Scholls Schelte: Die Fußball-Europameisterschaft bei ARD und ZDF als kritikfreie Zone

08.07.2016 •

Von Dietrich Leder

Hatte sich da bei Mehmet Scholl etwas angestaut, nachdem die deutsche Mannschaft und ihr Trainerteam bei der Fußball-EM von den Fernsehjournalisten wie ein rohes Ei behandelt wurden? Jedenfalls legte Scholl am 2. Juli nach dem Viertelfinalsieg der deutschen Elf gegen Italien auf einmal los und er ließ sich auch von ARD-Moderator Matthias Opdenhövel nicht durch Ironie noch geduldige Worte davon abbringen, zu sagen, was er sagen wollte.

Scholl tadelte laut und massiv die Aufstellung, die Bundestrainer Joachim „Jogi“ Löw für die Partie gegen die Italiener gewählt hatte. Löw hatte gegenüber den vorherigen Spielen bei dieser Euro eine deutlich defensivere Variante gewählt, hatte einen Abwehrspieler zuungunsten eines Angreifers in die Mannschaft genommen, die gegen Italien antrat. Tatsächlich erinnerte diese Maßnahme daran, dass Löw bei der EM vor vier Jahren im Halbfinale gegen eben diese Italiener seine Mannschaft durch eine Defensivmaßnahme geschwächt hatte. Doch was damals schiefging und zum Ausscheiden führte, wurde diesmal zumindest dem Ergebnis nach zu einem Erfolg. Denn Deutschland gewann gegen Italien mit 7:6 nach einem dramatischen Elfmeterschießen. Angesichts der Entlastung, die nach diesem spannenden Verlauf und diesem glücklichen Ende für das DFB-Team augenblicklich bei allen vor den Kameras und den Bildschirmen in der ganzen Republik eintrat, wirkte Scholls Kritik wie besessen. Es schien, als dürfe für ihn das glückliche Ergebnis nicht über die Probleme hinwegtäuschen, die Löws Strategie seiner Ansicht nach hervorgebracht hatte.

Problematisch an dieser Kritik des ARD-Experten war zweierlei. Zum einen schimmerte der Vorbehalt durch, den Scholl gegenüber den modernen Mitteln der Trainingslehre hegt. So richtete sich seine Kritik an die Scouts des Nationalteams, die aus ihren Beobachtungen des italienischen Gegners Schlüsse gezogen hatten, die zu Löws Strategiewechsel führten. Ähnliche grundsätzliche Zweifel hatte Scholl schon an anderer Stelle gegenüber den jüngeren Trainern geübt, die das Fußballspiel systematisch untersuchen lassen und daraus die Spielorganisation ihrer Mannschaften ableiten. Scholl ist als Trainerkritiker das, was er als Spieler war – nicht der Systematiker und Stratege, sondern der impulsive Spieler und Improvisator. Seine aktuelle Kritik an Joachim Löw entbehrte somit also nicht einer gewissen Rechthaberei der Art, immer schon anderer Meinung gewesen zu sein.

Verordneter Jubel ums deutsche Team

Zum zweiten betrieb Scholl eine Verschiebung des Objekts seiner Kritik. Anstatt Bundestrainer Löw für dessen Maßnahme in den Mittelpunkt seiner Kritik zu stellen, erkor er den Chefscout der Nationalmannschaft, den Schweizer Urs Siegenthaler, zum Mann, an dem er sein Mütchen kühlte. Das war natürlich eindeutig falsch, denn die Entscheidung über die Aufstellung trifft immer noch Joachim Löw allein. Es hatte den Anschein, als traute sich Scholl nicht, den Bundestrainer, der das deutsche Team 2014 zum Weltmeistertitel geführt hatte, direkt anzugehen, so dass er Urs Siegenthaler, den vermutlich viele Zuschauer dieses Live-Gesprächs zwischen Scholl und Opdenhövel gar nicht kannten, zum Ersatz rhetorisch abwatschte. Das kann man durchaus feige nennen.

Dennoch war die Reaktion, die dann in der Öffentlichkeit auf die Schelte eines fürs Fernsehen arbeitenden Experten erfolgte, absurd. So gut wie alle kritisierten nun den Kritiker und zogen als Beweis dafür den glücklichen Ausgang des Italien-Spiels heran. Es schien so, als hätte Scholl ein Sakrileg begangen, als er dem Trainerstab einen Fehler vorwarf.

Daran, dass eine immerhin sachlich vorgetragene Kritik schon als problematisch, ja, fast blasphemisch erschien, tragen die anderen Berichterstatter und vor allem die Moderatoren und Kommentatoren von ARD und ZDF eine große Portion Schuld. Sie haben die Berichterstattung über die Nationalelf zu einer endlosen Lobhudelei und einer absolut zweifel- und kritikfreien Zone erklärt. Alles und jedes wird ins Positive gewendet. Noch das dümmste Statement etwa von Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff wird zu einer philosophischen Äußerung verklärt, die unbedingt ausgedeutet gehört statt schnellstens vergessen. Selbst die Ironie, der sich Matthias Opdenhövel und sein ZDF-Kollege Oliver Welke in ihren Moderationen befleißigen, soll nur die routinisiert organisierte Feier und den wie verordnet erscheinenden Jubel um das deutsche Team abfedern – vermutlich aus Selbsterhaltungsgründen aller Beteiligten. All der Quatsch, den wir hier veranstalten, nehmen wir ja auch nicht ganz ernst – das meint diese Ironie, die aber den Bombast dieser Berichterstattung noch nicht einmal ankratzt.

08.07.2016 – MK

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