Marc Bauder/Dörte Franke/Khyana el Bitar: Dead Man Working. Spielfilm (ARD/HR/Degeto) // Tina Soliman: Tod eines Managers. Der Fall Wauthier. Dokumentation (ARD/HR)

Abgründe der Arbeitswelt

11.11.2016 •

Marc Bauders Kinokoproduktion „Der Banker – Master of the Universe“ (ARD/HR/Arte) – Kinostart: November 2013; TV-Erstausstrahlung: Juni 2014 bei Arte – gehört zu den herausragenden Dokumentarfilmen über die Finanzbranche. In Gesprächen mit dem früheren Investmentbanker Rainer Voss zeichnet Bauder hier ein so faszinierendes wie beunruhigendes Psychogramm einer Branche. Für die ARD-Themenwoche zur „Zukunft der Arbeit“ hat der Regisseur das Thema des im Fernsehen vielfach wiederholten Films nun auf fiktionaler Ebene weiterentwickelt.

Die Bank, um die es in „Dead Man Working“ geht, heißt ‘Bank der Deutschen’ und aufgrund der Namensähnlichkeit mit einem bekannten real existierenden Unternehmen drängt sich natürlich der Eindruck auf, dass der Spielfilm dessen jüngste Entwicklung aufgreift. Bauder betonte jedoch vor der Ausstrahlung, es seien Recherchen zu verschiedenen Banken in das Projekt eingeflossen.

Die Hauptfigur in „Dead Man Working“ ist Tom Slezak (Benjamin Lilie), das Mathematikgenie der Investment-Abteilung der Bank der Deutschen. Der 33-Jährige muss verarbeiten, dass sich sein Mentor Jochen Walther (Wolfram Koch), der ihn einst in die Firma holte, kurz nach dem Abschluss eines erfolgreichen Geschäfts vom Dach der Konzernzentrale in den Tod gestürzt hat. Slezak, ein Aufsteigertyp mit vorgezeichneter Karriere, wird misstrauisch: Warum wurde die Überwachungskamera abmontiert, die die letzten Szenen vor dem Sprung zeigen? Was hat es mit der Lebensversicherung auf sich, die die Bank für den Fall von Walthers Tod abgeschlossen hat? Slezak verbündet sich kurzzeitig mit Nora Walther (Jördis Triebel), der Witwe, die überzeugt ist, dass die Bank für den Tod ihres Mannes verantwortlich ist; mit Nora kämpft er nun gegen den Konzern, mit dem er sich bisher identifiziert und für den er nicht selten zwei Nächte hintereinander durchgearbeitet hat.

Kurz nach dem Suizid Jochen Walthers sagt Vorstandschef Wilfried von Bensen (Manfred Zapatka) zur Witwe des Verstorbenen: „Wie sind für dich da. Wie es sich für eine Familie gehört.“ Das ist vielleicht der zynischste Satz unter den vielen zynischen Sätzen, die die Drehbuchautorinnen Dörte Franke und Khyana el Bitar ihre Figuren sprechen lassen. Mit dieser Formulierung öffnen sich die Abgründe der Bank der Deutschen.

Beeindruckend ist die kühle Ästhetik des Films, geprägt von Blicken durchs Bürofenster auf Frankfurter Bankentürme bei Nacht. Die Bildgestaltung ist angelehnt an Bauders Vorgängerfilm „Master of the Universe“: Wie schon bei der Dokumentation von 2013 ist auch bei „Dead Man Working“ Börres Weiffenbach für die Kameraarbeit verantwortlich. Das Geschehen spielt sich überwiegend in den Gebäuden der Bank der Deutschen und anderen Firmenräumen ab, die Außenwelt existiert kaum – so setzt Marc Bauder auf bildlicher Ebene um, dass die Banker in einer Blase leben.

„Adrenalin-Budenzauber mit 80-Stunden-Wochen von Anfang an. Das war sein Leben“, sagt Nora Walther über ihren verstorbenen Mann. „Dead Man Working“ ist eine gelungene Abrechnung mit dieser ‘Lebensart’ – und zugleich eine Warnung vor Unternehmen (auch jenseits der Bankenwelt), die ihren rücksichtslosen Umgang mit Mitarbeitern hinter Floskeln wie „Kulturwandel“ oder „gelebter Wertekanon“ zu verbergen versuchen.

Negativ schlägt in der Bilanz lediglich der Filmtitel zu Buche. „Dead Man Working“ wäre vielleicht eine gute Überschrift für einen journalistischen Beitrag zum Thema, als Filmtitel wirkt das Wortspiel aber lediglich effekthascherisch. Zumal Tim Robbins’ US-Kinofilm „Dead Man Walking“ (1995), der hier als Vorbild diente, ein Plädoyer gegen die Todesstrafe ist und inhaltlich nichts mit der Bankenwelt mit der Bankenwelt zu tun hat.

Einer der Fälle, der als Vorlage für „Dead Man Working“ diente, war der Suizid des Versicherungsmanagers Pierre Wauthier. Der Finanzchef der Zurich-Versicherungsgruppe erhängte sich im August 2013. Diese Geschichte rekapitulierte im Anschluss an den Spielfilm Tina Soliman in ihrer Dokumentation „Tod eines Managers. Der Fall Wauthier“, der im Anschluss an den Spielfilm lief.

Die halbstündige Dokumentation ist montiert aus Gesprächen mit der Witwe Wauthiers, seinen beiden Kindern und mit diversen beruflichen Weggefährten. Nur einer, den die Autorin gern gesprochen hätte, äußert sich nicht vor der Kamera, sondern nur schriftlich: Josef Ackermann, der kurzzeitige Verwaltungsratspräsident der Zurich-Versicherungen. In einem der beiden Abschiedsbriefe, die Wauthier hinterließ, hatte er dem früheren Deutsche-Bank-Chef Ackermann rüdes und inkompetentes Verhalten vorgeworfen. Unmittelbar nach Wauthiers Tod trat Ackermann als Verwaltungsratspräsident von Zurich zurück.

Ihr Mann habe gewusst, dass er Ackermann nicht mit üblichen Mitteln bekämpfen könne, sagt Fabienne Wauthier in Solimans Film: „Und dann setzte er sein Leben dafür ein, weil es der einzige Weg war.“ Der Sohn des Verstorbenen hat dafür nur bedingt Verständnis: Selbstmord sei „nie eine Lösung“, sagt er. Während der Spielfilm „Dead Man Working“ die kühle Betrachtung eines Milieus liefert, fungiert die Dokumentation in dieser von der ARD zusammengestellten Kombination eher als der emotionale Part. Das ist nicht zuletzt deshalb bemerkenswert, weil das bei Schwerpunkten dieser Art tendenziell umgekehrt ist.

11.11.2016 – René Martens/MK