Christian Hussel: Das Kuhrennen (SWR 2) 

Wenn das Fernsehen kommt

08.07.2016 •

Das Landleben ist nicht so beschaulich, wie es das Klischee will. Dieser Tatsache nähert sich die Literatur meist über den ausgetretenen Pfad des Dorfkrimis. Christian Hussel überspitzt in seinem Hörspiel „Das Kuhrennen“ dieses hinlänglich bekannte Genre zu der kurzweiligen und unterhaltsamen Form einer in der Provinz spielenden Gaunerkomödie. Im Zentrum des knapp einstündigen Stücks (Regie: Ulrich Lampen) steht das im süddeutschen Raum angesiedelte, prototypisch ländliche Örtchen Gautzsch. Als Alleinstellungsmerkmal dient dem Dorf ein seit dem Jahr 1762 regelmäßig veranstaltetes Kuhrennen mit Jockeys auf den Rücken der galoppierenden Wiederkäuer.

Als Stefan Fuchs (Nico Holonics), der Sohn der Bürgermeisterin (Johanna Gastdorf), auf die Idee kommt, das Rennen zu filmen und auf YouTube einzustellen, wird in einer Spielhalle in Singapur ein gewisser Mister Li (Chengjun Xue) auf das Dörfchen aufmerksam. Er wendet sich an die Gemeinde und fragt an, ob man beim nächsten Mal nicht an einer Live-Fernsehübertragung dieses ‘Sportereignisses’ interessiert sei und sich die Gemeinde nicht vorstellen könne, dafür die Rennstrecke auszubauen. Sofort erhält Li eine Zusage aus Gautzsch. Denn diese Chance auf Weltruhm wollen sich die Gautzscher Bürgermeisterin und viele Dorfbauern natürlich nicht entgehen lassen. Doch das hat diese Wirkung zur Folge: Schon bald steht das kleine Gautzsch auch im Zentrum der internationalen Geschäfte der Wettmafia. Unsummen werden weltweit auf die Rennkühe gesetzt. Mister Li stirbt einen unerwartet frühen Tod und überschreibt vor seinem Ableben unter Folter jemand anderem die Vermarktungs- und Übertragungsrechte.

So beginnt ein Ringelreigen, in dem verschiedene Personen versuchen, die Fernsehrechte an dem mittlerweile international bekannten Gautzscher Kuhrennen zu erhalten, wobei sie bei diesem Versuch jeweils sterben. Auch an Fällen von Erpressung und Korruption herrscht kein Mangel. Neben der Mafia haben bei dem Geschehen noch eine lokale Polizistin (Claudia Jahn) und ein Südtiroler Baukrimineller (Georg Kaser) ihren Auftritt. Am Ende fällt den Gautzschern selbst wieder alles in die Hände, was dann das Happy End der skurrilen Handlung darstellt (in weiteren Rollen: Thomas Sarbacher, Martin Rentzsch, Oliver Kraushaar, Ming-Chen Lin, Yin Lin und viele andere).

Auf dem Weg zur Wiederherstellung des Dorfidylls ist alles „bigger than life“: das Standoff verschiedener Fraktionen der Wettmafia mit Raketenwerfern und Maschinengewehren, der Hype um das Kuhrennen und die Profitraten, die die Hintermänner des internationalen Wettgeschäfts mit dem Rennen einfahren. Doch dieses Hörspiel ist nicht nur herrlicher Klamauk, sondern bringt über die humorige Schiene auch unverkrampfte Kritik an Phänomenen wie der Eventkultur an. Die bauernschlauen Dörfler, die am Ende noch mit materiellem Gewinn aus dem mörderischen Treiben herauskommen, werden schonungslos vorgeführt. Besonders die musikalisch vorgetragenen Kommentare der „Wellbappn“ tragen einen Gutteil dazu bei. Denn Hans Well (Jg. 1953) und seine Töchter Sarah (Jg. 1991) und Tabea (Jg. 1993) sowie sein Sohn Jonas (Jg. 1996) singen von ausländerfeindlichen Menschen, die nur bei Investoren nicht auf die Herkunft schauen, und machen sich über „regio­nale Wertschöpfung im Sinne der Nachhaltigkeit“ lustig.

Die Lieder der „Wellbappn“ sind intelligent und hören sich in ihrem bajuwarischen Stil auch noch gut an. Es ist wirklich erfreulich, dass die nächste Generation die Tradition der Well-Familie weiterführt, der Volksmusik das Volkstümliche auszutreiben. Mit dieser starken musikalischen Unterstützung gelingt es Christian Hussel, dem regionalen Charakter der Geschichte Allgemeingültigkeit abzugewinnen und einen aktuellen Wirtschaftskrimi zu entwickeln. Chapeau!

08.07.2016 – Rafik Will/MK