Essays, Kritiken, Marktüberblick: „Jahrbuch Fernsehen“ zum 25. Mal erschienen

04.08.2016 •

Das neue „Jahrbuch Fernsehen“ ist am 28. Juli erschienen. Das Kompendium ist damit zum 25. Mal herausgekommen. Die erste, 1991 publizierte Ausgabe, war noch schwarzweiß und ohne Bebilderung, bot aber schon damals einen Überblick über herausragende Produktionen des deutschen Fernsehens und enthielt die lesenswertesten TV-Kritiken. Seitdem wurde die Zukunft des Fernsehens von den Auguren mal als „interaktiv“ beschrieben, mal wurde das Medium ganz totgesagt. Heute wird neu und komplexer erzählt, dafür gibt es auf der anderen Seite eine Hinwendung zum guten, alten Slow TV des Regionalfernsehens.

„In diesem medialen Multi-Optionsraum des everything, everywhere, anytime erscheint es dennoch sinnvoll“, schreibt Herausgeber Lutz Hachmeister im Editorial des neuen Fernsehjahrbuchs, „sich ausgeruht und ohne Beschleunigungsgejammer mit einzelnen Werken und singulären publizistischen Leistungen auseinanderzusetzen. Dies hat, bei allem Respekt vor dem kommunikations- und medientheoretischen Überbau, das ‘Jahrbuch Fernsehen’ seit 25 Jahren versucht – mit der spezifischen Mischung aus Essays, Kritiken und Marktüberblick, von den gängigen Abstrakta einer auch nicht über Gebühr ernst zu nehmenden Medienwissenschaft deutlich entfernt.“

Das „Jahrbuch Fernsehen 2016“, das auch wieder einen umfrangreichen Serviceteil enthält, wird herausgegeben vom Institut für Medien- und Kommunikationspolitik, dessen Direktor Lutz Hachmeister ist, vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizististik (GEP, Frankfurt am Main), von der „Medienkorrespondenz“ (Katholisches Medienhaus, Bonn) und dem Film Festival Cologne.

Das französische CNN

In seinem Essayteil widmet sich das Jahrbuch unter anderem dem französischen Nachrichtensender BFMTV, der im Ausland nicht so stark beachtet wird, sich in Frankreich selbst aber über die letzten Jahre zu einem gewichtigen politischen Faktor entwickelt. Der Spartenkanal, gegründet 2005 von dem Medienmanager Alain Weill, wurde im Januar 2015 bekannt, weil es BMFTV-Journalisten gelang, mit den flüchtigen Terroristen, die in der Redaktion des Blattes „Charlie Hebdo“ ein Blutbad angerichtet hatten, direkt zu telefonieren.

Zunächst mit dem Ziel etabliert, „das französische CNN“ zu werden, geht die Wirkung der „revolvierenden Nachrichten“ von BFMTV (entstanden aus dem Hörfunksender Business FM) mittlerweile weit über das US-Vorbild hinaus: Kritiker werfen dem Spartenkanal vor, auf unbedingten Sensationalismus zu setzen und die Spaltung der französischen Gesellschaft voranzutreiben, auch als Plattform für die Rechtspartei „Front National“; andere Medienexperten loben die Schnelligkeit und Professionalität der „première chaîne d’info de France“ (Eigenwerbung).

In der 25. Ausgabe des „Jahrbuchs Fernsehen“ analysiert Fabienne Hurst die Sogwirkung, die BFMTV offenbar auch auf französische Politiker hat. „Der Sender gibt den politischen Ton an und ist dabei hemmungsloser als die Konkurrenz. Einmal fuhr die damalige Justizministerin Christiane Taubira mit dem Fahrrad nach Hause – und wurde 30 Minuten lang von einem BFM-Motorradteam verfolgt, als ginge es um das Begleiten einer Tour-de-France-Etappe“, schreibt Hurst. In Krisenzeiten, etwa bei Terroranschlägen, erreicht BMFTV in der Spitze bis zu 15 Prozent Marktanteil in Frankreich, mit hohem technischen Aufwand und perfekter Online-Verbreitung. Welchen Einfluss diese Entwicklung auf die Branche hat und was das für Frankreich bedeutet, analysiert Fabienne Hurst, die als Autorin für das ARD-Politmagazin „Panorama“ (NDR) arbeitet und unter anderem für die „Zeit“ schreibt.

TV-Formate über Flüchtlinge

In einem weiteren Essay des Jahrbuchs beschäftigen sich die Soziologinnen Nadia Shehadeh und Jasmin Siri damit, wie die in jüngster Zeit angekommenen Flüchtlinge nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Rezeption über sie verändert haben. Die beiden Autorinnen haben unterschiedliche TV-Formate untersucht, die sich mit der Situation von Flüchtlingen befassen. Die Flüchtlingsdebatte, schreiben sie, habe „eingefahrene Wege des Redens und Berichtens über Integration, Migration und die Frage, was denn eigentlich ‘deutsch’ ist, infrage gestellt und eine leidenschaftliche Debatte über ‘uns’ und ‘die Fremden’ ausgelöst, die sich durch alle Medienformate zieht.“

Thema des „Jahrbuchs Fernsehen 2016“ sind außerdem die Strategien der privaten Fernsehsender angesichts von Streaming-Angeboten und Pay-TV, womit sich „Handelsblatt“-Medienredakteur Kai-Hinrich Renner befasst. Die Journalistin Sabine Sasse dokumentiert den zunächst sehr einsamen Kampf des investigativen Sportjournalisten Hajo Seppelt um eine realistische Sportberichterstattung im Fernsehen. Denn der heute weltweit anerkannte Dopingexperte, der unter anderem durch seine Recherchen über die russischen Leichtathleten weltweit für Aufsehen gesorgt hat, galt in der eigenen Branche jahrelang als Nestbeschmutzer und verlor zeitweise sogar seinen Job. Heute gilt er als Pionier. Für seine Arbeit wurde er auch international mehrfach ausgezeichnet.

Jahrbuch Fernsehen 2016. Köln 2016, 468 Seiten, 34,90 Euro, ISBN: 9783981346565 (E-Mail-Bestellung unter: albrodt@ jahrbuch-fernsehen.de)

04.08.2016 – MK

Print-Ausgabe 23/2019

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