in der Erinnerung des Erzählers an die Begegnung mit dem großen jüdischen Autor Aharon Appelfeld, der 1932 bei Czernowitz geboren wurde und nach grauenvollen Erlebnissen durch die Nazi-Verfolgung in Israel eine neue Heimat fand. Ihm stellt Roland E. Koch die Frage, die für seinen Kindheitsbericht zentral ist: „Kann man seiner Kindheit entkommen?“ Appelfeld entgegnet, nur die Erinnerung an die Liebe seiner Mutter habe ihm das Leben gerettet. Koch hingegen hat nach eigenem Bekunden die Entfernung von seiner Kindheit als Befreiung erlebt. Immerhin: In der Entfernung von fast fünfzig Jahren, so schließt der Monolog, „werden es weiche Tage“.

Die titelgebende Alleestraße führt also nicht in eine schöne Welt „besonnter Kindheit“. Keine Parks, keine Villen links und rechts, keine Rosenhecken und schicke Roller. Die Alleestraße hat keine Bäume mehr. Sie sind abgeholzt. Schon sehr lange. Geblieben ist nur ein Name, der etwas Falsches vorspiegelt. Dieses Changieren zwischen wahr und falsch, zwischen Täuschen und Getäuschtwerden erfährt in der sensiblen und gleichzeitig präzisen Inszenierung Fabian von Freiers eine eigene Wahrheit. Sie lebt von kaum wahrnehmbaren, aber dennoch nachvollziehbaren emotionalen Lagewechseln und zarten Nuancen.

17.04.2016 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK