Fußball-Geldesliga: Wenn Sport primär fürs Fernsehgeschäft existiert

Von Dietrich Leder

29.04.2016 • Das Rechtepaket für die Spielzeiten 2017/18 bis 2020/21, das die Deutsche Fußball-Liga (DFL) vor kurzem zur Vergabe ausgeschrieben hat und bis Anfang Juni 2016 veräußert haben möchte, wird die Berichterstattung über die erste und zweite Bundesliga verändern. Sie wird aber auch die Bundesliga selbst – zunächst einmal schleichend – ummodeln. Schleichend deshalb, weil die Veränderungen des Spielbetriebs, die mit alldem verbunden sind, ausdrücklich nicht mit der besseren Vermarktung begründet werden, sondern mit den Gegebenheiten, die aus der Synchronisierung der Spiele mit den Begegnungen der Champions League und vor allem der Europa League erwachsen.

Dass also ab August 2017 je fünfmal im Jahr am Montagabend und am Sonntagmittag jeweils ein Spiel der ersten Liga stattfinden wird, begründet die DFL mit den Belastungen jener Klubs, deren Mannschaften jeweils am Donnerstag in der Europa League antreten müssen. Tatsächlich kam es in der laufenden Spielzeit in manchen Wochen zu Engpässen, so dass ausnahmsweise am Sonntagnachmittag bzw. -abend nicht zwei, sondern drei Bundesliga-Begegnungen angesetzt wurden, wobei die dritte Partie parallel zur ersten ebenfalls um 15.30 Uhr begann.

Die von der DFL ins Feld geführte Fürsorgegeste überdeckt freilich den wahren Grund für die Veränderungen bei den Spielansetzungen. Die DFL will nämlich langfristig den Spieltag derart ‘entzerren’, wie das schon seit einigen Jahren in der englischen Premier League geschieht, wo die Begegnungen eines Spieltags über den Zeitraum von Freitag bis Montag derart verteilt sind, dass fast jedes Spiel einen eigenen exklusiven Anstoßzeitpunkt besitzt. Das zielt darauf ab, national wie international den Wert jeder einzelnen Begegnung zu erhöhen und den der Übertragungsrechte am Gesamtpaket enorm zu steigern. Die Zuschauer, die für Abonnements der Pay-TV-Sender viel Geld zahlen, erhalten auf diese Weise mehr Minuten Live-Übertragung als es derzeit in der Bundesliga der Fall ist, wenn sie sich am Samstagnachmittag zwischen fünf Live-Spielen entscheiden müssen oder die Konferenzübertragung mit diesen Spielen wählen.

Eine Konstruktion des Kartellamts

Für die Premier League gibt es noch einen weiteren Grund besonders für Spiele in den Mittagstunden. Denn diese Partien sind für Zuschauer außerhalb von Europa besonders attraktiv, wenn sie dort nach der Zeitverschiebung beispielsweise am späten Abend live übertragen werden. Die Deutsche Fußball-Liga schielt ebenfalls auf diesen außereuropäischen Markt, auch wenn ihre Klubs dort bei weitem noch nicht so präsent sind wie die der Premier League.

Die deutschen Fernsehzuschauer müssen sich neben weiter steigenden Preisen – die DFL strebt eine Erhöhung ihrer Gesamteinnahmen um rund 50 Prozent an – auch mit Veränderungen in der Angebotsstruktur beschäftigen. Derzeit hält der Pay-TV-Sender Sky exklusiv alle Live-Rechte an der Bundesliga (Ausnahme: das Eröffnungsspiel der Hinrunde und das der Rückrunde, das jeweils von der ARD im Free-TV übertragen wird). Diese konzentrierte Exklusivität darf, so hatte es das Bundeskartellamt verfügt und die DFL hat sich daran nun sehr gerne gehalten, in Zukunft nicht mehr so sein.

Das Kartellamt (Bonn) hat nun ein Alleinerwerbsverbot festgesetzt, das gerne mit dem englischen Begriff „No Single Buyer Rule“ bezeichnet wird. Eine solche Regelung wirkt auf den ersten Blick verständlich; mit ihr sollen Monopole verhindert werden, die durch den Erwerb sämtlicher Rechte mögliche Konkurrenten vom Markt fernhalten. Das Bizarre an dieser Konstruktion ist aber nun, dass es diese Konkurrenten jedenfalls auf dem Sektor Pay-TV in Deutschland gar nicht gibt. Und dass die Versuche, das Monopol von Sky auch mittels exklusiver Bundesliga-Rechte zu durchbrechen, stets gescheitert sind. Das Kartellamt konstruiert sich hier also eine Marktsituation selbst, der es dann anschließend mit der „No Single Buyer Rule“ gerecht werden will.

Dies wie die komplizierte Konstruktion der acht Rechtepakete, die von der DFL für die nächste Vergabeperiode geschnürt wurden und nun zum Erwerb bereitstehen, dient vor allem dazu, Neu- und Wiedereinsteigern das Geschäft zu erleichtern. Besonders die Constantin Medien AG, zu der unter anderem der Free-TV-Sender Sport 1, das Internetportal Sport 1 Online und mehrheitlich die Highlight Communications AG gehören, dürfte ein großes Interesse an den Bundesliga-Rechten haben. Die Firma, an der die Erben von Leo Kirch wie dessen ehemaliger Sportrechtemanager Dieter Hahn gemeinsam über 25 Prozent halten, hatte zusammen mit der Deutschen Telekom in der vorletzten Rechteperiode der DFL ein Online-Angebot von den Live-Übertragungen unter dem Namen „Liga total“ unterhalten, das aber nur mäßig erfolgreich war. Diesmal wird man vermutlich zusätzlich zu den Online-Rechten auch Exklusivrechte an der Fernsehübertragung von Live-Spielen erwerben wollen.

Fans kündigen Proteste an

Es könnte also sein, dass die Zuschauer, die alle Spiele ihrer Mannschaft sehen wollen (und das dürfte das stärkste Motiv für den Abschluss eines Abonnements sein), künftig gleich Verträge mit zwei Firmen abschließen müssen. Der Präsident des Bundeskartellamts widersprach einer solchen Einschätzung. Er erklärte, dass es vermutlich wie in England zu Sublizenzierungen kommen würde, so dass ein Sky-Kunde auch die Spiele des anderen Anbieters zu sehen bekäme wie auch umgekehrt. Das mag sein, doch genau das wird der Kunde extra bezahlen müssen. Und genau das ist das Ziel der gesamten Operation: Die DFL und die wichtigsten Vereine möchten an die Summen herankommen, die von der Premier League (auf einem allerdings anders strukturierten Fernsehmarkt) erzielt werden. Die Premier League hatte im vergangenen Jahr für die Vergabe der TV-Rechte für die erste englische Fußball-Liga für den Zeitraum von 2016 bis 2019 einen Rekordpreis von umgerechnet 6,9 Mrd Euro erzielt (vgl. MK-Meldung).

Doch auch das rein pekuniäre Interesse der Bundesliga wird wieder sportlich ummantelt. DFL-Geschäftsführer Christian Seifert, der einst das Mediengeschäft bei einer Tochterfirma von Leo Kirch gelernt hat, begründet die Erwartung gesteigerter Einnahmen aus der neuen Rechtekonstruktion mit dem Hinweis auf die sportliche Wettbewerbsfähigkeit der Bundesliga. Nach dieser Logik müsste die Premier League als reichste Liga des Kontinents die beiden europäischen Fußballwettbewerbe dominieren. Dem ist aber nicht so. Unter den letzten Acht in der Champions League und der Europa League waren nur zwei englische, aber drei deutsche Mannschaften.

Die Fans haben schon massive Proteste gegen die avisierten Montagsspiele der ersten Bundesliga angekündigt. Tatsächlich werden sich Auswärtsbegegnungen am Montagabend aufgrund des hohen zeitlichen Aufwands (in der Regel ist etwa ein Urlaustag nötig) nur noch die wenigsten Fans leisten können. Der Bundesliga-Fußball vollzieht damit den nächsten Schritt hin zu einer Sportart, die primär fürs Fernsehgeschäft existiert.

29.04.2016 – MK