Dorothee Schön/Sabine Thor-Wiedemann/Anno Saul: Charité. Krankenhausserie, 2. Staffel, wiederum 6 Folgen (ARD/MDR)

Das Leiden der Anderen

03.03.2019 •

Die 2017 ausgestrahlte, sechs Episoden umfassende erste Staffel der historischen Krankenhausserie „Charité“ erwies sich als imposanter Zuschauererfolg. Verständlich, dass die ARD-Programmverantwortlichen eine Fortsetzung in Auftrag gaben; zugleich auch sinnfällig, denn die Geschichte des angesehenen Berliner Klinikums lässt sich fortschreiben bis in die heutige Zeit. Der erste Zyklus siedelte im wilhelminischen Zeitalter und brachte in Anlehnung an reale Ereignisse namhafte Koryphäen der Medizingeschichte wie Rudolf Virchow und Robert Koch auf den Bildschirm, die von den Drehbuchautorinnen Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann um ein Ensemble fiktiver Figuren ergänzt wurden.

Handwerklich überzeugen konnte die von Sönke Wortmann in Szene gesetzte erste Staffel nicht (vgl. MK-Kritik) – einige Rollen waren unpassend besetzt, das heraufbeschworene Zeitkolorit war nicht durchgängig stimmig, die Handlungsführung war konventionell und an bewährten Vorbildern orientiert, wie sie vor allem aus der Schmiede des Produzenten Nico Hofmann stammen, der an „Charité“ (Produktion: Ufa Fiction mit Mia Film) auch jetzt wiederum beteiligt ist. In der zweiten Staffel wurde Regisseur Sönke Wortmann durch den Kollegen Anno Saul abgelöst. Die Episodendrehbücher stammen erneut von Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann, das Personal vor den Kameras wurde komplett ausgetauscht, denn die neuen Folgen spielen zwischen 1943 und 1945, unter der Nazi-Herrschaft, im Krieg.

Wieder treffen reale Personen der Zeitgeschichte auf Kunstfiguren. Im Zentrum des Geschehens steht Ferdinand Sauerbruch (Ulrich Noethen). Aus Autorenwarte eine dankbare, weil äußerst zwiespältige Persönlichkeit: Der zu dieser Zeit wegen seiner fortschrittlichen Methoden und neuen Entwicklungen weltweit bekannte und anerkannte Chirurg pflegte Umgang mit Nazi-Größen, war unter Hitler Amts- und Würdenträger, trug Uniform und äußerte sich öffentlich im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie, machte aber in seiner ärztlichen Praxis keinen Unterschied zwischen den Patienten, behandelte, teils zum Unwillen seiner Mitarbeiter, auch Juden und wandte sich gegen die fürchterliche nationalsozialistische Euthanasiepolitik, geistig und körperlich behinderte Menschen zum Zwecke der „Rassenreinhaltung“ systematisch zu ermorden. Auch beherbergten Sauerbruch und seine zweite Frau Margot (dargestellt von Luise Wolfram) Angehörige des Widerstands um den später hingerichteten Claus Schenk Graf von Stauffenberg (Pierre Kiwitt). Dies allerdings aus persönlichen und gesellschaftlichen, nicht aus politischen Gründen.

Damit sind die Konfliktlinien schon umrissen. In der Klinik und Ausbildungsstätte Charité treffen gegnerische Weltanschauungen aufeinander. Die leitenden Positionen sind mit regimetreuen Medizinern besetzt, darunter der Psychologe Max de Crinis (Lukas Miko), ein SS-Mitglied, das mit verbindlichem Lächeln echte oder vermeintliche Deserteure, Kriegsgegner, Homosexuelle („triebunsichere Psychopathen“) und Menschen mit angeborenen Einschränkungen in den Tod schickt.

Zu den Studenten von de Crinis’ gehört die schwangere Anni Waldhausen (Mala Emde). Sie und ihr Ehemann Artur (Artjom Gilz) sind willige Diener des NS-Staats. Im Verlauf der Erzählung ändert sich das. Annis Tochter Karin wird mit einem sogenannten „Wasserkopf“ geboren und würde unter gewöhnlichen Umständen in die Gaskammer überstellt. Anni, nun persönlich betroffen, sucht nun das vordem von ihr gestützte System zu unterlaufen. Artur anfangs ebenfalls, doch dann wird ihm die kleine Karin zur Belastung – als Vater eines behinderten Kindes ist seine Karriere gefährdet. Anni kann die Tochter retten, ihren wetterwendischen Mann wird sie später verlassen.

So manches hier wirkt wie ein kalkuliertes Konstrukt der Autorinnen, wie ein Versuch, zeittypische Erscheinungen in der Charité zusammenzuführen. Tatsächlich aber war die Charité eine Art Brennpunkt des damaligen Geschehens. Magda Goebbels (Katharina Heyer) gebar hier ihre Kinder, Karl Ludwig Bonhoeffer (Thomas Neumann) war als Neurologe tätig, womit auch sein gegen Hitler eingestellter Schwiegersohn Hans von Dohnanyi (Max von Pufendorf) Eingang in die Erzählung findet. Im Kreise der Angestellten wurde gespitzelt und spioniert, opponiert und verraten – es ist ein fast schon überreiches Angebot an Themen und Geschehnissen, das die beiden Autorinnen aber angemessen zu ordnen verstehen.

Anno Sauls Inszenierung wirkt präziser, detailbewusster und sorgfältiger als die von Sönke Wortmann bei der ersten Staffel. Die Rollen sind glaubwürdiger besetzt. Ulrich Noethen liefert einmal mehr eine Glanzleistung, hier als jovialer, wortgewandter, bis an die Grenze zur Arroganz selbstbewusster und auch liebender Ferdinand Sauerbruch, der mit dem absehbaren Untergang des Hitler-Reichs peu à peu an Verve verliert und sich auch unter Beschuss und unzulänglich ausgerüstet ohne Blick auf Herkunft, Rasse und Religion hartnäckig um das Leben seiner Patienten bemüht.

Hier zeigt sich aber zugleich eine signifikante Schwäche dieses Sechsteilers. Die charakterlichen Widersprüche Sauerbruchs, seine Verstrickungen in das NS-System, werden nur unzureichend ins Geschehen eingearbeitet. Erst die im Anschluss an die ersten beiden Serienfolgen am 19. Februar ausgestrahlte begleitende Dokumentation „Die Charité – Medizin unterm Hakenkreuz“ von Dagmar Wittmers wurde diesbezüglich deutlicher (vgl. MK-Kritik).

Eine deutliche Asymmetrie zeigt sich bei der szenischen Darstellung menschlichen Leidens. Schon von der ersten Folge ab sind kriegsversehrte deutsche Soldaten zu sehen, dramaturgisch begründet durch den historischen Fakt, dass Sauerbruch eine neuartige Prothese entwickelt hatte. Auch durch Bomben und Schüsse verletzte deutsche Zivilisten werden ausgiebig ins Bild gerückt. Nicht hingegen das Leiden jener Anderen, die von verbrecherischen Medizinern wie Artur Waldhausen für medizinische Experimente missbraucht werden. Ebensowenig die grausamen Hinrichtungen von vermeintlichen Selbstverstümmlern und Deserteuren, schon gar nicht das Sterben der behinderten Menschen, darunter viele Kinder, die von der Charité aus „evakuiert“, sprich in die Gaskammern geschickt wurden. Diese Gräuel finden dialogisch Erwähnung, die Betroffenen verschwinden jedoch kurzerhand aus der Handlung und werden nicht mehr gesehen.

Unwillkürlich wandern die Gedanken zur US-Serie „Holocaust“, die gerade im Januar, anlässlich des 40. Jahrestags der deutschen Erstausstrahlung, in den Dritten Fernsehprogrammen von NDR, WDR und SWR wiederholt wurde. Der Vierteiler war 1978 für das kommerzielle US-Fernsehen, das ansonsten jede potenzielle Verstörung der Zuschauerschaft peinlichst vermeidet, produziert worden. Die amerikanischen Verantwortlichen bewiesen Mut: Sie zeigten, zu jener Zeit keineswegs unumstritten, den Weg der Todgeweihten bis hinein in die Gaskammer. Die Bilder wirken noch heute, auch bei jungen Studenten, die doch andere Filmästhetiken gewohnt sind. In dieser Hinsicht hätte „Holocaust“ einer Produktion wie „Charité“ als Vorbild dienen können.

03.03.2019 – Harald Keller/MK
Folge 1: Untertitel „Heimatschuss“
Folge 2: Untertitel „Schwere Geburt“ (diese Einblendung gibt es nur in der ARD-Mediathek zu sehen, wo diese Folge als eigene Einzelfolge eingestellt ist; bei der linearen Erstausstrahlung im Fernsehen wurden die Folgen 1 und 2 als durchgehender 90-Minüter ausgestrahlt, hier gab es deshalb keine Unterbrechung, die die zweiten 45 Minuten als eigene Folge gekennzeichnet hätte)
Folge 3: Untertitel „Letzte Hoffnung“
Folge 4: Untertitel „Verschüttet“
Folge 5: Untertitel „Im Untergrund“
Folge 6: Untertitel „Stunde Null“ Fotos: Screenshots