Olympia in Rio: Letztmals in alter Form bei ARD und ZDF

24.07.2016 •

Von René Martens

Als ARD und ZDF am 24. Mai im „Empire Riverside Hotel“ in Hamburg-St. Pauli ihr Programm für die Olympischen Sommerspiele und die Paralympics vorstellten, die im August und September in Rio de Janeiro stattfinden, war phasenweise eine Mischung aus Melancholie und Verbitterung zu spüren. Dass ein Teil der Pressekonferenz von dieser Stimmung geprägt war, rührt daher, dass die Spiele in Rio die vorerst letzten sind, die ARD und ZDF in der gewohnten Form übertragen dürfen. Die Übertragungsrechte für die Zeit von 2018 bis 2024, also für jeweils zwei Olympische Sommer- und zwei Winterspiele, hatte sich im vergangenen Sommer die Discovery-Gruppe zusammen mit Eurosport gesichert (vgl. MK-Artikel).

„Es ist doch den öffentlich-rechtlichen Sendern zu verdanken, dass Olympia in Deutschland so erfolgreich ist“, sagte zum Beispiel Dieter Gruschwitz, der Leiter der Hauptabteilung Sport beim ZDF, auf der Pressekonferenz in St. Pauli. In eine ähnliche Richtung gingen Äußerungen von ARD-Programmdirektor Volker Herres. Olympische Spiele, sagte er, dienten auch als „sozialer Kitt“ in einer „immer mehr fragmentierten Gesellschaft“, aber das könnten sie nur, wenn die Übertragungen von den Wettbewerben die weitestmögliche Verbreitung fänden. Bei den Verhandlungen über Sublizenzen, die seit einigen Monaten zwischen den öffentlich-rechtlichen Sendern und Discovery laufen, stehe „für die Gesellschaft ein großer Wert auf dem Spiel“, meinte Herres.

Lutschbonbons für den Hals

Angesichts dieser Rahmenbedingungen wollen ARD und ZDF in Rio nun noch einmal zeigen, „was öffentlich-rechtliche Qualität bedeutet“ (ZDF-Chefredakteur Peter Frey). Über einen Zeitraum von 19 Wettkampftagen – die Eröffnungsfeier ist am 5. August, das Frauenfußballturnier etwa beginnt aber bereits zwei Tage vorher – berichten ARD und ZDF im linearen Fernsehen insgesamt 280 Stunden live, und zwar wie gewohnt im täglichen Wechsel. Aufgrund der Zeitverschiebung – Deutschland ist Brasilien fünf Stunden voraus – beginnt die Live-Berichterstattung jeweils um 13.00 oder 13.30 Uhr. Die Kosten für die Berichterstattung lägen leicht über denen für die Olympischen Sommerspiele in London vor vier Jahren, sagte Volker Herres. Das erkläre sich unter anderem dadurch, dass Rio de Janeiro wesentlich weiter entfernt sei als die englische Hauptstadt.

Insgesamt stehen den Programmmachern „täglich 300 Stunden Wettkampfbilder zur Verfügung, aus denen wir auswählen können und müssen“, sagte Anke Scholten, die Olympia-Programmchefin des ZDF. Wer meint, dass die Sender sich falsch entscheiden, hat die Möglichkeit, auf täglich bis zu sechs verschiedene Live-Streams zurückzugreifen, die ARD und ZDF gemeinsam auf ihren Plattformen im Netz anbieten. Auf diese Streams können auch Fernsehzuschauer zugreifen, die über ein HbbTV-fähiges Gerät verfügen (Smart TV). In Deutschland seien bisher 25 Millionen solcher Fernseher verkauft worden, sagte Carsten Flügel, der Olympia-Programmchef der ARD. Derzeit würden aber nur 20 Prozent der Besitzer die HbbTV-Funktion nutzen.

Als Einstimmung auf die Wettbewerbe zeigt die ARD die Reihe „Olympiawissen vor acht“, die von den ARD-Experten Julius Brinck (Beachvolleyball) Frank Busemann (Leichtathletik) und Franziska van Almsick (Schwimmen) bestritten wird. Die Sendereihe hat zwölf Folgen und läuft seit dem 21. Juli (Donnerstag) werktags von 19.52 bis 19.57 Uhr im Ersten. In einem Fragebogen des Programmhefts von ARD und ZDF vervollständigt Franziska van Almsick, mehrfache Olympia-Medaillengewinnerin im Schwimmen, den Satz „Ich packe meinen Koffer und nehme mit nach Rio...“ unter anderem mit: „Lutschbonbons für den Hals, damit mir die Stimme beim Schreien und Anfeuern nicht versagt“. Das Anfeuern von Athletinnen und Athleten gehört allerdings nicht zu den Aufgaben von journalistisch tätigen Honorarkräften der ARD.

„Der brasilianische Patient“

Was die Informationsangebote jenseits der aktuellen Wettbewerbe in Rio angeht, sticht die Dokumentation „Der brasilianische Patient – Olympia-Land in der Krise“ heraus, die das ZDF am 4. August zeigt, dem Tag vor der Eröffnungsfeier. Andreas Wunn, der Südamerika-Korrespondent des Senders, beschäftigt sich darin mit den gravierenden politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten Brasiliens. Die ARD hat bereits im Juli zwei Dokumentationen mit Olympia-Bezug im Programm. Am 17. Juli lief im Ersten „Freundschaft für einen Tag“, ein Film über den 1943 verstorbenen deutschen Leichtathleten Luz Long. Bei den Olympischen Spielen 1936 freundete er sich mit seinem Konkurrenten an, dem mehrfachen Goldmedaillengewinner Jesse Owens (USA) – zum Missfallen der NS-Macht­haber. Der Film lief auch schon am 9. August 2015 unter dem Titel „Luz Long, ein Held in der Nazi-Zeit“ in der Reihe „Sportclub Story“ des Dritten Programms NDR Fernsehen. Am 23. Juli folgte dann, erneut im Ersten, Henning Rüttens Porträt „Inside IOC: Wie Thomas Bach Olympia steuert“.

Im Hörfunk bietet die ARD unter anderem eine „Olympia-Nacht“, für die täglich neun Info-Programme des Senderverbundes zusammengeschaltet werden. Besondere Aufmerksamkeit lenkte Hörfunkteamchef Alexander Bleick bei der Pressekonferenz auf die für Live-Interviews zuständigen Radioreporter Holger Dahl, Oliver Frick, Martina Knief und Dirk Walsdorff. Die Kollegen müssten „sowohl über Doping Bescheid wissen als auch eine Pirouette erklären können. Das ist der anspruchsvollste Job, den wir zu vergeben haben“, so Bleick. Von Olympia in London sendete die ARD seinerzeit insgesamt 1300 solcher Live-Gespräche.

75 Stunden von den Paralympics

Von den Paralympics in Rio, die vom 7. bis 18. September folgen, sind im Fernsehen insgesamt 75 Stunden Programm eingeplant, darunter täglich dreieinhalb bis fünf Stunden Live-Berichterstattung ab dem späten Abend. Auch bei den Paralympics wechseln sich ARD und ZDF ab. Tägliche, magazinartige Sendungen, in denen die Höhepunkte der nächtlichen Wettbewerbe zusammengefasst werden, sendet das ZDF vormittags (überwiegend in der Zeit von 9.00 bis 10.30 Uhr) und die ARD übernimmt die Nachmittage (überwiegend in der Zeit von 16.05 bis 17.25 Uhr).

Bei den Paralympics besteht eine Besonderheit darin, dass der Host Broadcaster von den 23 Sportarten, die zum Programm der Spiele gehören, nur zwölf anbietet. Weil die deutschen Sender auch von den vom Host Broadcaster nicht berücksichtigten Sportarten berichten wollen, „bedeutet das für uns: mehr technischer Aufwand, mehr Personal“, sagte ARD-Mann Carsten Flügel. Während er bei den Olympischen Spielen der Nicht-Behinderten als Programmchef fungiert, ist er bei den Paralympics als Teamchef im Einsatz. Das mit den Schulterklappen ist bei der ARD schon eine ziemlich komplizierte Sache.

24.07.2016 – MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren
` `