Donnerstalk. Talkshow mit Dunja Hayali (ZDF)

Ein gelungenes Experiment

06.08.2015 •

Glück fürs ZDF: Der Titel ist wieder frei. Denn einen „Donnerstalk“ gab es schon einmal zwischen 2004 und 2010 im ORF. Es war eine originelle satirische Late-Night-Sendung mit dem österreichischen Kabarettisten Alfred Dorfer als zentralem Protagonisten, die regelmäßig auch hierzulande, unter anderem bei 3sat, zu sehen war. Formal besteht keine Verwandtschaft zum „Donnerstalk“, mit dem das ZDF viermal den Talkshow-Sendeplatz am Donnerstagabend bestreitet, während die Diskussionssendung „Maybrit Illner“ pausiert. Den ‘Ferienjob’ übernahm Dunja Hayali, die ansonsten in der Frühschicht tätig ist und das ZDF-„Morgenmagazin“ moderiert. Im „Donnerstalk“ (Produktion: Doc Lights) präsentiert Hayali je Sendung drei Themen und ist bei zweien im Vorfeld als Reporterin unterwegs. Der Studio-Anteil ist somit geringer als bei „Maybrit Illner“.

In der „Donnerstalk“-Auftaktsendung lauten die Inhaltsangaben: „Zielscheibe Asylbewerber“, „Hass im Netz“, „Helfer auf vier Pfoten“. Zu Beginn streift die Kamera bei der Fahrt vom Publikum zur Gastgeberin symbolträchtig vier Kopftuch tragende Frauen, die in der ersten und zweiten Reihe Platz genommen haben. Es folgt ein überschwänglicher Begrüßungsapplaus und eine überrascht-dankbare Reaktion der Moderatorin – ein albernes Ritual, das glücklicherweise in der zweiten Sendung keine Wiederholung fand. Nach der Vorstellung der Gäste folgt zur Etablierung des ersten Themas ein Ausschnitt aus einem Filmbericht, der im „Morgenmagazin“ gesendet wurde. Der Beitrag enthielt einen Reigen abstruser Aussagen von Mitbürgern mit sächsischer Sprachfärbung zum Thema Asylbewerber: „Die machen hier Urlaub“, „Schlaraffenland“, „Schmarotzer“, „Abschaum“. Hayali hatte den Beitrag auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht und berichtet in ihrer Sendung von antirassistischen Kommentaren, blendet aber auch eine Hass-Mitteilung ein, in der sie als „Asylschmarotzerhure“ beschimpft wird.

Ein weiterer Beitrag, eine kurze Reportage, zeigt Hayali in Berlin-Marzahn, wo der Betreiber eines noch nicht bezogenen neuen Flüchtlingsheims zum Tag der offenen Tür gebeten hat, um Vorurteilen entgegenzuwirken. 120 Polizisten sind zugegen, um Neonazis fernzuhalten. Aus Sicherheitsgründen werden jeweils nur kleine Gruppen durchs Haus geführt. Hayali schließt sich einer von ihnen an und sieht sich anschließend auch in der Nachbarschaft um, wo gerade „aufgerüstet“ wird, mit Bewegungsmeldern und anderen Sicherheitsanlagen. Weil sich manche Menschen, so ein Anwohner, „wie Tiere“ verhielten.

Zurück im Studio, kommentiert Hayali erfrischend offen: „Da muss man sich erst mal ein bisschen schütteln.“ Zum Thema diskutiert sie mit dem Polit-Blogger Sascha Lobo und Alexander Gauland, stellvertretender Vorsitzender der rechtskonservativen AfD, zuvor 40 Jahre in der CDU aktiv. Sascha Lobo wird kurz ein wenig heftig, versucht wohl, Gauland zu provozieren. Hayali gelingt es jedoch, die sachliche Ebene zu wahren. Gauland klammert sich keineswegs an plakative Phrasen, er erhält Gelegenheit, seine Standpunkte detailliert darzulegen – die Voraussetzung, um Positionen rechtskonservativer Politiker, ausländerfeindlich auftretender Funktionäre und von Demagogen argumentativ beantworten zu können. Immerhin distanziert sich Gauland deutlich von jenen, die vor Flüchtlingsheimen Nazi-Parolen skandieren. Eine hoffentlich nachwirkende Klarstellung.

An diesem Beispiel zeigt sich der Wert einer kultivierten Debatte. Erst die genaue Kenntnis der politischen Programme ermöglicht eine sinnvolle inhaltliche Auseinandersetzung. Weil sie im Idealfall unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen miteinander ins Gespräch bringen, haben sich politische Talkshows beileibe nicht überlebt. Und sie stehen auch nicht in Konkurrenz zum dokumentarischen Film, der eine ganz andere Anlaufzeit benötigt und eine andere Diskursform pflegt. Beide Sendeformen ergänzen einander.

Das zweite Segment der Premierensendung stand in enger Verbindung zum Thema Ausländerhass. Beispiele von Hetzereien im Web ermöglichten eine schlüssige Überleitung zum nächsten Einspieler. Der Sportjournalist Dieter Matz wurde Opfer von Cybermobbing und erlitt dadurch eine psychische Erkrankung. Matz ist Gast im Studio, ebenso der Hochschulprofessor Dirk Heckmann, Experte für Cybermobbing. Hayali begrüßt ihn mit der Frage: „Was kann man machen?“ Dieser pragmatische Ansatz, die Frage nach Lösungen, ist Merkmal der Sendung. Wobei es illusorisch wäre, die Probleme dieser Republik in einer abendlichen Talkrunde bewältigen zu können. Aber in den ersten beiden Ausgaben von „Donnerstalk“ gab es keinen oberflächlichen Parteienstreit; es ging um Denk­anstöße, Informationen und Ideen, die mit Argumenten unter­füttert wurden.

Das abschließende „Donnerstalk“-Thema wird jeweils von einem prominenten Gast vorgestellt und in einem Filmbeitrag präsentiert. In der ersten Ausgabe hatte Monica Lierhaus diese Aufgabe übernommen. Sie hatte ihren Hund dabei und lieferte einen Bericht über einen an Multipler Sklerose erkrankten Patienten, dessen Lebensqualität durch einen Therapiehund deutlich verbessert wird. Die Kosten für diese speziell ausgebildeten Tiere werden jedoch von den Krankenkassen nicht übernommen. Das einleitende Gespräch der beiden Moderatorinnen Hayali und Lierhaus, die selbst auf eine lange Zeit der Rekonvaleszenz zurückblickt, geriet zu lang und beinhaltete zu viele Wiederholungen. Die Ursache liegt auf der Hand: Lierhaus und Hayali kennen sich seit langem, da fällt es verständlicherweise schwer, die Rolle der erkundenden Journalistin zu wahren. Diese Einladung war schlichtweg eine unglückliche Idee.

Im Gros aber vermag dieses neue Format zu überzeugen. Durch kleine Nachbesserungen, wie sie von der ersten zur zweiten Sendung auch schon erfolgten, könnte eine ausgesprochen attraktive und sehenswerte Reihe entstehen – ein gelungenes Experiment. Ratsam wäre, die strenge Thementrennung und einschnürende zeitliche Begrenzung bei Bedarf aufzuheben, so dass Raum bleibt, um nachzuhaken. In der zweiten Sendung, nochmals ging es um die Flüchtlingsfrage, wurde nur kurz in Frage gestellt, dass Balkanländer pauschal zu sicheren Herkunftsländern erklärt werden sollen. Vor allem für Roma, die in Serbien, Bosnien und Mazedonien Benachteiligungen, teils auch Repressalien ausgesetzt sind, ein fataler Beschluss.

Dunja Hayali besitzt die nötige Kompetenz, als Reporterin wie als Talkmoderatorin zu agieren, wobei sie in beiden Funktionen vorrangig als Interviewerin auftritt. Im Studio bringt sie nur selten die Gäste untereinander ins Gespräch – bei Unterhaltungs-Talkshows ein Makel, bei zeitkritischen Sendungen hingegen oft der sachlichen Themenpräsentation zuträglich. Letztlich ist die Form von Inhalt und Gästekonstellation abhängig; auf das Mehrgespräch sollte dabei nicht von vorneherein verzichtet werden.

06.08.2015 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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