Marcel Siepmann/Thomas Datt/Alexander Ihme/Tarek Khello/Christian Werner: Chemnitz – Ein Jahr danach. Reihe „Die Story im Ersten“ (ARD/MDR)

Image-Film

30.08.2019 •

Ein Jahr nach dem tödlichen Messerangriff auf Daniel H. während eines Stadtfestes in Chemnitz und den darauffolgenden rechtsradikalen Ausschreitungen in der Innenstadt, vier Tage nach der Verurteilung eines Täters zu neuneinhalb Jahren Haft (das Urteil ist noch nicht rechtskräftig) und sechs Tage vor der Landtagswahl in Sachsen sendete das Erste innerhalb der Reihe „Die Story im Ersten“ eine Dokumentation zu diesem Ereignis vom August 2018. War die ARD-Reihe „Die Story“ einst als investigatives, kritisches Format ins Leben gerufen worden, fand sich von diesem Anspruch in dem vom Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) verantworteten Beitrag „Chemnitz – Ein Jahr danach“ so gut wie nichts wieder.

Die 45-minütige Dokumentation mit Reportage-Charakter vermittelte auch keine neuen Fakten und Erkenntnisse zum Fall. Allein schon wegen ihrer zeitlichen Terminierung war das eigentlich auch nicht zu erwarten gewesen. Statt einer kritisch-investigativen Dokumentation handelte es sich hier vielmehr um eine Art Image-Film für Chemnitz oder besser gesagt: für die Menschen, die in dieser Stadt leben. Denn die Stadt selbst und hier insbesondere die Innenstadt als Schauplatz der Ereignisse im vorigen Jahr wurden nur sehr rudimentär dargestellt. So wurden beispielsweise die Aussagen derjenigen, die im Film bekundeten, dass sie sich dort unwohl fühlen, nur durch wenige Bilder – die oft auch nur aus unscharfen Kamerarundblicken bestanden – kommentarlos illustriert. Diese Bilder hinterließen dann beim nicht ortskundigen Zuschauer durchaus den Eindruck, dass das nicht nur, wie im Film impliziert, an dem im Chemnitz vorhandenen hohen Ausländeranteil liegen könnte, der bei vielen Bewohnern Angst erzeuge, sondern auch etwa an unschönen Besonderheiten der Stadtarchitektur.

Die Stärke der 45-minütigen Dokumentation, die neben dem als Autor im ARD-Programmhinweis genannten Marcel Siepmann im Titelvorspann noch vier weitere Autoren auflistete (Thomas Datt, Alexander Ihme, Tarek Khello und Christian Werner), liegt zweifellos in ihren Porträts, die sie von einigen Bewohnern dieser Stadt in klassischer Dokumentarfilmtradition zeichnet. Ohne dabei jemanden an den (Medien-)Pranger zu stellen, zeigen die Autoren ein breites Spektrum, auf das auch eine Art Untertitel des Films verwies, der „Wir sind nicht eins“ lautete. Der allerdings war nur in dem Ankündigungstrailer zu dem Film zu sehen, denn er wurde nicht mit in den eigentlichen Vorspann des Beitrags übernommen. Es kommen beispielsweise Streifenbeamte zu Wort, der Gastwirt eines am Stadtrand liegenden Biergartens, die aus Tunesien stammende Professorin der Technischen Universität Chemnitz, ein IT-Unternehmer und eine junge, politisch bei den Grünen engagierte Krankenschwester. Sie alle werden als individuelle Persönlichkeiten porträtiert mit viel Raum für ihre Selbstdarstellung – und wenig kritischen Nachfragen. Der ‘heimliche Star’ unter den Porträtierten ist jedoch ausgerechnet Arthur Österle, der als Ordner der rechtsextremen Bewegung „Pro Chemnitz“ bei den Unruhen im vorigen Jahr vor der Kamera eher unrühmlich in Erscheinung getreten war und heute als Aktivist bei der AfD mitwirkt. Von Beruf ist er selbständiger Zimmermann, einst war er als Auslandsdeutscher aus Georgien in die DDR gekommen (1978).

Das alles erfährt man im Film über ihn, denn sein Porträt nimmt hier insgesamt recht viel Zeit in Anspruch. Die geübte dokumentarische Zurückhaltung im Umgang mit seiner Person lässt ihn in die – bezüglich der Medienwirksamkeit eher zwielichtige – Rolle einer doch eigentlich interessanten und wichtigen Persönlichkeit schlüpfen, ohne dass dies von den Filmemachern unmittelbar hinterfragt worden wäre. Die Entwicklung des Rechtsextremismus in Chemnitz ist denn auch das eigentliche Thema dieser Dokumentation. Seine faktische Zunahme in Chemnitz verpackt der Film allerdings oft in Aussagen, die sich auf die Statistik und auf Umfragen berufen und dann auch in Form von Zahlen dokumentiert werden, die jeweils ins Bild eingeblendet wurden. Sie belegen eine Zunahme von rechtsextremer Gesinnung und rechtsextremistischen Gewalttaten bei gleichzeitigem Rückgang allgemeiner Kriminalität, ohne dass dies im Film oder im Kommentar dann explizit noch einmal problematisiert wird. Das hinterlässt stellenweise den Eindruck, als wolle man hier – um einen bekannten Aphorismus von Georg Christoph Lichtenberg leicht abzuwandeln – ‘die Fackel der Wahrheit durch eine Menschenmenge tragen, ohne jemanden den Bart zu versengen’.

Der MDR zeigte diese Dokumentation vorab am 22. August in einem Kino in Chemnitz, ergänzt um eine sich daran anschließende Diskussionsveranstaltung. Zunächst sollten auf dem Podium neben anderen auch drei der im Film Porträtierten sitzen, darunter der Rechtsextremist Arthur Österle. Nachdem wegen Österle einige andere ihre Teilnahme abgesagt hatten, darunter auch die Chemnitzer Oberbürgermeisterin, die es für falsch hielt, Österle ein solches Podium zu bieten, änderte der MDR die Zusammensetzung der Gesprächsrunde. Nunmehr saßen nur noch Filmemacher und Programmverantwortliche auf der Bühne und diskutierten mit dem Publikum im Saal über den Beitrag. Dort im Saalpublikum befand sich allerdings dann dennoch – gut sichtbar in einem kurzen Filmausschnitt, den der MDR davon auf seiner Homepage zeigt –, Arthur Österle, der eifrig mitdiskutierte. So bot ihm der MDR doch noch ein Forum. Mag der Film (690.000 Zuschauer, Marktanteil: 4,6 Prozent) insgesamt einem guten Image der Stadt Chemnitz gedient haben, dem Image des MDR jedoch dürfte dieser Umgang mit Österle eher geschadet haben.

30.08.2019 – Brigitte Knott-Wolf/MK