Thomas Kirchner/Thomas Stuber: Kruso (ARD/MDR)

Die Freiheit im Herzen

27.09.2018 • Dies ist ein faszinierender Film, der atmosphärisch dicht und auf eine bisher eher ungewohnte Weise vom Ende der DDR berichtet. Er spielt im Sommer 1989, dem letzten Sommer vor dem Mauerfall und der Öffnung der DDR-Grenzen, auf der Ostseeinsel Hiddensee. Die galt damals in der Deutschen Demokratischen Republik als Ferien- und Sehnsuchtsort, Künstlerkolonie und Aussteigerszene zugleich. Die Insel war auch ein möglicher Fluchtort, von dem aus man über die Ostsee nach Dänemark gelangen konnte, was viele, die es versuchten, mit dem Leben bezahlten. Gleich in den ersten Filmminuten wird dies thematisiert, indem neben der schönen Landschaft auch die Allgegenwart von DDR-Grenztruppen sichtbar wird.

„Kruso“ ist die Verfilmung des gleichnamigen, im Jahr 2014 erschienenen und mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Romans von Lutz Seiler. Das Drehbuch zum Film, der am 30. Juni auf dem Filmfest München 2018 seine Premiere hatte, verfasste Thomas Kirchner. Regie führte der gebürtige Leipziger Thomas Stuber, der in Ludwigsburg an der Filmakademie Baden-Württemberg bei Nico Hofmann studierte, dem heutigen Geschäftsführer der Ufa-Gruppe, deren Firma Ufa Fiction „Kruso“ auch produziert hat. Der Film wurde jedoch nicht auf der Insel Hiddensee gedreht, sondern in Litauen an der Kurischen Nehrung (bei Nida). Nur hier, so war zu lesen, fanden die Filmemacher gute Drehbedingungen vor und so lange nach der deutschen Wiedervereinigung noch ein Haus, das sich – inmitten einer urtümlichen Ostsee-Landschaft gelegen – vortrefflich in die DDR-typische Gaststätte „Zum Klausner“ verwandeln ließ.

Dieses Ausflugslokal „Zum Klausner“ ist ein zentraler Ort für das Filmgeschehen; zu seinem Personal gehören Kruso (Albrecht Schuch) und alsbald ein junger Fluchtwilliger namens Ed (Jonathan Berlin), den Kruso hierher vor den DDR-Grenztruppen in Sicherheit gebracht hat. Ein altes Radio, das in der Küche der Gaststätte steht, spielt ständig das Programm des – westdeutschen – Deutschlandfunks, der aktuell immer wieder von der Situation an der ungarischen Grenze berichtet, wo unzählige DDR-Flüchtlinge auf ihre baldige Ausreise in die Bundesrepublik hoffen. Ed und Kruso verbindet eine Freundschaft, die bei allen Unterschieden auf zwei Gemeinsamkeiten beruht. Beide lieben Gedichte wie die des expressionistischen Dichters Georg Trakl und beide haben eine ihnen sehr nahestehende Person verloren: Ed seine Freundin durch Suizid, Kruso seine Schwester Sonja, die vermutlich bei einem Fluchtversuch über die Ostsee ums Leben kam. Diese beiden toten Frauen bestimmen deshalb mental und emotional das Geschehen mit.

Von Sonja gibt es im Film nur Fotos zu sehen; die Freundin erscheint Ed immer wieder in kurzen Traumsequenzen. Kruso hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich um die auf der Insel Gestrandeten, die er „Schiffbrüchige“ nennt, zu kümmern und die Gaststätte „Zum Klausner“ ist ihr Rettungsboot. Seine Botschaft lautet, dass die angestrebte Freiheit jenseits des Meeres eine tödliche Illusion ist und an ihre Stelle ein freiheitliches Lebensgefühl treten sollte. Krusos Erkenntnis lautet: „Irgendwann übersteigt die Freiheit in unserem Herzen die Unfreiheit.“ Das funktioniert innerhalb der Gemeinschaft der Schiffbrüchigen auf dieser Insel allerdings nur so lange, bis sich die Grenzen für die DDR-Bürger tatsächlich öffnen.

Der 1963 in Gera geborene Lutz Seiler hat seine literarische Laufbahn als Lyriker begonnen, „Kruso“ ist sein erster Roman. Das Buch erschien 25 Jahre nach dem im Roman geschilderten Geschehen und verarbeitet auch eigene Erfahrungen, die der Schriftsteller einst im Sommer 1989 als Saisonhilfskraft auf Hiddensee gemacht hat. Wie seine Hauptfigur Ed kam er als Germanistik-Student aus Halle dorthin. Seilers literarische Prägung ist dem Roman anzumerken in seiner poetischen, phantastische Elemente enthaltenden und somit den Bereich des Realistischen immer wieder durchbrechenden Erzählweise.

Bei der für die filmische Umsetzung notwendigen Verkürzung der Romanhandlung ist daraus ein weitgehend realistischer Fernsehfilm geworden (wobei die ARD der Produktion mit 100 Minuten Länge zehn Minuten mehr gewährt hat als üblich). Dennoch kann sie den poetischen Charakter des Romans bewahren, was ihr vor allem durch eindrucksvolle Naturaufnahmen gelingt: am Meer, am Strand, im Wald. Das geschieht auch mit dem Einsatz von Licht als besonderem Stilmittel, oft im abrupten Wechsel zwischen sehr hellem, gleißendem Sonnenlicht und völliger Dunkelheit, von typischem Morgenlicht und signifikanter Abenddämmerung. Doch es ist keine friedvolle Idylle, die hier abgebildet wird, denn inmitten dieser schönen Landschaftsbilder kommt es immer wieder zu Gewaltausbrüchen, die signalisieren, wie angespannt die Lebenssituation doch ist und unter welchem inneren Druck die Handelnden stehen.

Die Verfilmung verkürzt den Roman aber nicht nur um seine nicht-realistischen Erzählmomente, sondern (notwendigerweise) auch um Passagen, die mehr über die Lebensgeschichten seiner Protagonisten vermitteln. Ein Erzählstrang, den man bei dieser Verfilmung vermisst, ist beispielsweise der um Professor Rommstedt und seine auf Hiddensee sich befindende Forschungsstation („Institut für Strahlungsquellen“). Er ist der Stiefvater von Kruso, bei ihm haben er und seine Schwester die Kindheit verbracht. Dieser Professor Rommstedt hätte der Gestalt von Kruso mehr Hintergrund geben und den Film (3,27 Mio Zuschauer, Marktanteil: 11,1 Prozent) vor einem Schluss bewahren können, der jetzt wie ein Stilbruch wirkt. Ist doch die Art und Weise, in der hier die Heimholung von Kruso durch seinen Vater, einem hochrangigen sowjetischen Offizier, dargestellt wird, wie eine Satire inszeniert.

27.09.2018 – Brigitte Knott-Wolf/MK