Benjamin Best: Wettbetrug im Fußball – Milliardengeschäft für die Mafia (ARD/WDR)

Mord in Sachsenhausen

18.03.2016 • Das Thema Wettbetrug ist bei der Berichterstattung über Kriminalität im Sport in den vergangenen Monaten etwas in den Hintergrund geraten. Vorgänge beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) und beim Weltfußballverband FIFA erzeugten größere Aufmerksamkeit, verständlicherweise. Als die FIFA am 26. Februar einen Nachfolger für ihren skandalumtosten Präsidenten Sepp Blatter wählte, war das in jener Woche Anlass für gleich drei Dokumentationen: Am 22. Februar lief im Ersten Programm der ARD „Die Fußball-Mafia – Blatters vergiftetes Erbe“ (22.45 bis 23.30 Uhr), tags darauf gab es bei Arte „Die große FIFA-Story“ (20.15 bis 21.55 Uhr) und am 24. Februar schließlich war im Zweiten unter der Dachmarke „ZDFzoom“ der Beitrag „FIFA – Das Foulspiel der Mächtigen“ zu sehen (23.05 bis 23.50 Uhr).

In der Woche nach dieser senderübergreifenden Ballung setzte das Erste einen Schwerpunkt zum Thema Wettkriminalität, bestehend aus dem Spielfilm „Auf kurze Distanz“ und der Dokumentation „Wettbetrug im Fußball“. Protagonist des fiktionalen Films ist der verdeckte Ermittler (VE) Klaus Roth (Tom Schilling), der in Berlin unter dem nom de guerre Milan auf Luka (Edin Hasanovic) angesetzt wird, ein niederrangiges Mitglied eines serbischen Familienclans, dessen Oberhaupt eine zentrale Rolle bei Wettmanipulationen spielt. „In einer Woche werden Sie und Luka Freunde“ – so lautet die Anweisung des VE-Führers vom Landeskriminalamt (LKA). So taucht Milan ein in eine wenig einladende Parallelwelt aus zwielichtigen Kneipen und Wettbüros. Den Auftrag, das Vertrauen des etwas kindsköpfigen Gangsters zu gewinnen, übererfüllt er sogar, als er bei einer Verfolgung ein Auto mit zwei LKA-Mitarbeitern in die Spree drückt und die Kollegen damit in Lebensgefahr bringt. Der verkappte Polizist und der Wettbetrüger freunden sich nicht nur an, Milan wird sogar der Patenonkel von Lukas Kind – und bekommt somit Zugang zur gesamten Familie.

Regisseur Philipp Kadelbach inszeniert „Auf kurze Distanz“ als einen Thriller, in dem er auf überzeugende Weise peu à peu die Mechanismen der Wettkriminalität entfaltet: Da sieht sich die serbische Gruppierung plötzlich mit türkischen Kontrahenten konfrontiert, die „ausgerechnet einen meiner Spieler wollen“ (Luka), also einen Fußballer, der eigentlich den Auftrag hat, Ergebnisse im Sinne der serbischen Familie zu manipulieren. Und dass auf einer Ebene über diesen Konkurrenten weitere Geschäftsleute Geld verdienen, erfährt der Zuschauer auch.

„Auf kurze Distanz“ (Produktion: Ufa Fiction) ist ein düsterer Film aus einem Halbwelt-Milieu, an den vor allem bemerkenswert ist, dass es Kadelbach und seinem Kameramann Jakub Bejnarowicz gelungen ist, ein optisches Konzept zu entwickeln, das dem Plot gerecht wird. Der Film wurde überwiegend nachts gedreht, zu den helleren Momenten gehört noch eine Sequenz in der Berliner Morgen­dämmerung, in der man über den Dächern der Stadt langsam die Sonne eines Tages aufgehen sieht, der unheilvoll verlaufen wird.

Dass es Zuschauer gegeben haben wird, die abgeschaltet haben, weil ihnen das Bild zu dunkel war und der Plot unzugänglich war, ist nicht auszuschließen. Erfreulich, dass die ARD dieses Risiko eingegangen ist. (Die Zuschauerzahl für den Spielfilm war mit 2,62 Mio und einem Marktanteil von 8,1 Prozent denn auch deutlich unterdurchschnittlich.) „Auf kurze Distanz“ hat im Übrigen aber auch Längen. Das gilt etwa für die Passagen von zwei serbischen Familienfeiern, da erweist sich Kadelbach als etwas zu vernarrt ins Folkloristische.

Wer sich fragte, warum die kriminelle Vereinigung in „Auf kurze Distanz“ aus Serben besteht, obwohl es sich bei den Protagonisten des in Deutschland bekanntesten realen Wettskandal-Falls, den 2009 die Staatsanwaltschaft Bochum aufdeckte, um Bürger kroatischer Nationalität handelt, der sah gleich zu Beginn der im Anschluss an den Spielfilm zu sehenden Dokumentation „Wettbetrug im Fußball“ etwas klarer: Autor Benjamin Best steigt damit ein, dass ein Serbe 2014 den Mord an dem Geschäftsführer eines Wettbüros in Frankfurt-Sachsenhausen in Auftrag gegeben habe.

Best, der auch Fachberater für den Spielfilm war – für den Holger Karsten Schmidt und Oliver Kienle (nach einer Idee von Hannes Jaenicke) das Drehbuch schrieben – reißt sehr viele Aspekte des Themas kurz an, aber das ist in einer 30-minütigen Dokumentation auch in Ordnung. Er wirft ein Schlaglicht zum Beispiel auf die Londoner Firma Sportradar, die im Auftrag von Verbänden und mit Hilfe einer „einer streng geheimen Software“ (Best) jährlich zwischen 400 und 500 manipulationsverdächtige Spiele ermittelt. Zu den Stärken von „Wettbetrug im Fußball“ gehört, dass die Dokumentation (2,18 Mio Zuschauer, Marktanteil: 7,3 Prozent) den Blick über das kriminelle Milieu hinaus lenkt: Ingo Fiedler, der an der Fakultät für Betriebswirtschaftslehre der Universität Hamburg zum Thema Glücksspiel forscht, weist darauf hin, dass legale Sportwetten reizvoll für die Mafia seien, um „Geldwäsche zu tätigen“. Wer zum Beispiel 10.000 Euro waschen wolle, suche sich ein Spiel, bei dem die Quoten für Heimsieg, Remis und Auswärtssieg nahe beieinander liegen und setze Summen auf sämtliche drei Spielausgänge – und das möglichst bei mehreren Wettanbietern. Da die Gewinnauszahlungssummen höher sind, je mehr Menschen mitspielen, tragen zum Profit der Kriminellen auch Sportwettenteilnehmer bei, die nichts Böses im Sinn haben. Best macht deutlich, dass es nicht zuletzt deshalb moralisch grenzwertig ist, dass 15 von 18 Vereinen der Fußball-Bundesliga sich von legalen Sportwettenanbietern sponsern lassen.

Störend ist bei der Dokumentation „Wettbetrug im Fußball“ allerdings der permanente Musikteppich. Und etwas zu viel Raum bekommt der vormals spielsüchtige und einst mit Wettkriminellen paktierende Ex-Profifußballer René Schnitzler (FC St. Pauli, Borussia Mönchengladbach). Der jovial plaudernde 31-Jährige hat sich bisher nun nicht gerade selten in der Öffentlichkeit geäußert.

Die ARD verkauft die zuletzt im Ersten öfter zu sehende Kombinationen aus „gesellschaftlich und politisch relevanten Spielfilmen“ (ARD-Programmdirektor Volker Herres) und Dokumentationen als „Themenabend“. Weil Recherchen, die in einen mit dem Wettkriminalitätsschwerpunkt vergleichbaren Themenabend mündeten – es ging um Waffenexporte –, gerade von der Grimme-Jury „Information und Kultur“ mit einem Preis in der neuen Subkategorie „Journalistische Leistung“ bedacht wurde, sieht sich die ARD nun dazu „ermuntert, dieses Programmkonzept weiter entschlossen zu verfolgen und auszubauen“ (Herres). Auch „Auf kurze Distanz“ und „Wettbetrug im Fußball“ zeigen, dass dieses Konzept funktionieren kann. Mittwochs muss die ARD solche Themenabende aber dosieren – sonst fiele allzu oft das Wirtschaftsmagazin „Plusminus“ aus, das regulär auf dem Sendeplatz von 21.45 bis 22.15 Uhr vor den „Tagesthemen“ läuft.

18.03.2016 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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