Die EM 2016 ist zu Ende und der Fernsehfußball ist mehr denn je ein Produkt der Unterhaltungsindustrie 

Am späten Sonntagabend (10. Juli) werden nicht wenige Zuschauer froh darüber gewesen sein, dass das Endspiel der Fußball-Europameisterschaft, das live im Ersten zu sehen war – nicht mit einem Elfmeterschießen zu Ende ging. Zum Glück, so werden viele, selbst wenn sie mit Frankreich gehalten hatten, gedacht haben, traf der portugiesische Stürmer Éder zwölf Minuten vor Ende der Verlängerung zum 1:0 für Portugal: Mit einem Schuss aus 20 Metern überwand er den französischen Torhüter Lloris und der Treffer bedeutete schlussendlich den Sieg und damit den EM-Titel für die Portugiesen. Zum Glück also fiel dieses Tor, denn eine weitere Verzögerung der Titelentscheidung hätte einen Abend weiter in die Länge gezogen, den man nicht gerade zu den Höhepunkten dieser Europameisterschaft zählen konnte. Dazu unterliefen beiden Mannschaften zu viele Fehler, die man auf einem solchen Niveau äußerst selten sieht.

Kein Wunder, dass die Live-Regie sich weniger auf das Spiel konzentrierte als auf ein vermeintliches Drama, das in der 7. Minute der ersten Halbzeit begonnen hatte. Da hatte der französische Stürmer Payet den Star der portugiesischen Mannschaft, Cristiano Ronaldo, in einem Zweikampf am Knie getroffen. Nach einer kurzen Behandlung schien es so zu sein, als könne Ronaldo weiterspielen. Neun Minuten später jedoch lässt sich der Portugiese auf den Rasen fallen und verzieht vor Schmerzen sein Gesicht. Erneut wird er behandelt, erneut kehrt er aufs Spielfeld zurück, um dann weitere sieben Minuten später unter Tränen aufzugeben und sich vom Platz tragen zu lassen. All das war in Großaufnahmen zu bewundern.

Ab der zweiten Hälfte saß der verletzte Ronaldo auf der Bank und immer wieder wurde eingeblendet, wie er dem Spiel von der Seitenlinie aus zuschaute, um dann in der Verlängerung als Co-Trainer zu agieren, der seine Teamkollegen aufputschte und dirigierte. Am Ende schien es so, als interessierte sich die Regie ausschließlich dafür, was mit Ronaldo sei, und nicht dafür, was sich sonst noch im Stadion ereignete. So bekam man am Fernsehschirm nichts von der Enttäuschung der französischen Fans mit, die sie angesichts der überraschenden Niederlage ihrer Mannschaft im heimischen Stade de France in St.-Denis beschlichen haben muss.

Gerd Gottlob, der das Finale für die ARD kommentierte, hatte seinerseits das Drama um Ronaldo, das dann zu einem überaus glücklichen Ende fand, treffend beschrieben. Anderes jedoch übersah er, weil er wie viele seiner Reporterkollegen lieber das erzählt, was er sich vor einem Spiel ausgedacht hat, als das zu beschreiben, was auf dem Spielfeld vor sich geht. Gottlob berichtete aber auch, dass ein Fan auf das Spielfeld lief und von Ordnern abgeführt worden war, was man aber als Fernsehzuschauer nicht mitbekam, da sich die Regie an das Pflichtenheft des Auftraggebers UEFA hielt, die solche Szenen, die sie organisatorisch nicht verhindern konnte, wenigstens nicht ausgestrahlt sehen möchte. Diese Zensur war in manchen EM-Spielen zuvor noch problematischer als ohnehin gewesen, als die Live-Regie die von russischen Fans provozierten Schlägereien unter den Zuschauern kurz nach Abpfiff eines Vorrundenspiels bewusst ignorierte. Solche Strategien beweisen erneut, dass der Fernsehfußball weniger ein journalistisches, sonder – mehr denn je – ein Produkt der Unterhaltungsindustrie ist, die halt nur gelackte Fassaden kennt und keine finsteren Stellen.

Zu diesem Produkt gehört unabänderlich, so scheint es, die Werbung dazu. Wie wichtig die Werbespots sind, demonstrierte das ZDF, als es, um noch die Spots zu zeigen, sogar den Anpfiff des Halbfinalspiels der deutschen Mannschaft gegen Frankreich verpasste. Rundfunkrechtlich gelten die beiden Spots, die jede Halbzeit ein- und ausläuteten, natürlich nicht als Werbung, sondern als Sponsoring. Es handelt sich dabei im Übrigen um ein Sponsoring, das nicht der Übertragung bzw. der Refinanzierung der enormen Rechtekosten der Sender zugute kommt, sondern dem Ereignis selbst. Denn hier warben ausschließlich Firmen für sich, die als Sponsoren der Veranstaltung selbst auftraten.

Es ist zu vermuten, dass ARD und ZDF denn auch kein Geld von den entsprechenden Firmen erhielten, sondern dass die Sponsoring-Spots einfach zur Veranstaltung gehören, die die Sender übertragen. Diesen Zusammenhang erkannte man daran, dass einer der Sponsoren in den Stadien selbst nicht für sein Produkt werben durfte, weshalb er statt seines Firmennamens den Slogan „Probably“ im typischen Schrift- und Farbdesign des Produkts auf den elektronischen Werbebanden platzierte. Es handelte sich dabei um eine Bierbrauerei. Doch Reklame für alkoholische Getränke ist in französischen Stadien verboten. Dass die Firma dennoch als Sponsor auftrat, hat seinen Grund einzig und allein in den Spots, die bei dem Rechteerwerb der Fernsehanstalten einfach fest mit inbegriffen sind. Das wiederum ist rundfunkrechtlich (zumindest in Deutschland) höchst problematisch.

Gegen die Zensur der Weltregie bei den Spielübertragungen hatten ARD und ZDF noch während des Turniers protestiert und taten gut daran, ohne dass dies groß etwas geändert hätte. Eine andere Schönfärberei betrieben sie jedoch ohne Not selbst. Ihre Berichterstattung über die deutsche Mannschaft, ihren Trainerstab und ihren Manager kann man noch nicht einmal als Hofberichterstattung bezeichnen, da selbst das britische Königshaus in der bekannten „Royalty“-Berichterstattung kritischer betrachtet wird als Nationaltrainer Joachim Löw, Manager Oliver Bierhoff und die Spieler. Unterwürfigste Interviews, die von Löw und Bierhoff routiniert und oft auch blasiert absolviert wurden, paarten sich mit der üblich gewordenen Manie, selbst Nichtigkeiten wie die Abfahrt oder Ankunft des Mannschaftsbusses als enormes Ereignis live zu reportieren. Kein Wunder, dass die scharfe Kritik, die ARD-Experte Mehmet Scholl an der Aufstellung der deutschen Mannschaft im Spiel gegen Italien übte, von vielen als „unanständig“ kritisiert wurde. In einem Klima, das nur Lobhudelei kennt, gilt ein einziges kritisches Wort schon als blasphemisch.

Dennoch waren ARD und ZDF mit sich zufrieden. Das TV-Publikum schaltete selbst wenig versprechende Spiele der Vorrunde in großer Zahl ein. Hits waren natürlich die Begegnungen der deutschen Elf mit bis zu 29,8 Mio Zuschauern (Marktanteil: 80,6 Prozent). Doch selbst nach dem Ausscheiden Deutschlands im Halbfinale schalteten noch rund 18 Mio Zuschauer (60,1 Prozent) das Erste ein, um das Endspiel Portugal gegen Frankreich live anzuschauen (in Frankreich hatte das vom Privatsender M6 übertragene Finale 20,8 Mio Zuschauer, Marktanteil: 72,9 Prozent).

ARD und ZDF profitierten ebenso wie der Veranstalter UEFA von der Aufblähung der EM auf ein Turnier mit jetzt 24 Mannschaften, was nebenbei zu der absurden Situation führte, dass auch Tabellendritte nach der Vorrunde weiterkamen und genau dadurch erst der spätere Triumph der Portugiesen ermöglicht wurde, die ja in Gruppe F hinter Ungarn und Island durch drei Unentschieden Dritter geworden waren. An all die Betrugsmanöver, Bestechungen und die Selbstbedienungsmentalität der Funktionäre, die in der UEFA, aber auch im Weltfußballverband FIFA und im Deutschen Fußball-Bund (DFB) herrsch(t)en, wurde man während dieses EM-Turniers nur zufällig erinnert, etwa wenn im Tross der deutschen Fußballfunktionäre auf den Tribünen der französischen Stadien immer mal wieder Wolfgang Niersbach zu sehen war, der vor gar nicht allzu langer Zeit mit Schimpf und Schande sein Amt als DFB-Präsident quittiert hatte.

13.07.2016 – Dietrich Leder/MK