Ein privilegierter Auftrag

Interview mit Deutschlandradio-Intendant Willi Steul

Von Dieter Anschlag
24.09.2010 •

24.09.2010 • Seit dem 1. April 2009 ist Willi Steul Intendant des Deutschlandradios. Auf diesem Posten folgte er Ernst Elitz, der in den Ruhestand trat, nachdem seine dritte fünfjährige Amtsperiode am 31. März 2009 abgelaufen war. Elitz war erster und bis dahin einziger Intendant des im April 1994 gegründeten, aus der Zusammenführung von RIAS (West-Berlin), Deutschlandsender Kultur (Ost-Berlin) und Deutschlandfunk (Köln) hervorgegangenen nationalen Hörfunks. Die Sendeanstalt betreibt die beiden werbefreien Hauptprogramme Deutschlandfunk (Köln) und Deutschlandradio Kultur (Berlin) und seit dem 18. Januar 2010 das neue Internet-Programm DRadio Wissen. Willi Steul, geb. am 28.4.1951 in Brechen (bei Limburg an der Lahn), arbeitete seit Mitte der 1970er Jahre fast ununterbrochen 20 Jahre lang für den Südwestfunk (SWF), unter anderem als Redakteur und Reporter, außerdem als Radiokorrespondent aus Griechenland, der Türkei und Zypern. 1994 wurde er Chefredakteur des damals neu gestarteten Programms Deutschlandradio Berlin (heute: Deutschlandradio Kultur). 1998 wechselte er zum SWR nach Stuttgart und übernahm dort die Leitung des Landessenders Baden-Württemberg. Am 4. Dezember 2008 wählte der Hörfunkrat des Deutschlandradios Steul, der CDU-Mitglied ist, mit großer und parteiübergreifender Mehrheit zum neuen Intendanten der Anstalt. FK-Chefredakteur Dieter Anschlag sprach mit Willi Steul über die ersten eineinhalb Jahre seiner insgesamt fünfjährigen Amtzeit als Deutschlandradio-Intendant. • FK

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FK: Herr Steul, wie geht es dem Deutschlandradio?

Steul: Dem Deutschlandradio geht es glänzend, weil es den Programmen glänzend geht. Wir haben in diesem Jahr bei der Hörerschaft das beste Ergebnis, das wir je hatten. Das ist die schönste Anerkennung überhaupt. In Zahlen heißt das: 1,5 Millionen Menschen hören täglich Deutschlandfunk und 450.000 Menschen Deutschlandradio Kultur. Unsere einzige Existenzberechtigung sind die Programme. Und wenn man es alleine daran misst, stehen wir derzeit gut da. Insofern bin ich als Person sowieso ein glücklicher Mensch, aber auch als Intendant recht zufrieden. Ich stehe wirklich jeden Tag voller Respekt vor der Leistung der Kollegen. Sie machen wunderbare Programme.

FK: Die Zahlen, die Sie genannt haben, betreffen Ihre beiden Hauptprogramme und werden primär über die traditionelle UKW-Nutzung erreicht. Mitte Januar dieses Jahres hat das Deutschlandradio mit DRadio Wissen ein neues Programm gestartet, das sich de facto als Internet-Radio versteht. Wie sehen hier die Nutzerzahlen bisher aus?

Die große neue Herausforderung: DRadio Wissen

Steul: DRadio Wissen wird per Internet-Streaming verbreitet, außerdem noch digital über Kabel und Satellit und im Rahmen einer sogenannten Versuchsausstrahlung über Digital Audio Broadcasting, also DAB. Die Hörermessungen sind hier noch nicht so relativ exakt wie bei der Media-Analyse Radio im Bereich UKW. Wir wissen nur, dass wir durchschnittlich knapp unter einer Million Streaming-Nutzer pro Monat haben. DRadio Wissen kommt auf etwa 30.000 bis 35.000 Hörer pro Tag. Das sind mehr, als ich geglaubt habe, dass wir sie so schnell hätten. Und das ist relativ stabil. Aber wie gesagt: Eine richtige Nutzungsanalyse gibt es hier noch nicht. Dazu fehlen uns bisher die Instrumente.

FK: Sie sind seit April 2009 Intendant des Deutschlandradios. Können Sie nach diesen knapp eineinhalb Jahren Amtszeit sagen, dass Sie bestimmte Ziele, die Sie sich gesetzt hatten, bereits erreicht haben?

Steul: Als Intendant ist man ja vor allen Dingen dazu da, um die Finanzierungs- und Organisationssicherheit des Unternehmens zu gewährleisten. Des weiteren sollte man gute Arbeitsbedingungen für die Journalistenkollegen gewährleisten. Das sind sozusagen Dauerziele, die sich immer von selbst fortschreiben. Die große neue Herausforderung für das Deutschlandradio war in der Tat der Start von DRadio Wissen. Und diese Aufgabe war nicht ganz einfach. Denn sie bedeutete, weil kurzfristig neue Kosten entstanden, eine Reorganisation unserer Finanzierung und unserer Abläufe. Hier lag meine Hauptaufgabe, als ich ins Amt kam. Wir haben also Investitionen verschoben und wir haben umgeplant, damit wir das neue Programm sozusagen vorfinanzieren können. Denn der Auftrag für DRadio Wissen mit etwa 6,8 Millionen Euro Kosten pro Jahr erfolgte durch die Bundesländer ja erst, nachdem die Rundfunkgebühr für die entsprechende Periode bereits festgesetzt war, das heißt, für DRadio Wissen war dabei eigentlich kein Geld vorgesehen. Aber ich bin ganz zufrieden, wie wir das jetzt hinbekommen haben.

FK: Welches ist das nächste wichtige Thema, das auf das Deutschlandradio zukommt?

Steul: Dieses Thema hat uns schon erreicht. Es ist die Umstellung auf das neue Rundfunkgebührenmodell, wie es im Grundsatz von den Ministerpräsidenten beschlossen wurde. Es geht um die Frage, wie gesichert bei der neuen Haushaltsabgabe unsere derzeitigen und künftigen Einnahmen sind. Die Details stehen ja noch nicht fest. Und das ist ein Problem, weil wir deshalb momentan keine präzise Planungssicherheit haben. Im Moment stellt sich unsere Situation in der Frage dar: Wie bereitet man ein Haus auf etwas vor, das man noch nicht genau kennt.

FK: Wie ist es aktuell um die finanzielle Lage des Deutschlandradios bestellt?

Steul: Wir kommen in der laufenden Gebührenperiode von 2009 bis 2012 mit unserem Geld aus, trotz der Zusatzinvestitionen für DRadio Wissen. Aber wir werden am Ende der Periode unsere Rücklagen weitestgehend aufgebraucht haben. Deshalb erwarten wir – und das hat die Gebührenkommission KEF in ihrem 17. Bericht auch notiert und damit quasi akzeptiert –, dass das Deutschlandradio bei der nächsten Gebührenrunde eine Erhöhung zugesprochen bekommt, mit der die bisherigen Kosten für DRadio Wissen kompensiert werden. Wir brauchen das Geld nämlich für dringende Investitionen, die wir bislang wegen des Aufbaus und Betriebs von DRadio Wissen zurückgestellt haben. Eine große finanzielle Belastung für unser Haus waren im Übrigen aufgrund von Brandschutzanforderungen notwendige Umbaumaßnahmen im Kölner Deutschlandfunk-Haus. Das ging in die Millionen.

Auch wir haben zurückgehende Einnahmen zu verzeichnen

FK: ARD-Sender wie der MDR und der RBB müssen sich auf weniger Einnahmen einstellen, weil Gebührenzahler aus dem Osten abwandern. Allgemein wird es aus demografischen Gründen in Zukunft weniger Gebührenzahler geben. Und es gibt aus sozialen Gründen immer mehr Befreiungen von der Rundfunkgebührenzahlung. Muss auch das Deutschlandradio sich auf weniger Einnahmen einstellen?

Steul: Auch wir sind im jetzigen System vor allem von der zunehmenden Befreiung betroffen und haben daher tatsächlich im derzeitigen Gebührenmodell – wie alle anderen öffentlich-rechtlichen Sender – zurückgehende Einnahmen zu verzeichnen. Das haben wir beim Deutschlandradio aufgefangen durch eine, wenn Sie so wollen, ständige Ökonomisierung. Aber da ist irgendwann das Ende der Fahnenstange erreicht. Ich bin noch ein bisschen vorsichtig, Zahlen und Ziffern dazu zu nennen; andere Intendanten der ARD machen das ja bereits. Wir sind da noch auf ungesichertem Terrain. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass die Zusage der Ministerpräsidenten, dass nach der Umstellung auf die Haushaltsabgabe die Einnahmenhöhe aus den Rundfunkgebühren gleich bleibt, steht. Im Oktober wollen die Ministerpräsidenten die Details entschieden haben, erst dann kann man vernünftig rechnen. Aber wir werden angesichts der laufenden Entwicklung selbstverständlich überlegen müssen – und das hat dann möglicherweise auch mit Programmveränderungen zu tun, denn der Programmaufwand diktiert letztlich die Kosten –, wie wir auf der Kostenseite günstiger werden, wie wir künftig weniger Geld aufwenden, darunter aber gleichzeitig die Qualität unserer Programme nicht leidet.

FK:: Was halten Sie grundsätzlich von der neuen Form der Rundfunkabgabe nach dem Kirchhof-Modell?

Steul: Man kann es nur begrüßen. Das ist ein deutlicher Fortschritt. Denn wir alle wissen, dass dieses sehr komplexe, sehr komplizierte System, das auf der Bereithaltung von Rundfunkgeräten fußte, niemandem mehr schlüssig zu erklären war. Deshalb hat es an Glaubwürdigkeit verloren. Demgegenüber zeichnet sich das neue Modell schlicht und einfach durch Klarheit aus. Das kann der Akzeptanz nur nützen.

Wir können ja nicht für die Fische senden

FK: Das Deutschlandradio hat ein hohes Ansehen in Politik und Gesellschaft, die Hörerakzeptanz ist besser denn je. In der Presse gibt es im Zusammenhang mit den Rundfunkgebühren und ihren Implikationen für den Programmauftrag oft Kritik an ARD und ZDF, oder auch, wenn es um deren Internet-Strategie geht. Das Deutschlandradio hingegen scheint gefeit vor solchen Attacken. Nun sind Ihre Angebote keine Massenprogramme, sie sind im Grunde von der Quote befreit. Ist das eine bequeme Situation?

Steul: Wir sind in einem ganz strengen Sinne öffentlich-rechtliches Kernprogramm. Und ich sage Ihnen: Es ist ein Privileg, dass man den Auftrag hat, diese Programme zu machen. Die Kolleginnen und Kollegen von ARD und ZDF, im Fernsehen wie im Radio, haben zusätzlich auch die Verpflichtung, Massenprogramme zu veranstalten. Sie werden von mir nun keine Kritik an den Programmen von ARD und ZDF hören, ich weiß, wie schwer der Spagat ist. Ich wiederhole stattdessen: Wir haben das Privileg, in einem engen Rahmen klassische öffentlich-rechtliche Programme zu machen. Wir sind deshalb auch befreit von den Angriffen privater Veranstalter, die solche Angriffe aus kommerziellem Interesse anderswo fahren. Das erleichtert uns die Sache gelegentlich. Von der Quote, würde ich sagen, sind wir relativ befreit. Aber auch wir brauchen eine Anerkennung. Wir können ja nicht für die Fische senden. Auch wir müssen nachweisen, dass es für unsere Angebote ein signifikantes Interesse gibt.

FK: Und was bedeutet das konkret?

Steul: Wir müssen nicht auf „Quotenjagd“ gehen, aber wir müssen uns immer wieder auch anhand von Nutzerzahlen selbstkritisch prüfen, inwieweit wir die Menschen auch erreichen, die ein etwas höheres und intensiveres Interesse an den komplexen Dingen dieser Welt haben, ob es nun Information oder Kultur ist.

Es gibt schlimmeren Schmerz als den vom Schulterklopfen

FK: Dennoch klopfen Ihnen in der Regel alle auf die Schulter, weil das Deutschlandradio so vorbildlich öffentlich-rechtlich ist.

Steul: Nun, gelegentlich stelle ich fest, dass mir vom vielen Schulterklopfen bereits die Schulter wehtut, aber es gibt schlimmeren Schmerz. Doch Achtung, viel Lob birgt eine Gefahr: Bei all der Zuwendung fällt es nämlich auch ein bisschen schwerer, die unbedingt notwendige ständige Selbstkritik zu üben. Aber die brauchen wir natürlich, wenn man Programme macht und weiterentwickeln will. Da muss auch immer dieses ständige Nichtzufriedensein mitschwingen, dieser ständige Wunsch, dass einem doch auch noch etwas Besseres einfallen kann. Das muss aufrechterhalten werden, denn Stillstand ist Rückschritt. Aber es gelingt uns schon, kreativ unzufrieden zu bleiben.

FK: Sie haben vor kurzem bei einer Diskussion in Berlin selbstkritisch erklärt, was programmlich anstehe, sei, dass Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur jeweils ihr Profil schärfen müssten. Was ist damit gemeint?

Steul: Das hat auch mit der Verbreitung der beiden Programme zu tun. In den ersten zehn bis fünfzehn Jahren nach der Gründung von Deutschlandradio war die Zahl der UKW-Verbreitungen enorm gestiegen, aber die Programme waren zumeist nicht flächendeckend parallel zu empfangen. Viele konnten nicht beide Programme hören und zwischen ihnen wechseln, sondern in weiten Teilen des Landes konnten die Menschen entweder nur Deutschlandradio Kultur oder nur Deutschlandfunk hören. Deshalb mussten beide Programme praktisch so etwas wie Vollprogramme sein, das heißt, sie mussten beide mit Information, Politik, Kultur, Feature, Hörspiel parallel gefahren werden. Je mehr jedoch beide Programme gemeinsam empfangen werden können, desto mehr sollten sie sich dann ein eigenes Kernprofil schaffen – und sich dadurch auch voneinander unterscheiden. Wobei das eine Programm immer wieder auch auf das andere hinweisen soll. Sie werden beide immer relative Vollprogramme sein müssen, das heißt alle Genres abdecken, aber zunehmend aufeinander abgestimmt. Und wir haben inzwischen eine Empfangssituation, die genau diese stärkere Differenzierung ermöglicht.

FK: In Nordrhein-Westfalen konnte Deutschlandradio Kultur Anfang August vom britischen Streitkräfteradio BFBS die sendestarke UKW-Frequenz 96,5 in Langenberg übernehmen. Das muss für Sie wie ein vorweggenommenes Weihnachtsgeschenk gewesen sein.

Steul: Ja, und das ist das beste Beispiel für diese Entwicklung. Dass es gelungen ist, diese Frequenz für Deutschlandradio Kultur zu übernehmen, das rechne ich mir auch ein klein wenig als persönlichen Erfolg zu. Aber daran haben natürlich noch viele andere mitgearbeitet. Dadurch hat unser Kulturprogramm seine technische Reichweite in Nordrhein-Westfalen von vorher nur 1,2 Millionen auf jetzt 10,8 Millionen potenzielle Hörer quasi verzehnfacht. Wir haben damit eine der letzten richtig großen Frequenzen in dieser Republik erhalten. Und nun können sehr viele Menschen im größten Ballungsgebiet Deutschlands sowohl Deutschlandfunk als auch Deutschlandradio Kultur hören und zwischen beiden Programmen wählen. Und das heißt auch, dass wir beginnen können und beginnen müssen, die beiden Programme komplementär zueinander besser zu formulieren.

Nicht lebensfähig ohne Kooperation mit der ARD

FK: Anders gesagt: Der Deutschlandfunk kann mal auf ein Stück Kultur verzichten und Deutschlandradio Kultur auf ein Stück Politik …

Steul: Nein, so nicht. Wir werden uns aber verstärkt fragen, wie wir in unterschiedlicher Themensetzung und Ansprache vorgehen müssen und in der besseren synergetischen Nutzung der wunderbaren Qualitäten unserer Fachredaktionen in beiden Funkhäusern. Was aber nicht heißt, dass die beiden Programme nicht auch bestimmte Stücke überkreuz wiederholen können, zu bestimmten Sendezeiten. Nehmen Sie sich die teuersten Produktionen, die wir haben: das Hörspiel, das künstlerische Hörspiel, manchmal schwierig, sperrig, aber ein Kernauftrag für uns. Wir werden nun im Lauf einer Strategiediskussion auch darüber nachdenken, wie wir hier künftig verfahren. Ich nenne Ihnen ein Beispiel, wie das aussehen könnte: Da ist der Erstsendeplatz für ein Hörspiel im Deutschlandfunk zu einer bestimmten Zeit, und überkreuz innerhalb einer Woche kommt an einem identifizierten Platz, aber zu einer völlig veränderten Sendezeit die Wiederholung dieses Stücks bei Deutschlandradio Kultur. So bieten wir Qualität in diesem Feld auf hohem Niveau und zu übrigens deutlich günstigeren Kosten.

FK: Inwiefern betrachten Sie eigentlich die Kulturradiowellen und die Informationskanäle der ARD-Landesrundfunkanstalten als Konkurrenz?

Steul: Was soll da der Begriff Konkurrenz? Da muss jeder sein Programm selbst definieren und jeder hat seine eigenen Stärken. Die Programme der ARD-Landesrundfunkanstalten beziehen sich zuallererst auf ihre Sendegebiete und sind dort zumeist beliebt. Ich glaube nicht, dass sie uns etwas wegnehmen und umgekehrt. Wenn überhaupt, dann würde ich hier sagen, Konkurrenz belebt das Geschäft. Alle haben ihren eigenen Ehrgeiz, und jeder will natürlich der Bessere sein. Alles andere wäre nicht normal. Aber hier findet auf keinen Fall ein Verdrängungswettbewerb statt, im Gegenteil. Die Kulturprogramme nehmen in der Nutzung ja zu! Das Deutschlandradio wäre übrigens ohne Kooperation mit der ARD nicht lebensfähig, das könnten wir gar nicht bezahlen. Wir kooperieren beim Auslandskorrespondentennetz, wir kooperieren beim Austausch von Informationsbeiträgen, und ich sehe überhaupt keinen Gegensatz zur ARD. Allerdings bin ich überglücklich darüber, dass Deutschlandradio unabhängig ist, dass wir unsere eigenen Gebühren erhalten und Deutschlandradio in der öffentlich-rechtlichen Familie mit ARD und ZDF als eigenständiger Faktor handeln kann. Sicher, in einer Familie gibt es auch mal Streit, in einer Familie hat nicht jeder die gleichen Vorstellungen, man streitet sich auch gelegentlich, aber es gibt eine riesige Schnittmenge des gemeinsamen identischen Interesses. Und das ist der entscheidende Punkt.

UKW bleibt noch lange der Hauptempfangsweg für die Hörer

FK: Streit mit der ARD gibt’s ja immer mal wieder wegen UKW-Frequenzen. Hat sich das womöglich dadurch entspannt, dass inzwischen viele eigentlich regionale Hörfunkprogramme online auch bundesweit zu empfangen sind?

Steul: Nein, das wiederum kann sich nicht entspannen. Auf dem Gebiet der UKW-Frequenzen liegt sozusagen ein natürlicher Interessenskonflikt mit der ARD. Dabei wird es bleiben, weil die Knappheit der Frequenzen dazu führt. Also, ich werde nicht mehr um jede Kleinstfrequenz kämpfen, aber wo Frequenzen frei oder neu verteilt werden, da hebt das Deutschlandradio den Finger – und zwar nicht nur einen. Das ist ganz logisch. UKW ist und bleibt nämlich noch lange der Hauptempfangsweg für die Hörer, allem Internet-Fortschritt zum Trotz. Denn wenn Sie sich die Online-Verbreitung der Radios ansehen, dann ist das insgesamt immer noch minimal, auch wenn es beim jungen Publikum eine steigende Tendenz gibt.

FK: Die Programmverbreitung über terrestrische Frequenzen kostet Geld, UKW ist der Königsweg. Lohnt sich eigentlich die Verbreitung über Nebenwege wie Mittel- und Langwelle noch? Darüber hört doch kaum noch jemand.

Steul: Wie wollen Sie die Frage „Lohnt sich das?“ beantworten? Wir haben in Deutschland 80 000 bis 100 000 Hörer über die Mittelwelle. Die genaue Zahl wissen wir nicht. Lohnt es sich ab 70 000 nicht mehr oder erst ab 50 000? Wenn sie zum Beispiel auf der Autobahn von Köln nach Frankfurt fahren, kommen sie immer in Bereiche hinein, wo der Deutschlandfunk im Autoradio plötzlich nicht mehr zu empfangen ist. Ich wechsle dann auf die Mittelwelle. Ich ärgere mich, dass mein jetziges Auto kein Radio mehr mit Langwelle hat. Im Fall des Falles sind Mittel- und Langwelle sehr hilfreich. Deutschlandradio hat zur Mittel- und Langwellenverbreitung Verträge, die bis 2016 laufen. Die werden wir einhalten. Aber wir werden jetzt mit dem Aufbau der verbesserten Digitaltechnik DAB plus sehr präzise verfolgen, wie schnell dieser verläuft und wie der Markt DAB plus annimmt. Auch davon wird abhängig sein, ob wir eines Tages auf Mittel-  und Langwelle verzichten. Derzeit können wir es nicht.

FK: Stichwort „DAB plus“: ARD und Deutschlandradio sollen das Geld für die Übertragungskanäle, das die KEF bisher gesperrt hat, erst erhalten, wenn es die Verträge von öffentlich-rechtlichen und privaten Hörfunkveranstaltern mit dem Sendenetzbetreiber gibt. Die Verhandlungen zu DAB plus verlaufen eher schleppend. Angeblich auch, weil der Sendenetzbetreiber überhöhte Kosten für die DAB-plus-Multiplexe verlangt. Sind Sie optimistisch, dass die Verträge nun bis Ende September, wie es vorgesehen ist, zustande kommen? Andernfalls müssen Sie um das vorgesehene Geld fürchten – ganz abgesehen davon, dass DAB plus, wenn die Verhandlungen scheitern, wohl schon vor der Geburt gestorben wäre.

Steul: Es stimmt, die Sache hat sich leider sehr verzögert. Aber wir reden alle miteinander, die Verhandlungen laufen mit Hochdruck. Ich denke schon, dass wir den Vertrag noch rechtzeitig unter Dach und Fach kriegen. Ende September ist auch nicht die letztgültige Deadline. Ich bin ein grundoptimistischer Mensch und daher auch guter Dinge, dass die Sache nicht an überhöhten Kosten scheitern wird.

Wenn die Bundesrepublik denn konsequent auf DAB gehen würde...

FK: Grundsätzlich kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass DAB in Deutschland eine völlig verkorkste Geschichte ist. Kommt das überhaupt noch jemals in Fahrt?

Steul: Das ist eine Frage, die Ihnen niemand beantworten kann. Ich persönlich bin fest davon überzeugt, dass die Digitalisierung die Zukunft ist, wie auch immer das konkret aussieht. Wir haben uns in der Bundesrepublik zu lange mit der Technik beschäftigt und nicht mit dem politischen Ansatz. Ich bedauere, dass die Sender und die Industrie die politische und wirtschaftliche Dimension dieser Technologie nicht in den Mittelpunkt der Diskussion gestellt haben. Die reine Qualität des Hörens – damit können sie DAB nicht wirklich begründen. Denn UKW hat eine Qualität erreicht, die sich beim Hören vom digitalen Empfang praktisch nicht mehr unterscheidet. Ich sage immer etwas spöttisch: Die zusätzliche akustische Qualität von DAB können nur Hunde hören und Techniker können sie messen, aber der normale Hörer merkt nichts davon. Den Zusatznutzen müssen Sie anders begründen.

FK: Die meisten Leute sind mit UKW ja auch dann noch zufrieden, wenn es ab und zu mal ein bisschen rauscht.

Steul: Das Potenzial oder der Wert von DAB besteht zum Beispiel für uns darin, dass wir mit dieser Technik über wenige Frequenzen im gesamten Bundesgebiet alle drei Programme von Deutschlandradio verbreiten könnten. Wenn die Bundesrepublik denn konsequent auf DAB gehen würde ... Dabei ist DAB ja nur eine mögliche Technologie der digitalen Verbreitung. Doch ein Problem besteht darin, dass vor allem für die kommerziellen und hier besonders die kleineren Radios, die über ein definiertes Sendegebiet ihre UKW-Versorgung haben und sich aus diesem Sendegebiet mit der Werbung finanzieren, nicht in diese neue Technologie investieren wollen, weil es ihnen zu teuer und unsicher ist. Denn es handelt sich hier um eine Investition, die langfristig finanzielle Mittel bindet. Und die kommerziellen Sender fragen sich: Warum sollen wir das machen, wenn wir auch Lizenzen nur für drei bis fünf Jahre bekommen? Sie befürchten eine hohe Verschuldung. Kommerzielle Radios müssen aber möglichst am Ende jeden Jahres eine schwarze Zahl schreiben. Oder: Der Geschäftsführer eines Privatradios, der einen Drei-Jahres-Vertrag hat, dessen Zeit in ein, zwei Jahren ausläuft, wird nicht in ein Projekt investieren, bei dem er eigentlich über zehn bis fünfzehn Jahre denken müsste.

Und dann wären 300 Millionen UKW-Geräte plötzlich überflüssig

FK: Das hört sich nicht an, als ob DAB in Deutschland künftig aufblühen würde. Wie sieht denn der öffentlich-rechtliche Rundfunk hier die Kostenfrage?

Steul: Die Frage ist für die ARD-Kollegen jedenfalls deutlich weniger relevant als für uns, da im Gegensatz zum Deutschlandradio alle ARD-Anstalten in ihrem Sendegebiet über eine ausreichende UKW-Versorgung verfügen.

FK: Müsste bei DAB nicht die Politik stärker regulativ eingreifen? In Frankreich und England hat man in dieser Hinsicht viel mehr für DAB getan und es funktioniert.

Steul: Sie werden jetzt von mir nicht den Ruf nach staatlichen Subventionen hören. Damit habe ich grundsätzlich ein ordnungspolitisches Problem. Was stimmt ist: Politische Entscheidungen zu DAB hätten schneller fallen müssen. Aber man hat selbstverständlich auch Angst davor, was das Publikum, also der Wähler sagt, wenn etwa 300 Millionen UKW-Geräte plötzlich überflüssig sind. Doch die Diskussion hierzulande war technikgetrieben, und Techniker sagen immer: Wartet lieber ab, es gibt bald noch was Besseres. Die Auseinandersetzungen um neue Techniken sind auch Glaubenskriege. Und der deutsche Mensch hat was übrig fürs Grundsätzliche, gelegentlich für Glaubenskriege.

FK: Herr Steul, Sie haben anfangs bereits erwähnt, dass Ihr Internet-Programm DRadio Wissen gute Hörerzahlen hat. Wie sind neben dem quantitativen Aspekt die  inhaltlichen Erkenntnisse bei diesem neuen Projekt. Sind Sie mit der eingeschlagenen Richtung zufrieden? Gibt es nach rund acht Monaten Sendebetrieb erste Überlegungen für Modifikationen?

Steul: Wir haben das Programm von Anfang an auch als Experimentierfläche betrachtet. Wir haben eine sehr intensive reziproke Kommunikation mit den Hörern aufgebaut. Es gibt bei DRadio Wissen zum Beispiel täglich eine Sendung, in der die Redaktionskonferenz um 18.30 Uhr live übertragen wird. Dabei können die Hörer mitreden. Nicht nur diese Kommunikation mit dem Publikum kommt sehr gut an. Wir kooperieren mit Universitätsradios und erhalten auch da ständig einen Input, eine fruchtbare Rückwirkung. Außerdem haben wir bei DRadio Wissen erfolgreich neue Musiksendungen etabliert, die erfreulich gut ankommen. Wenn ich mir in den letzten Wochen das Phonostar-Ranking angeschaut habe, konnte ich immer wieder sehen, dass DRadio Wissen inzwischen zu den meistgehörten Internet-Radios zählt. In der Kategorie „Information und Kultur“ liegt der Sender dort in den Top 20 und damit noch vor allen Info-Programmen der ARD-Landesrundfunkanstalten. Vor allen Dingen erreichen wir mit DRadio Wissen das jüngere, interessierte Publikum, was wir erreichen wollten. Das zeigt sich ganz besonders am Interesse, das von den Universitätsradios auf uns zukommt, weil wir ausdrücklich auch experimentieren.

DRadio Wissen: Hineintasten in die jüngere Radiowelt

FK: Ist es also noch zu früh für größere Veränderungen? Wollen Sie erst weitere Erfahrungen abwarten?

Steul: Wie versuchen ja selbst noch, uns hineinzutasten in diese jüngere Radiowelt, die eben nicht nur jung ist über ihre Musik, sondern auch über die Art und Weise, wie man solche Programme macht, in diesem Fall ein Wissens- und Bildungsformat. Ich glaube, dass diese jüngere Klientel, die über das Internet Radio hört, technisch interessierter und wahrscheinlich auch offener für Experimente und überhaupt Neues ist. DRadio Wissen ist für uns ein Versuchsfeld, das wir sehr genau beobachten. Zum gegebenen Zeitpunkt werden wir daraus unsere Schlüsse für Veränderungen ziehen. Die entsprechenden Erfahrungen werden wir auch für unsere beiden anderen Programme nutzen und auch für unsere Internet-Präsenz. Wir haben übrigens festgestellt, dass wenige Wochen nach dem Start von DRadio Wissen die Zugriffszahlen auf die Internet-Seiten von Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur signifikant gestiegen sind. Daraus muss man den Schluss ziehen, dass es Nutzer gibt, die über den Zugang DRadio Wissen, wo natürlich auf Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur hingewiesen wir, unsere beiden Kernprogramme neu für sich entdeckt haben. Und das müssten in aller Regel eher jüngere Leute sein. Das ist ganz spannend zu beobachten. Inwieweit sich das dann in Hörerzahlen umsetzt, wissen wir nicht.

FK: Sie übernehmen bei DRadio Wissen auch Beiträge aus Programmen von ARD-Landesrundfunkanstalten. Das soll aber nicht so problemlos funktionieren wie ursprünglich geplant. Denn die Übernahmen sollten kostenlos geschehen, was aber aus urheberrechtlichen Gründen zumindest nicht immer möglich ist. Wie ist hier der Stand der Dinge?

Steul: Sehr kompliziert, wie alles, was mit zum Teil ja überkomplizierten Tarifwerken zusammenhängt, die moderne Entwicklungen ja auch noch nicht abbilden. Der Deutschlandradio-Staatsvertrag sieht hier einen Kooperationsauftrag vor, eine Verpflichtung mit der ARD. Das habe ich so immer außerordentlich begrüßt, denn in den gehobenen Programmen der ARD gibt es ebenfalls qualitativ wunderbare Sendungen, die bestens in DRadio Wissen hineinpassen. Und warum sollen wir nicht etwas, das sonst nur die Hörer des Bayerischen Rundfunks oder des Rundfunks Berlin-Brandenburg hören können, in unserem Wissensprogramm weiteren Menschen zu Gehör bringen? Aber kostenfreie Übernahmen sind in der Praxis doch schwieriger als gedacht. So haben auch die Gewerkschaften ein Auge darauf, dass dabei alles mit rechten Dingen zugeht. Das Problem ist nicht unbedingt eine Einzelsendung, schwierig wird’s, wenn wir etwas für den Regelbetrieb kostenfrei übernehmen wollen. Hier gibt es eine juristisch ungeklärte Situation. Unser Rechtsstandpunkt ist: Auch das ist kostenfrei. Die ARD-Anstalten sehen das zwar auch so, aber die Autoren und Gewerkschaften eher nicht. Darüber muss verhandelt werden.

FK: Gibt es Lösungsansätze am Horizont? Oder liegt die Kooperation nun komplett brach?

Steul: Zum Teil können wir vom Einzelfall her entscheiden. Mit dem WDR und dem Bayerischen Rundfunk funktioniert es. Aber zum anderen Teil verzichten wir vielfach auf eine von uns ja gewünschte Kooperation, weil wir von den ARD-Anstalten das Material nicht erhalten, wenn wir nicht Wiederholungshonorare zahlen beziehungsweise in der derzeitigen Situation das Kostenrisiko übernehmen würden. Das allerdings würde unser Programm erheblich verteuern. Und wir sind ja ohnedies schon dabei, uns für DRadio Wissen finanziell nach der Decke zu strecken. Ich finde es außerordentlich bedauerlich, dass wir kostenlos mit ausländischen Sendern wie der BBC, Radio France oder vielleicht demnächst mit dem deutschen Programm des polnischen Rundfunks und des tschechischen Rundfunks kooperieren können, wir es aber nicht hinbekommen, dass wir innerhalb der ARD richtig gute und wertvolle Bildungsinhalte übernehmen und denen eine größere Verbreitung besorgen können. Die ARD selbst ist daran interessiert, dieses Problem grundsätzlich zu klären, weil es natürlich auch ihre Kooperationsmöglichkeiten tangiert.

Ich kann mich auch in die Köpfe von Autoren hineinversetzen

FK: Worauf beruht Ihre Rechtsauffassung, dass die Übernahmen kostenlos sein müssen?

Steul: Die beruht auf der Interpretation der derzeitigen Verträge. Aber Sie wissen doch, wie das ist mit der Juristerei: Man kann’s so auslegen oder so. Ich persönlich verstehe das Problem ja. Eine kostenlose Übernahme, die als Ausnahme oder als gelegentlich gedacht war, wird plötzlich zum Regelfall – und trotzdem gibt es kein Honorar. Ich kann mich auch in die Köpfe von Autoren hineinversetzen.

FK: Die Sendungen der französischen oder britischen Kooperationspartner zum Beispiel übernimmt DRadio Wissen in der jeweiligen Originalsprache. Hatten Sie keine Angst vor dem Abschaltimpuls?

Steul: Nein. Denn so etwas geht bei DRadio Wissen, weil wir dort eine Klientel ansprechen, die vielfach akademisch und sehr weltoffen gebildet ist. Und weil DRadio Wissen ebenfalls ein kleines Zielgruppenprogramm und kein Massenprogramm ist. Ich glaube auch, nein, ich möchte, dass wir in dieser Hinsicht noch mehr Mut entwickeln.

FK: Welche Musik wird bei DRadio Wissen gespielt, das ja primär ein Wortprogramm ist? Was ist der Grund dafür, Musik zu spielen?

Steul: Das geht zurück auf die Diskussion mit Hörern. Daher wissen wir, dass sie erwarten, dass wir uns auch mit Musik befassen sollen. Es muss und soll dabei nicht die übliche zeitgenössische Musik sein, vielmehr geht es um interessante Randfarben der Musik. Und es gibt den expliziten Wunsch, dass wir das dann journalistisch begleiten und aufbereiten.

FK: Die Internet-Aktivitäten der öffentlich-rechtlichen Sender sind umstritten. Wiewohl auch hier hauptsächlich ARD und ZDF von der privaten Konkurrenz attackiert werden und das Deutschlandradio eigentlich gar nicht. Niemand hat sich zum Beispiel über die iPhone-Apps für die Deutschlandradio-Programme beschwert. Dennoch mussten auch Sie Ihre Online-Angebote dem sogenannten Drei-Stufen-Test unterziehen, wobei hier Ihr Internet-Radio DRadio Wissen ausdrücklich ausgenommen war, da das Deutschlandradio per Staatsvertrag zu diesem Projekt beauftragt worden ist. Der Drei-Stufen-Test ist in Ihrem Haus inzwischen abgeschlossen. Wie sehen Sie die Situation jetzt?

Wir bewegen uns im Netz fast schon restriktiv

Steul: Für uns gelten natürlich dieselben Regeln wie für alle, insbesondere auch mit der Sieben-Tage-Verweildauer. Wir haben den Drei-Stufen-Test als erster öffentlich-rechtlicher Sender abgeschlossen. Das ganze Verfahren war ein Riesenaufwand und bedeutete eine dementsprechende Arbeitsbelastung für die Gremien, die ja für das Testverfahren zuständig waren. Es liegt natürlich auf der Hand, dass solche durch und durch öffentlich-rechtlichen Programme wie Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur weniger der Kritik von Verlagen und privater Rundfunkkonkurrenten ausgesetzt sind. Unser Internet-Angebot ist unbestritten und eindeutig  programmbezogen und programmbegleitend. Wir sind ja kein großer Player, machen wir uns da nichts vor, wir haben nicht die Präsenz und Macht von ARD und ZDF. Wir bewegen uns im Netz fast schon restriktiv. Aber wir können das machen, von dem wir glauben, dass wir es brauchen. Und in diesem engen Rahmen hat es darüber auch keine Auseinandersetzungen gegeben. Wir mussten auch nicht Tausende von Seiten löschen.

FK: Herrscht also für das Deutschlandradio im Netz sozusagen eitel Sonnenschein?

Steul: Wir sind zufrieden, was wir machen, wird gut genutzt. Aber in den nächsten anderthalb Jahren werden wir unser Internet-Angebot in den Details deutlich überprüfen, um zu sehen, was wir im Rahmen des jetzt abgesicherten rechtlichen Rahmens noch besser machen können. Ich wünsche mir zum Beispiel eine Vernetzung mit internationalen Anbietern. Dies ist eine Idee, die ich schon seit längerem im Kopf habe für die Weiterentwicklung von Deutschlandradio insgesamt. Es gibt kein Land innerhalb Europas mit mehr Grenzen als die Bundesrepublik, das heißt, kein Land hat so viele Nachbarstaaten und damit auch so viele Menschen mit einer „Grenz-Erfahrung“. Da sollte der nationale Hörfunk eines solchen Landes dessen Menschen verstärkt mit dieser Tatsache vertraut machen.

Drei-Stufen-Test: Der Online-Auftritt hat nun ein Prüfsiegel

FK: Bis auf marginale Modifikationen haben bei allen öffentlich-rechtlichen Sendern die nun beendeten Drei-Stufen-Tests nur den Status quo der Internet-Angebote rechtlich bestätigt. War der ganze Aufwand überhaupt nötig?

Steul: Was heißt schon nötig? Gesetz ist Gesetz. Es gibt in den Rundfunkstaatsverträgen nun mal die neu eingeführte Vorschrift zu diesem Verfahren, also muss man es auch anwenden. Nun habe auch ich den Drei-Stufen-Test ein bürokratisches Monster genannt. Andererseits hat das ganze aber natürlich den Vorteil, dass jetzt auf dem Online-Auftritt ein Prüfsiegel drauf ist. Wir bewegen uns nicht mehr in einen rechtlich umstrittenen Raum, sondern dieser Raum ist jetzt definiert. Nach all den Auseinandersetzungen – die, wie erwähnt, weniger das Deutschlandradio betrafen – hat sich inzwischen ja auch der Pulverrauch verzogen, die Lage hat sich beruhigt und das ist dann doch ein nicht zu unterschätzender Fortschritt.

FK: Ist das Internet letzten Endes die Radiozukunft? Nicht UKW, nicht DAB – hören die Menschen in 20 oder 25 Jahren nur noch online Radio?

Steul: Welche die beste Technik für die Zukunft des Radiohörens ist, das ist zur Zeit wohl eher Glaubenssache. Und das sollten wir dann auch religiösen Sphären überlassen. Nein, im Ernst, ich weiß es nicht, niemand weiß es im Moment. Es wird noch über lange Zeit ein Nebeneinander von Internet, UKW und auch digitaler DAB-terrestrischer Verbreitung geben. Ich persönlich hoffe nicht, dass es dazu kommt, dass Rundfunk irgendwann nur noch über Internet verbreitet wird. Die mobile Nutzung ist noch lange Zeit instabil. Man begibt sich in die Hände von Plattform- und Service-Betreibern. Und man ist in einem unendlichen Meer von Internet-Radioangeboten, man ist einer von vielen Tausenden, da finden einen die Leute am Ende kaum noch. Beim Phonostar-Ranking sind jetzt schon rund 5000 Sender registriert. Und wer weiß, wie viele es tatsächlich sind, keine Ahnung. Ich persönlich hoffe, dass sich die DAB-Verbreitung stabilisiert, dass sich das in Deutschland durchsetzt, denn das ist eine sehr gute Hörfunkverbreitungstechnik. Aber noch auf ganz lange Zeit werden wir auf verschiedensten Plattformen unsere Programme ausspielen müssen. Und da wollen wir auf allen wichtigen dabei sein.

Faszinierende Dinge, wo viele Lichtlein blinken

FK: Hören Sie Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur auch über das iPhone?

Steul: Nein. Denn ich muss Ihnen sagen: Ich habe gar keins. Und auch kein anderes Smartphone. Ich fürchte, ich würde mich darin verlieren, weil ich auch ein Freund der elektrischen Eisenbahn bin. Mit diesen faszinierenden Dingen, wo so viele Lichtlein blinken, kann man einfach so wunderbar spielen. Und ich kenne mich: Wenn ich einmal anfange, mit der Modelleisenbahn zu spielen, dann kann ich gar nicht mehr damit aufhören. Genauso würde es mir mit einem iPhone gehen. Wenn ich dort anfinge, nach einer Information zu suchen, würde ich immer mehr wollen, mehr und mehr, bis ich mich in der Netzwelt verloren hätte auf der Suche nach Informationen, die ich am Ende gar nicht brauche. Und für so viel Spielerei habe ich einfach keine Zeit. Ich schütze mich also vor mir selber, indem ich dieses Instrument gar nicht erst in die Hand nehme. Ein Handy ist für mich zum Telefonieren da. Und vielleicht auch zum Simsen.

FK: Wie kommt denn die Deutschlandradio-App, die ja kostenlos erhältlich ist, bei den Leuten an, die sie nutzen?

Steul: Über die Apps sind alle drei Programme im Live-Stream zu hören. Es gibt lesbare Begleitinformationen, Programmvorschauen, Nachrichten, die Presseschau, Verkehrsinformationen, also alles, was man von uns gewohnt ist. Unsere Apps wurden bisher gut 30 000 Mal heruntergeladen. So viel steht fest: Es gibt einen Bedarf dafür. Und es gibt keine Proteste gegen unsere App. Denn wir machen nun wirklich keine gedruckte Zeitung. Diesen Vorwurf der Verleger an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kann ich übrigens auch gegenüber der gesamten öffentlich-rechtlichen Familie nicht nachvollziehen. Ich realisiere diesen Begriff eher als eine Stück Polemik in der kämpferischen Auseinandersetzung ums Internet.

FK: Zum Schluss: Was schaut der Radio-Intendant im Fernsehen am liebsten?

Steul: Meine Kinder haben früher immer gesagt: Bei uns zuhause gucken wir kein Fernsehen, wir gucken Arte. Meine Frau ist Französin und ich habe neben der deutschen auch die französische Staatsangehörigkeit. Deshalb ist mir Arte noch einmal ganz besonders nahe. Mich ärgert ein wenig, dass ich in unserer Wohnung in Berlin Arte nur noch auf Deutsch und nicht auf Französisch empfangen kann. Natürlich schaue ich, der ich vom SWR stamme, vor allem auch ARD, ZDF und die Dritten Programme. Der Grund dafür ist aber auch der: Ich sehe am liebsten gute Dokumentationen, Reportagen und Nachrichten. Und das finde ich natürlich nicht bei Kabel 1 oder RTL 2. So einfach ist das.

Interview aus Heft Nr. 38-39/2010 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

24.09.2010/MK