Brasilien, jenseits von Olympia: Eine ZDF-Reportage, zwei Versionen, drei Sendetitel und ein Schwerpunkt bei 3sat

19.08.2016 •

Von Eva Karnofsky

Keine Frage bringt Auslandskorrespondenten mehr zur Weißglut als die nach dem deutschen Bezug eines Themas. Denn das ist die Frage, mit der Redakteure im heimischen Sendegebäude gerne selbst die interessantesten Geschichten aus den Berichtsgebieten der Reporter abwürgen. Die Olympischen Sommerspiele in Brasilien sind Bezug genug, vom 5. bis 21. August steht Rio de Janeiro im Blickpunkt der Welt – und so durfte ZDF-Südamerika-Korrespondent Andreas Wunn zu einem Filmbeitrag über das Land ausholen, in dem er seit sechs Jahren lebt und in dem er sich bestens auskennt. Das hat er mit zwei Büchern über Brasilien bewiesen, seine Kurzbeiträge für die Nachrichtensendungen des ZDF zeugen davon und sein Film „Der brasilianische Patient – Olympialand in der Krise“ zeigte es nicht minder.

Der Film lief – und das ist eine eigene kleine Geschichte – innerhalb von neun Tagen gleich dreimal im Fernsehen. Die Redaktionen von ZDF, 3sat und Phoenix meinen dabei offensichtlich, geänderte Sendetitel könnten verbergen, dass sie dem Zuschauer gleich dreimal den gleichen Film vorsetzen. Denn Wunns Reportage lief nicht etwa zuerst im ZDF, sondern am 27. Juli zunächst beim Kultursender 3sat, unter dem Titel „Absteiger Brasilien – Vom Hoffnungsträger zum Sorgenkind“ (21.45 bis 22.30 Uhr). Und auch der gemeinsam von ARD und ZDF veranstaltete Ereignis- und Dokumentationskanal Phoenix präsentierte den Beitrag am 31. Juli im Rahmen seiner Reihe „Mein Ausland“ schon vor dem ZDF, unter dem Titel „Brasiliens geplatzte Träume – Olympialand in der Krise“ (21.45 bis 22.30 Uhr).

Eine durchaus irritiernede Methode

Schließlich war die Reportage von Andreas Wunn dann am 4. August auch im Hauptprogramm zu sehen: Das ZDF selbst bettete den Film dabei – einen Tag vor der Eröffnungsfeier – in die aktuelle Olympia-(Vorab-)Berichterstattung ein. Wunn war an diesem Tag bei Kathrin Müller-Hohenstein in Rio im Studio und stellte seinen Beitrag kurz vor. Was dann lief, war allerdings nicht das komplette 45-Minuten-Stück, das 3sat und Phoenix gebracht hatten, sondern eine auf 30 Minuten eingedampfte Version. Dafür hatte man sich wieder einen neuen Sendetitel ausgedacht, jetzt hieß der Film „Der brasilianische Patient – Olympialand in der Krise“. Dass der Film im ZDF im Rahmen der Olympia-Berichterstattung lief – ausgestrahlt wurde er von 20.55 bis 21.25 Uhr – dürfte ihm die gute Quote von 2,14 Mio Zuschauern eingebracht haben (Marktanteil: 7,5 Prozent). Auf solche Zahlen kommen die Spartensender 3sat und Phoenix nicht.

Dass ein Film in derart unterschiedlicher Form in die diversen Programme gestreut wird, ist eine durchaus irritierende Methode. Insbesondere aufgrund der Titeländerungen fragt man sich als Zuschauer schon, ob einem da ein X für ein U vorgemacht werden soll und ob die Sender einen nicht ernst nehmen. Dabei hat Andreas Wunn einen guten Film gemacht. Nach bewährtem Reportage-Konzept zeichnet er in seinem Beitrag (und an dieser Stelle wird die 45-Minuten-Version besprochen) am Beispiel des Lebensumfelds von einzelnen Menschen die Gesamtsituation des Landes Brasilien nach.

Der ZDF-Korrespondent hat seine Gesprächspartner gut ausgewählt, denn sie stehen für die größten Probleme, mit denen sich Brasilien derzeit herumschlägt – Wirtschaftskrise, Korruption, Umweltfrevel, Gewalt und Zika-Virus. Der Zuschauer sieht Andreas Wunn gelegentlich kurz im Gespräch mit seinen Interviewpartnern und kann so sicher sein, dass er seine Bilder nicht, wie heutzutage oft üblich, bei lokalen Fernsehstationen angekauft, sondern selbst erarbeitet hat. Und weil er einen Film im Vorfeld von Olympia gedreht hat, stellt er dem Zuschauer folgerichtig unter anderem zwei Sportler vor. Nein, es ist kein Fußballer darunter, denn Wunn kennt die Klischees und meidet sie, so wie er auch auf Karneval, Samba und die braunen Schönen der Copacabana weitgehend verzichtet.

Besser Krankenhäuser statt Sportstätten

Wunn präsentiert vielmehr eine Taekwondo-Kämpferin, die selbst bei den Spielen antritt und Kinder in dem Kampfsport trainiert. Sie führt das ZDF-Team in ihre Heimatstadt Itaboraí, rund 40 Kilometer östlich von Rio. Itaboraí steht exemplarisch für die brasilianische Wirtschaftskrise. Als der Ölpreis noch hoch war, begann man hier mit dem Bau riesiger Raffinerien für das Erdöl, das Brasilien offshore fördern wollte. Nun ist der Preis für das schwarze Gold im Keller und in Itaboraí zeugen nur noch Industrieruinen und leerstehende Bürotürme von dem Traum, Brasilien durch die 2006 und 2008 entdeckten Erdöl- und Erdgasfelder in eine Energie-Weltmacht zu verwandeln. Doch nicht nur der niedrige Ölpreis ist Schuld am Scheitern der Pläne der sechstgrößten Volkswirtschaft der Welt: Petrobras, der halbstaatliche brasilianische Energiekonzern, hat durch riesige Korruptionsskandale seine Kreditwürdigkeit verspielt. Zwar geht Wunn auf die omnipräsente Korruption in Politik und Wirtschaft ausführlich ein, der Zusammenhang zwischen Korruption bei Petrobras und Krise bleibt hier jedoch unscharf.

Der ZDF-Reporter zeigt die defizitäre Gesundheitsversorgung im zurückgebliebenen Nordosten Brasiliens am Beispiel einer jungen Frau, die für die Behandlung ihres infolge des Zika-Virus an Mikrozephalie erkrankten Sohnes jede Woche stundenlang bis ins nächste Krankenhaus unterwegs ist. Eigentlich, so die Quintessenz des Films, hätte Brasilien seine Milliarden statt in riesige Sportstätten wohl besser in Krankenhäuser investiert oder in die Instandsetzung maroder Schulen, wie sie im Film ebenfalls zu sehen sind. Doch nichts ist nur schwarz, das zeigt die Reportage auch: Kinder aus den Armenvierteln, denen man Sportmöglichkeiten bietet, gelangen nicht so schnell in die Fänge von Drogenhändlern und eine Olympia-Teilnehmerin wie die Taekwondo-Kämpferin ist eine Identifikationsfigur für die Kinder. Was nicht zu unterschätzen ist in einem Land, in dem der Berufswunsch Drogendealer bei Jugendlichen aus einfachen Verhältnissen nicht ungewöhnlich ist. Und das eine oder andere Infrastrukturprojekt wird weiterhin von Nutzen sein, schätzt Wunn, auch wenn so manches über die Köpfe der Bürger hinweggebaut worden ist, was er ebenfalls dokumentiert.

Die Reportage zeigt, dass die sich in den letzten Monaten häufenden Streiks in Brasilien, die es hin und wieder auch hierzulande in die Nachrichten schaffen, berechtigt sind. Ob Lehrer oder Polizisten – viele öffentliche Bedienstete werden nicht mehr regelmäßig bezahlt, weil die öffentlichen Kassen leer sind. Infolge der Krise und weil sich die Politiker die Taschen vollgestopft haben. „Wie sicher ist ein Land, das seine Sicherheitskräfte nicht pünktlich bezahlt?“, fragt Wunn zu Recht und stellt fest, das Olympia noch nie in einem gewalttätigeren Ambiente zu Gast war. Er geht mit Polizisten in einer Favela auf Streife, aber er verschweigt auch nicht, dass die Ordnungshüter keinesfalls beliebt sind. „Sie schießen erst und fragen dann“, sagt eine Bewohnerin.

Olympia in Rio war Anlass, dass der Kultursender 3sat sich vom 24. bis 27. Juli unter dem Titel „Im Fokus: Brasilien“ mit insgesamt zehn Beiträgen dem Gastland der Spiele gewidmet hat. In diesen vier Tagen wurde viel wiederholt, was man bereits vor zwei Jahren anlässlich der Fußball-WM gesehen hatte, so die wohl beste filmische Umsetzung der Stadtgeschichte von Rio de Janeiro, gedreht vom britischen Filmemacher Julien Temple, eine BBC/WDR­Produktion von 2014, die 3sat am 25. Juli noch einmal zeigte (22.25 bis 0.10 Uhr). Allerdings fehlte die Kultur in der 3sat-Berichterstattung über den 200-Millionen-Staat Brasilien. Und der hat viele gute Autoren und ebensolche Cineasten, interessante Maler und einfallsreiche Architekten zu bieten. Der Thriller „Elite Squad – Im Sumpf der Korruption“ (27.7., 22.30 bis 0.10 Uhr) des brasilianischen Regisseurs José Padilha gehörte zu den Highlights von „Im Fokus: Brasilien“. Besser, realistischer als in diesem Spielfilm kann die brasilianische Polizeikorruption kaum dargestellt werden. Er zeigt gewissermaßen, was Andreas Wunn, dessen Reportage denn auch Teil dieses 3sat-Schwerpunkts war, aus Sicherheitsgründen nicht drehen konnte.

Das Leben in den Favelas

Und wo Wunns Berichterstattung über die Favelas aufhörte, da setzte der 90-Minuten-Film „Zona Norte“ von Monika Treut ein, der auf der diesjährigen Berlinale Premiere hatte, von ZDF und 3sat mitproduziert wurde und nun im Rahmen von „Im Fokus: Brasilien“ erstmals auf den Bildschirm kam. Monika Treut hatte schon 2001 den Film „Kriegerin des Lichts“ über das „Projeto Uerê“ gedreht, ein alternatives Schulprojekt in einer Favela von Rio, das damals von der engagierten Lehrerin Yvonne Becerra de Mello mit Spendenmitteln gegründet worden war. Nun besuchte Treut das Projekt erneut. In einem schnelllebigen Land wie Brasilien grenzt es an ein Wunder, dass es noch existiert. Die von Becerra de Mello entwickelte spezielle Pädagogik für traumatisierte Kinder und Jugendliche, die in einer Umgebung der Gewalt aufwachsen, wurde inzwischen von staatlichen Schulen übernommen.

Zwar wird im Film „Zona Norte“, der am 26. Juli bei 3sat zu sehen war (22.25 bis 23.55 Uhr), nicht sonderlich klar herausgearbeitet, wie diese Pädagogik aussieht, doch umso interessanter sind die Lebensläufe der sechs jungen Frauen, die Treut bereits 2001 als Kinder kennengelernt hatte. Die Filmemacherin schaut kurz zurück, um die Frauen dann in ihrem heutigen Alltag zu begleiten. Die Frauen eint, dass sie sich mit ehrlicher Arbeit durchschlagen und es zu etwas bringen wollen, was in der gewalttätigen Umgebung der oftmals von Drogendealern beherrschten Favelas keine Selbstverständlichkeit ist und von Treut als Erfolg des „Projeto Uerê“ gewertet wird. Treut folgt den Frauen in ihre Häuser, an ihre Arbeitsstätten, in die Kirche oder während des Einkaufs, so dass der Zuschauer sich ein realistisches Bild vom Leben in den Favelas von Rio machen kann. Und so mausert sich, was zunächst etwas langatmig-kleinteilig als Bericht über ein Entwicklungsprojekt anfing, zu einem fesselnden Film, der Andreas Wunns Blick auf den brasilianischen Patienten sinnvoll ergänzte.

19.08.2016 – MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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