Jan Braren/Gregor Schnitzler: Lotte am Bauhaus (ARD/MDR/SWR) / Susanne Radelhof: Bauhausfrauen (ARD/MDR/RBB)

Kunstgeschichte und Frauenwahlrecht

14.02.2019 •

Es ist nicht alltäglich, ein Kapitel aus der Kunst- und Architekturgeschichte zum Gegenstand eines 105 Minuten umfassenden und zur Hauptsendezeit im Ersten ausgestrahlten Fernsehfilms zu machen. Das Bauhaus, um dessen Geschichte es hier geht, wurde im Jahr 1919 von Walter Gropius als staatliche Kunstakademie in Weimar gegründet. Das 100. Gründungsjahr wird derzeit allerorten gefeiert. Dabei existierte das Bauhaus nur 14 Jahre lang und musste in dieser Zeit zweimal seinen Standort wechseln: von Weimar nach Dessau und schlussendlich nach Berlin.

Das Bauhaus aber hat mit seinen innovativen Ideen und einer neuen Formensprache Kunst, Design und Architektur nachhaltig verändert. Mit seiner engen Verbindung von Handwerk und Kunst war das Bauhaus auch Ausdruck einer Moderne, die sich sowohl gegen eine akademisch verbrämte Kunstideologie als auch gegen eine traditionalistisch konservative Gesellschaftspolitik wandte. So kamen in der Bauhaus-Bewegung eine neue Kunstrichtung und ein neuer Lebensstil zusammen.

Der federführend vom MDR verantwortete Fernsehfilm „Lotte am Bauhaus“, für den Jan Braren das Drehbuch verfasste und bei dem Gregor Schnitzler Regie führte, verbindet nun eine private Lebensgeschichte mit dieser Zeitgeschichte: Die eine, die private, ist fiktiv, beruht aber auf historischen Fakten, die andere ist historisch verbürgt, wird aber mit den Mitteln der Fiktion erzählerisch umgesetzt. Bei der Geschichte der Lotte Brendel, die sich trotz großer Widerstände am Bauhaus in Weimar durchsetzt, wird somit die Entstehung der Moderne mit der der Frauenemanzipation verknüpft. Man hat also bei „Lotte am Bauhaus“ (Produktion: Ufa Fiction) nicht nur den 100. Gründungstag des Bauhauses als Anlass für dieses TV-Projekt genommen, sondern mit der Emanzipationsgeschichte dieses Films auch an das ebenfalls seit 100 Jahren in Deutschland geltende Frauenwahlrecht erinnert.

Dabei propagierten zwar die Gründer des Bauhauses in ihrem Gründungsmanifest die Gleichberechtigung von Mann und Frau, doch in der Praxis lehnten sie viele Frauen ab, die sich für die Kunstakademie in Weimar bewarben. In dem Maße, in dem das Bauhaus Anerkennung fand, nahm sogar der Anteil an weiblichen Studierenden signifikant ab. Man hatte offensichtlich die Sorge, ein zu hoher Frauenanteil würde der künstlerischen Reputation des Bauhauses schaden, denn bis zu diesem Zeitpunkt stand vor allem das Kunstgewerbe als Ausbildungsgang den Frauen offen, wohingegen die kulturell angesehenere freie Kunst als Männerdomäne galt. Die Bauhaus-Idee und ihre Umsetzung durch ihre Repräsentanten weltweit ist denn auch bis heute eine überwiegend männliche Geschichte. So rekonstruiert der Fernsehfilm nicht nur Vergangenheit, sondern er leistet auch eine Art Wiedergutmachung gegenüber den vielen begabten Frauen, die einst vom Bauhaus gerade in seiner Selbstdarstellung gegenüber der Öffentlichkeit vernachlässigt worden waren.

Der Film erzählt diese komplexe, über einen längeren Zeitraum währende Geschichte in einer klaren, stringenten Struktur und er hat mit Alicia von Rittberg eine hervorragende Hauptdarstellerin in der Rolle der Lotte Brendel. Deren Geschichte wird eng verbunden mit der Geschichte der am Bauhaus neu entwickelten künstlerischen Konzepte, indem immer wieder Szenen aus dem Unterricht an der Akademie und der Arbeit von Dozenten und Studenten an ihren Modellen gezeigt werden. Dabei rückt die Figur des Gründervaters Walter Gropius (Jörg Hartmann) eher weg vom Fokus, sie kommt im Film teilweise recht steif und überaus autoritär daher. Der Handlungsspielraum dieser Rolle bleibt weitgehend auf die Funktion des weisen Patriarchen reduziert, der allerdings durchaus eigene Geschäftsinteressen verfolgt.

Etwas zu kurz ist im Fernsehfilm auch der politische Hintergrund der Bauhaus-Geschichte geraten. Der Politik begegnet man hier nämlich vor allem in Form von rechtsextremen Pöbeleien und konservativen Vorurteilen gegen die Bauhaus-Bewegung, wodurch diese bevorzugt in eine linksextremistische und moralisch anfechtbare Ecke gestellt wird. Mit dem Bauhaus-Gedanken war jedoch ursprünglich auch die – alles andere als extremistisch einzustufende – Idee eines sozialen Wohnungsbaues für einkommensschwache Schichten verbunden, weshalb sie in der Weimarer Republik politisch zunächst vor allem von der Sozialdemokratie unterstützt wurde, die sich jedoch später wegen ausbleibender Erfolge in dieser Hinsicht vom Bauhaus wieder distanzierte. Dieser Aspekt kommt, wenn überhaupt, eher versteckt im Dialog vor. Einen großen Raum nimmt in der Filmhandlung hingegen der Bau des Hauses am See für die (fiktive) Familie Ludwig ein, der für Lotte Brendel zum Musterfall ihrer Emanzipationsgeschichte wird und der alles andere als ein Modell für den sozialen Wohnungsbau ist.

Dadurch, dass der Film einerseits das aggressive politische Zeitklima hervorhebt, bei dem sich politische Extreme aller Art unversöhnlich gegenüberstehen, lässt er die Bauhaus-Bewegung vor allem als Befreiungsgeschichte von gesellschaftlichen Zwängen aller Art erscheinen, sozusagen als Vorgeschichte der 68er-Studentenrevolution. Dabei zeigt er andererseits aber ebenso eindrücklich, an welchen Zwängen die Protagonistin, eben weil sie eine Frau war, selbst im Umfeld des Bauhauses zu leiden hatte.

Sehenswert war auch die an den Fernsehfilm anschließende Dokumentation „Bauhausfrauen“, sie war für die Glaubwürdigkeit des Spielfilms sogar unverzichtbar. Leider war die Dokumentation, die diesen Bauhaus-Themenabend im Ersten abrundete, nur 30 Minuten kurz. Offenbar gestand die ARD nur dem Fernsehfilm zu, ausnahmsweise die übliche Sendezeit (90 Minuten) zu sprengen und 15 Minuten länger zu sein. Auch die Dokumentation hätte ruhig eine Viertelstunde länger sein dürfen. Der Beitrag von Susanne Radelhof bot aber dennoch sehr informative Kurzporträts von einigen tatsächlich am Bauhaus tätigen Künstlerinnen wie Gunta Stölzl, Alma Buscher, Friedl Dicker oder Marianne Brandt. Zur Vermittlung dieser Informationen dienten Gespräche mit insgesamt sechs Interviewpartnern, drei Frauen und drei Männern, ergänzt um eigens für die Dokumentation neu recherchiertes Archivmaterial. Auch einige kurze Szenen aus dem vorangegangenen Fernsehfilm wurden übernommen. Deutlich wurde durch die halbstündige Dokumentation (Produktion: Koberstein Film), dass in der Kunstfigur der Lotte Brendel aus dem Fernsehfilm die Biografien vieler dieser ‘echten’ Künstlerinnen zusammengefasst waren.

(Der Spielfilm „Lotte am Bauhaus“ hatte 4,19 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 13,4 Prozent; die Dokumentation „Bauhausfrauen“ kam auf 2,98 Mio Zuschauer und 11,3 Prozent Marktanteil.)

14.02.2019 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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