Marguerite Duras: Der Liebhaber (SWR 2)

Entschleunigung und Behutsamkeit

11.11.2016 •

„Es gibt Leute, die glauben zu schreiben, und solche, die tatsächlich schreiben“, sagte Marguerite Duras (1914 bis 1996) nicht ohne Selbstgefälligkeit, als ihr 1984 der Prix Goncourt für „Der Liebhaber“ (französischer Originaltitel: „L’Amant“) überreicht wurde. Und man sollte sich nicht täuschen lassen: „Der Liebhaber“ ist kein Roman, wie immer wieder vorschnell unterstellt wird. Die Autorin hat ganz bewusst auf eine nähere Bezeichnung und damit Klassifizierung des Geschriebenen verzichtet.

Es ist ein Stück Weltliteratur geworden, mit ganz starken autobiografischen Zügen, aber eben kein Roman. Das Buch, das zwei Monate nach Erscheinen bereits über 300.000 Mal verkauft war und ein veritabler Bestseller wurde, sei „das leichteste Buch“, das sie jemals geschrieben habe, behauptete die Autorin, die zeitweilig dem nüchternen Schreibstil der französischen Avantgarde und der Sachlichkeit des nouveau roman verpflichtet war.

„Der Liebhaber“ ist ein facettenreicher Rückspiegel auf eine ambivalente Jugend im fernen Indochina, als Frankreich dort noch als Kolonialmacht fungierte und die schillernde Kultur maßgeblich mitverwaltete. Marguerite Duras beleuchtet aus sehr unterschiedlichen Perspektiven die erste Liebe einer Fünfzehnjährigen zu einem Chinesen, den Strudel entfesselter Sinnlichkeit und das Scheitern dieser Beziehung. Die junge Französin darf den Immobilien-Milliardär nicht heiraten, kulturelle Konventionen und das Nein der eigenen Mutter wie der chinesischen Familie stehen dem entgegen. Es ist eine tieftraurige Liebesgeschichte, die ungeachtet ekstatischer Sequenzen das Unerlöste, die Trauer und die Melancholie transportiert.

Die sprachlichen Perspektiven, der Wechsel zwischen der ersten und der dritten Person, die beiläufigen Sprünge zwischen einer Erzählerin, der Mutter und einer Tochter, Spots zwischen einem Damals und der Gegenwart, die problematische Geschwisterbeziehung, das alles ist in der epischen Vorlage von größter Spannkraft. Und dann ist da dieses Bekenntnis der Autorin: „Wir wuchsen komplett hemmungslos auf. Es hatte etwas Brutales. Meine Mutter kümmert sich nicht. Auch meine Brüder erlebten das so. Wir waren höhere Tiere. Schreckliche wilde Tiere.“ Und dieses Bekenntnis wetterleuchtet in dem literarischen Bericht, der kein Roman ist, stets mit.

Dass es erst jetzt zu einer Funkeinrichtung kam – sie nahm Kai Grehn als Bearbeiter und Regisseur in die Hände –, ist bemerkenswert. Immerhin sind im Verlauf der vergangenen Jahre in deutschen Radioprogrammen rund zwanzig Hörspiele oder Funkeinrichtungen der berühmten französischen Autorin zur Sendung gelangt: „Damm gegen den Pazifik“ (SWF 1962), „Ganze Tage in den Bäumen“ (SDR 1964), „Madame Dodin“ (WDR/HR 1967), „Die Krankheit Tod“ (WDR/NDR/SR 1985), „Das ist alles. C’est tout“ (RBB 2012) und anderes mehr.

Mag sein, dass sich der Erzählduktus in „Der Liebhaber“ (Übersetzung aus dem Französischen: Ilma Rakusa) für die Bearbeiter zunächst als zu sperrig erwies. Aber Kai Grehn hat in der jetzigen SWR-Produktion einen Gestus und einen Duktus gefunden, der alles in allem sehr stimmig wirkt. Grehn lässt in dem 85-minütigen Stück die Protagonistin und Erzählerin Duras durch zwei Stimmen sprechen (Dagmar Manzel und Paula Beer), und zwar dergestalt, dass sich jeweils eine biografische Nähe oder auch Ferne einstellen konnte, Zeitensprünge wurden dadurch möglich, die auch in der Vorlage angelegt sind. (Die französisch eingesprochenen Texteinschübe durfte der Hörer freilich getrost als Versuchsanordnung empfinden, denn die deutsch-französische Aussprache zeigte so ihre Tücken.)

Besonders hilfreich war bei der Produktion die Herausarbeitung einer Haltung, die auf Entschleunigung und Behutsamkeit setzte. Die eingebauten Kompositionen von Song Yuzhe waren dabei von herausragender Schönheit und sinnlicher Nähe und verzauberten die Ohren mit dem fernöstlichen Schmerz einer letztlich verbotenen Liebe, einer Liebe im Spannungsfeld der kolonialen Ansprüche von Politik und Familie. Im Verlag Hörbuch Hamburg soll das Hörspiel demnächst als CD-Ausgabe herauskommen.

11.11.2016 – Christian Hörburger/MK