Niklas Hoffmann/Jan Markus Linhof: Blockbustaz. 6‑teilige Comedy‑Serie (ZDFneo)

Biedere Beglückung

12.04.2016 •

Sol hat’s mal wieder verpennt. Längst hätte er Jeremy, den kleinen Bruder seiner Freundin Jessica, aus der Kinderbetreuung abholen sollen. Doch er hat es verschwitzt. So rennt er jetzt kurz vor Ladenschluss zum nahen Möbelhaus, um seinen Fehler wieder auszubügeln. Denn Jeremy besucht keine Kita, sondern wird jeden Morgen im „Kinderparadies“ des Geschäftes abgegeben bzw. ins „Bällebad“ gesteckt. Nun steht Sol vor dem Bassin mit bunten Plastikkugeln, kann das Kind aber nirgendwo entdecken. Er könnte jetzt einfach in das Becken steigen, um nach ihm zu suchen. Doch stattdessen geht Sol leicht in die Hocke, nimmt die Arme nach oben, legt die Handflächen aneinander und vollführt einen beherzten Hechtsprung ins „Bällebad“.

Ganz genau so hätte Schauspieler Gunther Philipp das in einer seiner unzähligen 60er-Jahre-Klamotten auch gemacht. Vermutlich hätte er als ehemaliger Leistungsschwimmer den Sprung nur etwas eleganter hinbekommen. Bei Sols ungelenker Sporteinlage in dieser Comedy-Serie im Jahr 2016 drängte sich indes die Frage auf, welchem Zweck sie eigentlich dienen sollte. War das als Gag gemeint? Sollte das irgendwie lustig sein? Vermutlich. Letztlich wurde durch diese alberne Nummer jedoch nur eine eigentlich ganz passable Idee zunichte gemacht. Denn ein Kleinkind regelmäßig im „Kinderparadies“ eines Möbelhauses zu parken, weil man die Anmeldung für den Kindergarten vermutlich verschusselt hat, könnte man als Teil einer pfiffigen Milieuzeichnung nehmen. Hätte Sol Jeremy wie selbstverständlich einfach abgeholt, wäre alles gut gewesen. Aber so...

Dieses Muster der ruinierten Szenen bestimmt leider durchgehend diese ZDFneo-Serie um ein paar jugendliche Loser in einer Kölner Trabantenstadt. Neben dem passionierten Kiffer, Arbeitsallergiker und Möchtegern-Rapper Sol und seiner hin und wieder jobbenden Freundin Jessica gehört in „Blockbustaz“ noch Hardy zum Inner Circle. Hardy ist Sols bester Kumpel und betreibt eine schlecht gehende Pizzeria, in der sich Jessicas arbeitsloser Vater Roland Tag für Tag die Kante gibt und am Spielautomaten abhängt. Und weil er notorisch pleite ist, versetzt er bei Hardy schon mal seine Hose, die Schulbücher seiner zweiten, 17-jährigen Tochter Lisa oder gleich Klein-Jeremy samt Kinderwagen.

Gewiss, so ein Tausch Kind gegen Bier ist moralisch nicht ganz korrekt, aber deshalb noch lange nicht per se witzig. Zumal Autor Niklas Hoffmann und Regisseur Jan Markus Linhof nicht nur in dieser Sequenz jegliches Gespür für die inhärente Tragikomik ihrer Figuren und Geschichten vermissen lassen. Wenn in der zweiten Folge ein Mitarbeiter des Jugendamts damit droht, Jeremy und Lisa ins Heim zu stecken, geht die 17-Jährige im Aufzug dem Mann mal eben an die Wäsche und schon ist der Fall geritzt. Im Presseheft zu „Blockbustaz“ (ein rätselhafter Titel) erklärt Sol-Darsteller Ekrem Bora, dass er sich zur Mitwirkung nur unter der Bedingung bereit erklärt habe, dass Zuschauer der Serie nicht über, sondern mit den Figuren lachen sollten.

Doch letztendlich kann man hier weder über die Figuren noch mit ihnen lachen. Wo schon die Zeichnung der Charaktere über stumpfsinnigste Stereotype nicht hinausgelangt, ist von einer etwaigen Empathie für sie weit und breit nichts zu spüren. Stattdessen schleppt sich das Geschehen ohne jedes Tempo von einem müden Kalauer zum nächsten. Und wenn gar nichts mehr hilft, muss Jeremy den neuen DVD-Player mit Nuss-Nougat-Creme einschmieren oder die Polstergarnitur mit Backofenreiniger vollsauen. Kaum zu glauben, dass sich die Serie vor zwei Jahren im ZDF-eigenen Kreativlabor TV Lab gegen mehrere Konkurrenzformate durchgesetzt hat.

Doch womöglich hat dabei die vermeintliche Jugendaffinität den Ausschlag gegeben. Denn die Besetzung der Hauptrollen legt den Verdacht nahe, dass man hier vor allem die Generation der YouTuber als Zielgruppe im Visier hatte. Die Darsteller sind schauspielerische Laien, aber veritable Stars in den sozialen Netzwerken mit Millionen von Followern. So ist Ekrem Bora (Sol) unter seinem Künstlernamen Eko Fresh ein erfolgreicher Rapper, Sascha Reimann (Hardy) alias Ferris MC als Mitglied der Hip-Hop-Formation „Deichkind“ ein Star und Joyce Ilg (Jessica) ist als YouTube-Komikerin geradezu ein Institution.

Wer nun jedoch meint, die Minderwertigkeit der Serie hätte vor allem mit diesen überforderten Laiendarstellern zu tun, liegt falsch. Der Alki-Vater Roland wird immerhin vom ausgebildeten Schauspieler Andreas Hoppe gespielt, der seit ewigen Zeiten bekannt ist als Kommissar Mario Kopper im Ludwigshafener SWR-„Tatort“ (an der Seite von Kommissarin Lena Odenthal alias Ulrike Folkerts). Doch die Darstellung seiner „Blockbustaz“-Figur nimmt sich definitiv nicht weniger armselig aus als die Leistungen seiner laienhaften Mitstreiter. Fazit: Man versteht beim besten Willen nicht, welche Zielgruppe das ZDF in seinem Experimentierkanal mit dieser biederen Serie eigentlich beglücken möchte.

12.04.2016 – Reinhard Lüke/MK

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