Wie aus Recht Gerechtigkeit wurde

Ein Rückblick auf die Präsenz des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer im Fernsehen

Von Manfred Riepe
01.08.2016 •

Anfang der 1960er Jahre war Fritz Bauer maßgeblich verantwortlich dafür, dass die Aufsehen erregenden Frankfurter Auschwitz-Prozesse zustande kamen. Dennoch ist der hessische Generalstaatsanwalt heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Drei fiktionale Filme von Giulio Ricciarelli, Lars Kraume und Stephan Wagner trugen zuletzt zwar zu einer Popularisierung Bauers bei, zeigen aber nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Wirken dieses vorbildlichen Demokraten, der maßgeblich an der Entnazifizierung Deutschlands mitwirkte. Wie leidenschaftlich und eloquent der jüdische Jurist für eine offene, moderne Gesellschaft eintrat, die sich der Vergangenheit stellt, zeigen vor allem seine bemerkenswerten Fernsehauftritte. Dabei sprach Bauer nicht nur über die von ihm maßgeblich organisierten Auschwitz-Prozesse; Kulturredakteure und Journalisten baten den prominenten Juristen auch zu Stellungnahmen über brisante gesellschaftliche Themen wie Wohlstandskriminalität und Abtreibung. Einmal las Fritz Bauer im Fernsehen sogar Gedichte vor. Mit der 2014 publizierten DVD „Fritz Bauer. Gespräche, Interviews und Reden aus den Fernseharchiven 1961-1968“ wurde es möglich, das Bild zu erweitern. Herausgegeben wurde diese Publikation vom Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt am Main. 2016 ist (mit Unterstützung des Goethe-Instituts) eine überarbeitete Version dieser Doppel-DVD erschienen, ergänzt um englische Untertitel und eine Gehörlosenfassung. Deutlich wird durch diese Publikation, wie wichtig die Rolle des Fernsehens war, in dem Fritz Bauer als unermüdlicher Aufklärer in Erscheinung trat. MK-Autor Manfred Riepe sichtete Fritz Bauers TV-Auftritte auch im Hinblick auf dessen Darstellung in den drei genannten Filmen und schildert im Folgenden seine Eindrücke. • MK

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„Ich glaube, es ist eine traurige
Wahrheit, dass wir unserem
Affenzustand noch sehr nahe sind“
Fritz Bauer

„Man sollte sich nicht wundern, wenn Steven Spielberg noch auf die Idee käme, einen Spielfilm aus dem Stoff zu machen“, schrieb der Kritiker Daniel Kothenschulte 2010 über Ilona Zioks Dokumentarfilm „Fritz Bauer – Tod auf Raten“, der im selben Jahr entstanden war. Mit „dem Stoff“ ist der unermüdliche Kampf des hessischen Generalstaatsanwalts gegen alte Nazi-Seilschaften in seiner eigenen Institution gemeint, gegen deren Widerstand er seinerzeit die Frankfurter Auschwitz-Prozesse durchsetzte. Nun war es nicht der berühmte Hollywood-Regisseur, der dieses Thema fürs Kino aufgriff, sondern zuletzt haben, und das kurz hintereinander, drei deutschsprachige Regisseure Filme zum Leben und Wirken Fritz Bauers gedreht.

Giulio Ricciarellis Drama „Im Labyrinth des Schweigens“ (2014) erinnert daran, dass die breite deutsche Öffentlichkeit zu Beginn der 1960er Jahre nichts von Auschwitz wusste und auch nichts davon wissen wollte. Die von Gert Voss gespielte Figur des hessischen Generalstaatsanwalts tritt in diesem erfolgreichen Kinofilm, der im Jahr 2015 als deutscher Beitrag ins Rennen um eine Oscar-Nominierung als „Bester nicht englischsprachiger Film“ geschickt wurde, nur als Lenker im Hintergrund auf.

Dagegen zeigt Lars Kraume in seinem atmosphärischen Porträt „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (2015), wie Kollegen mit brauner Gesinnung im Hintergrund gegen den unnachgiebigen Nazi-Jäger intrigierten. Während Kraume die Homosexualität Bauers, über die man eigentlich nur spekulieren kann, in seinem Kinofilm entsprechend diskret andeutet, hat Stephan Wagner die sexuelle Orientierung des Juristen in seiner ARD-Fernsehproduktion „Die Akte General“ (vgl. MK-Kritik) vergleichsweise grell in den Fokus gerückt.

Mehr noch als Ilona Zioks Dokumentation und der später entstandene, im Rahmen der Reihe „ZDF History“ ausgestrahlte Beitrag „Mörder unter uns – Fritz Bauers Kampf“ (2013) von Peter Hartl und Andrzej Klamt haben diese drei fiktionalen Filme das Wirken des lange Zeit nur noch in Fachkreisen bekannten hessischen Generalstaatsanwalts wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Um eine für die große Kinoleinwand taugliche Geschichte emotional nachvollziehbar zu erzählen, beschränken diese Produktionen sich allerdings auf einen Ausschnitt aus dem Leben Fritz Bauers.

Die junge Bundesrepublik und das „Dritte Reich“

Während Giulio Ricciarelli die Vorgeschichte der Auschwitz-Prozesse nachzeichnet, zeigen Lars Kraume und sein Drehbuchautor Olivier Guez, wie Bauer den in Argentinien abgetauchten Holocaust-Planer und SS-Mann Adolf Eichmann ausfindig machte. In dem Bewusstsein, dass sein eigener politisch-juristischer Apparat von braunen Seilschaften durchzogen war, die NS-Verbrecher hätten warnen können, gab der Generalstaatsanwalt aus Frankfurt dem israelischen Geheimdienst Mossad einen entscheidenden Hinweis zur Ergreifung des Schreibtischtäters, der dann 1961 in Jerusalem vor Gericht gestellt wurde. (Weil Bauer sich nach geltendem Recht eigentlich des Landesverrats schuldig gemacht hatte, hielt er die Zusammenarbeit mit dem Mossad zeitlebens geheim.)

Stephan Wagner verschiebt diesen Akzent. In seinem Film, für den Alex Buresch das Drehbuch schrieb, geht es darum, dass die Ergreifung Eichmanns auch ein Mittel zum Zweck ist. Aus der Vernehmung des SS-Obersturmbannführers erhoffte Bauer sich belastendes Material, mit dem er endlich ein Verfahren gegen Hans Globke, den Kanzleramtschef von Konrad Adenauer (CDU), hätte eröffnen können. Globke galt als Paradebeispiel für die personelle Kontinuität der Führungseliten zwischen dem „Dritten Reich“ und der jungen Bundesrepublik; der Jurist war Mitautor und Kommentator der Nürnberger „Rassengesetze“ der Nationalsozialisten.

Durch die Beschränkung der drei Spielfilme auf die Auschwitz-Prozesse und den Eichmann-Komplex wird in diesen fiktionalen Produktionen nicht ganz klar, welch wichtige Rolle Fritz Bauer für den Demokratisierungsprozess in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland spielte. Weder Ricciarelli noch Kraume und Wagner erzählen zum Beispiel, dass Bauer schon 1933 als Jude und Sozialdemokrat aus dem Staatsdienst entlassen wurde. Nach der Beteiligung an der Planung eines Generalstreiks hatte die Gestapo ihn verhaftet und für acht Monate im Straflager Stuttgart-Heuberg inhaftiert. Danach gelang ihm die Flucht über Dänemark nach Schweden. 1949 kehrte er aus dem Exil nach Deutschland zurück, obwohl es ihn, wie er einem Freund mitteilte, „menschlich schaudert“.

Fritz Bauer gehörte zur Minderheit vom NS-Staat seinerzeit Verfolgter, denen es gelang, in den Staatsdienst zurückzukehren. An der Reformierung des deutschen Rechtswesens konnte er zunächst jedoch nicht partizipieren. Erst einige Jahre nach seiner Remigration erhielt er eine Stelle als Staatsanwalt am Landgericht Braunschweig und nutzt seine Chance. 1952 macht er dem ehemaligen Wehrmachtsoffizier Otto Ernst Remer den Prozess, der den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg und die Widerständler des 20. Juli 1944 öffentlich als „Landesverräter“ verunglimpft hatte.

Jenseits der Spielfilme: Der authentische Fritz Bauer

Was aus heutiger Sicht selbstverständlich erscheint, erforderte Anfang der 50er Jahre eine erhebliche Kraftanstrengung. Remer war eine Galionsfigur der 1949 gegründeten NSDAP-Nachfolgeorganisation Sozialistische Reichspartei (SRP), die mit ihrem Programm zur „Lösung der Judenfrage“ bei den Landtagswahlen in Niedersachsen 1951 immerhin 11 Prozent der Stimmen erhielt. Mit der Verurteilung dieses rechtsextremen Politikers trug Bauer maßgeblich dazu bei, dass in der frühen Bundesrepublik aus Recht auch wieder Gerechtigkeit wurde.

Nach den drei Spielfilmproduktionen ist es überraschend zu sehen, wie der authentische Fritz Bauer im Fernsehen in Reden und Diskussionen auftritt. Bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1968 absolvierte der laut seinem Biograf Ronen Steinke „meistgehasste Jurist Deutschlands“ zahlreiche Fernsehauftritte, in denen er jeweils zu aktuellen Themen Stellung bezog. Von seiner breiten Fernsehpräsenz war bisher eigentlich nur noch seine lebhafte Diskussion in der im Dritten Programm des Hessischen Rundfunks (HR) ausgestrahlten Sendung „Heute Abend Kellerclub“ aus dem Jahr 1964 bekannt – unter anderem weil Lars Kraume eine kurze Passage aus dieser Sendung in seinem Spielfilm fiktional nachstellt.

Mit der DVD-Veröffentlichung „Fritz Bauer. Gespräche, Interviews und Reden aus den Fernseharchiven 1961-1968“ ermöglicht das Frankfurter-Fritz-Bauer-Institut nun einen differenzierteren Blick auf die Person. Zwar sind einige der Beiträge auch als Video bei YouTube einsehbar, doch mit den nun publizierten fünf Stunden Filmmaterial geht der Zuschauer auf eine Zeitreise zurück in die Frühphase des deutschen Fernsehens, als der streitbare Generalstaatsanwalt immer wieder leidenschaftlich in öffentliche Debatten eingriff.

Von Goethe und Beethoven zu Hitler und Eichmann

Das breite Spektrum seiner TV-Auftritte umfasst Interviews, Diskussionsforen, filmische Essays, Dokumentationen und sogar experimentelle Features. Aus heutiger Sicht ist dies überraschend, denn Fritz Bauers umfangreiche Präsenz in der Debattenkultur des westdeutschen Fernsehens der 1960er Jahre hat keinen Platz im öffentlichen Gedächtnis gefunden. Dies sei, schreibt die Medienwissenschaftlerin Bettina Schulte Strathaus im Booklet der DVD-Publikation, „der Kurzlebigkeit des Mediums […] geschuldet“.

Im Gegensatz zur Bibliothek, in der jedermann problemlos Zugang zu Zeugnissen der Printmedien hat, sind Film- und Fernseharchive in der Regel keine öffentlich zugänglichen Orte. Hinzu kommt, dass die archivarische Praxis der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten nur die interne Wiederverwertung im Auge hatte. Ein Bewusstsein für die Relevanz umfassender Archivierung hat sich erst spät und allmählich entwickelt. Der Erhalt und die Erschließung von Sendungen aus den frühen Jahren sei daher „oftmals dem historischen Zufall geschuldet“ (Schulte Strathaus). Aufgrund von Erwähnungen in Briefen Fritz Bauers muss aber angenommen werden, dass es neben den jetzt wieder veröffentlichten Sendungen noch weitere TV-Auftritte geben muss, die bislang noch nicht wieder aufgefunden wurden.

Dass die Doppel-DVD ein anderes Fritz-Bauer-Bild als ein fiktionaler Film vermittelt, zeigt sich bereits an jenem markanten Statement, das Bauer in einer 1961 publizierten Kinodokumentation abgibt. Um ein anklagendes Gesamtpanorama der deutschen Judenverfolgung zu erstellen, hatte der deutsch-schwedische Filmpublizist Erwin Leiser für seinen 90-minütigen Doku­mentarfilm „Eichmann und das Dritte Reich“ (1961) bekanntes und unbekanntes Film­material mit Interview-Sequenzen zusammengestellt, wozu auch eine mit­geschnittene Ansprache des hessischen Generalstaatsanwalts zählte. Am Schreibtisch sitzend liest Bauer von einem handgeschriebenen Manuskript ab. Dabei entsteht ein sehr eindringlicher Monolog, den Lars Kraume seinem Film voranstellt:

„Deutschland ist heute stolz auf sein Wirtschaftswunder. Es ist auch stolz, die Heimat Goethes und Beethovens zu sein. Aber Deutschland ist auch das Land Hitlers, Eichmanns und ihrer vielen Spießgesellen und Mitläufer. Wie aber der Tag aus Tag und Nacht besteht, hat auch die Geschichte eines jeden Volkes ihre Licht- und Schattenseiten. Ich glaube, dass die junge Generation in Deutschland bereit ist, die ganze Geschichte, die ganze Wahrheit zu erfahren, die zu bewältigen ihren Eltern allerdings mitunter schwerfällt.“

„...das füg’ auch keinem andern zu“

Im Gegensatz zu Burghart Klaußner, der den Protagonisten in Kraumes Kammerspiel „Der Staat gegen Fritz Bauer“ vergleichsweise zurückhaltend verkörpert, wirken das rhythmisierte Stakkato und die Gestik des authentischen Fritz Bauer ungleich theatralischer und forcierter. Der Mann kann kaum ruhig auf seinem Stuhl sitzen. Ausladende Bewegungen seines Körpers scheinen die Sprache im Zaum zu halten. Dabei entwickelt der „General“, wie er genannt wurde, eine einprägsame verbale Vehemenz. Man spürt: Da ist nichts ‘gespielt’. Der Mann mit dem gegerbten Gesicht, den wild zurückgekämmten Haaren und dem unruhigen Kopfzucken meint es ernst, bis in jede Pore.

Leisere Töne stimmt Bauer dagegen in einem Interview mit der Holocaust-Überlebenden Renate Harpprecht an, das 1967 im Ersten Programm der ARD ausgestrahlt wurde. Man erlebt hier einen umgänglichen Menschen, der anekdotisch aus seinem Leben berichtet und an einer Stelle diesen für ihn wichtigen Schlüsselsatz sagt: „Was du nicht willst, was man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu.“ Diesen bekannten Sinnspruch aus einem apokryphen Buch des Alten Testaments (Tobias 4:16) hörte Fritz Bauer aus dem Mund seiner Mutter, als er sie als Sechsjähriger neugierig gefragt hatte: „Mutti, was ist eigentlich Gott?“ Ein prägendes „Urerlebnis“ sei dies gewesen, das „zur Richtschnur meines Lebens geworden ist“, wie er sagt, und das dann auch die Berufswahl und die Weltanschauung des späteren Mitinitiators der Auschwitz-Prozesse formen sollte.

Über diese Weltanschauung spricht Bauer öffentlich wohl nirgends ausführlicher als in der Talkrunde „Heute Abend Kellerclub. Junge Leute diskutieren mit Prominenten“, eine Fernsehsendung, auf die in Dokumentar- und Spielfilmen über den Staatsanwalt häufig zurückgegriffen wurde. Diese Verwertungslogik ist nicht unproblematisch: „Nicht anders als in verschriftlichten Texten geraten auch filmische Zitate stilistisch und inhaltlich in einen neuen Interpretationszusammenhang. Umso wichtiger erscheint die historische Verortung, denn mitunter potenziert sich die Wiederverwertung historischer Filmbilder in dem Maße, dass der ursprüngliche kontextuale Gehalt kaum mehr auszumachen ist“, schreibt Bettina Schulte Strathaus dazu.

Das 50-minütige TV-Diskussionsforum, in dem unter anderem Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass und Eugen Kogon („Der SS-Staat“), aber auch Politiker wie Helmut Schmidt (SPD) und Hildegard Hamm-Brücher (FDP) mit jungen Menschen um die 30 auf Augenhöhe diskutierten, strahlte der Hessische Rundfunk von 1964 bis 1970 insgesamt 50-mal als Live-Sendung aus. Für den Bildungsauftrag der öffentlich rechtlichen Anstalten ist diese Sendung vorbildlich, wenngleich einige Aspekte ihres Inszenierungscharakters den heutigen Zuschauer schmunzeln lassen.

So erklärt ein Off-Sprecher zu Beginn der Ausgabe mit Fritz Bauer etwas onkelhaft: „Auch heute Abend haben im ‘Kellerclub’ unsere jungen Gäste und ihr Gesprächspartner erstaunlich schnell das richtige Maß zueinander gefunden.“ In einem kulissenhaft anmutenden Kellerraum, in dem gefühlt ein konspiratives Treffen stattfinden könnte, macht die Kamera eine dezente Fahrt in die Gruppe. Dabei wird der O-Ton eingeblendet, wodurch der Eindruck entsteht, als würde die Sendung förmlich ins ‘wahre Leben’ eintauchen und unbemerkt zuschauen: „Eben jetzt“, so der Off-Sprecher, „eben jetzt geht Herr Dr. Bauer wieder ganz aus sich heraus.“ Die Formulierung, Bauer würde „wieder“ ganz aus sich herausgehen, ist ein Indiz dafür, dass man den hessischen Generalstaatsanwalt wohl öfter in solchen Foren erlebte, als heute bekannt ist.

Sehenswert ist diese „Kellerclub“-Ausgabe insbesondere, weil sie in einem längeren Gesprächszusammenhang die geistige Beweglichkeit dokumentiert, mit der Fritz Bauer sein Verständnis von Demokratie und Rechtsstaat in Zusammenhang mit seiner persönlichen Erfahrung darlegt. Und zwar in einer Debatte, die ihn im positiven Sinn fordert. Mit bewundernswerter Geduld versucht Bauer seinen Zuhörern zu vermitteln, dass der demokratische Prozess kein Selbstläufer ist.

Die Auschwitz-Prozesse als Therapie?

Um dies zu verdeutlichen, erzählt er, wie tagtäglich auf seinem Schreibtisch hasserfüllte Briefe landen, die ihn wegen der Auschwitz-Prozesse als Nestbeschmutzer aufs Übelste beschimpfen. Sogar unmittelbar vor der Sendung habe er den Anruf eines Zeugen erhalten, der eigentlich einen mutmaßlichen NS-Verbrecher anzeigen wollte. Aus Angst vor der Rache durch seine braunen Nachbarn habe er jedoch seinen eigenen Namen nicht genannt und wieder aufgelegt. In der „Kellerclub“-Sendung vergleicht Bauer Deutschland mit einem Eisberg, bei dem der Großteil der NS-Sympathisanten sich gleichsam unter der Wasseroberfläche befinde.

Trotz dieser düsteren Bestandaufnahme ist seine Haltung nicht von Rachsucht oder dem Bestreben nach Vergeltung geprägt. Er polarisiert nicht. Mit Adorno, Horkheimer und Mitscherlich – also der ‘Frankfurt Connection’ – würde er sich, sagt Bauer in der HR-Sendung, permanent „den Kopf zerbrechen“ über jene zahllosen überzeugten Nationalsozialisten und Mitläufer, die den Holocaust ermöglicht hätten. Eine befriedigende Erklärung für die Barbarei vor 25 Jahren habe er dennoch nicht. Obwohl er zuweilen das Gefühl hat, dass „die Wände auf mich einstürzen“, lebt er die Bereitschaft vor, sich auch mit abweichenden Auffassungen geduldig auseinanderzusetzen. Dabei müsse man „einiges aushalten“.

Diese Haltung wird von seinen Gesprächspartnern kritisch hinterfragt. Gerade die buchhalterische Effizienz des Völkermords während der NS-Zeit, so ein Einwurf, sei ein Indiz dafür, dass alle Deutschen Teil einer einzigen Maschinerie gewesen seien. Dem Einzelnen sei es egal gewesen, ob er in einer Fabrik Ersatzteile sortiert oder an der Todesrampe Menschen ins Gas geschickt habe. Hier widerspricht Bauer: Man dürfe auf keinen Fall generalisieren. Der Generalstaatsanwalt weiß, wovon er spricht. Von den 5500 Wachmännern in Auschwitz habe er lediglich die 22 schlimmsten angeklagt, so Bauer. Zwar habe keiner von ihnen auch nur ein Wort des Bedauerns oder der Reue geäußert, doch trotzdem müsse man differenzieren. Die 22 angeklagten Wachleute seien ein Spiegelbild der gesamten Bevölkerung, die man nicht über einen Kamm scheren dürfe.

Fritz Bauer unterteilt die NS-Anhänger in drei Gruppen. Neben den glühenden Antisemiten, die ihrer antihumanen Weltanschauung aus Überzeugung und wegen materieller Vorteile frönten, gebe es den „autoritären Charakter“ – Produkt einer typisch deutschen Erziehung. Weil nach Kant die größte ethische Leistung darin bestehe, genau das zu tun, was einem am meisten zuwider sei, habe ein philosophisch gebildeter Offizier, den Bauer als Beispiel anführt, den ihm befohlenen Mord an Juden als ethischen Akt der Selbstüberwindung betrachtet. Die Grenze zwischen einem so verstandenen kategorischen Imperativ und purem Sadismus kann so gesehen fließend sein.

Revisionisten und Wohlstandskriminalität

Neben dem autoritären Charakter und dem politisch überzeugten Nazi gebe es noch, so Bauer weiter, die dritte Gruppe jener NS-Mitläufer, die mit den Wölfen geheult hätten. Da Menschen also sehr verschieden seien, könne man die Demokratie letztlich nicht – wie Bauers Zuhörer einfordern – durch Gesetze schützen, wie man auch nicht das (Wieder-)Aufkommen rechter Tendenzen durch ein Verbot der NPD verhindern könne. Demokratie sei eben nicht als Fertigprodukt anzusehen. Es bedürfe vielmehr jener Menschen, die sie verinnerlichen: „Nun kommt also mein menschliches Bekenntnis. Sie können Paragraphen machen, sie können Artikel schreiben, sie könne die besten Grundgesetze machen – was Sie brauchen, sind die richtigen Menschen, die diese Dinge leben.“

Dieser Kernaussage Bauers in der Sendung „Heute Abend Kellerclub“ widerspricht ein adrett gekleideter, alerter Student mit Fliege, der junge Heinz Riesenhuber, späterer CDU-Politiker und von 1983 bis 1993 Bundesminister für Forschung und Technologie. Er wirft ein, Bauer relativiere offensichtlich alles und stehe anscheinend nicht für verbindliche Normen. Ließe man bei den Tätern eine schlechte Erziehung als Entschuldigung gelten, dann, so Riesenhuber provokativ, wäre der Auschwitz-Prozess, so wie Bauer ihn auffassen würde, offenbar „als Therapie“ anzusehen.

Bauers rückhaltlose ethische Haltung, die vom Einzelnen fordert, Demokratie tagtäglich neu zu erfinden, kommt bei den jungen Gesprächspartnern von 1964 nicht durchweg gut an. Sie werfen ihm beispielsweise vor, sein Fokus auf die Verantwortung des Einzelnen sei „unpolitisch“, weil dadurch das Private zu sehr in den Vordergrund gerückt werde. Ein interessantes Zeitdokument ist die Sendung nicht zuletzt deswegen, weil die Studenten aus dem Jahr 1964 wie aus dem Ei gepellt wirken und den Generalstaatsanwalt höflich mit „Herr Dr. Bauer“ ansprechen. Nicht viel deutet hier auf die revolutionäre Haltung der vier Jahre später aufkommenden 68er-Bewegung hin, die der leidenschaftliche Demokrat Fritz Bauer nicht mehr erleben sollte.

Die Aufarbeitung des Holocausts und die Sorge um das Aufkommen rechtsradikaler Tendenzen sind jene Themen, zu denen Bauer sich auch in anderen TV-Auftritten äußerte. So kritisierte er in einer vom damaligen Sender Freies Berlin (SFB) im Fernsehen ausgestrahlten Rede anlässlich des 25. Jahrestags des Beginns des Zweiten Weltkriegs den revisionistischen Historiker David L. Hoggan, der in einem 1000-Seiten-Werk die deutsche Kriegsschuld geleugnet hatte. Auch an einer 1967 aufgezeichneten Podiumsdiskussion für das Dritte Programm des Norddeutschen Rundfunks (NDR) über die Problematik eines Verbots der 1964 gegründeten NPD nahm der Frankfurter Generalstaatsanwalt teil.

Darüber hinaus sprach Bauer in einer Reihe weiterer Fernsehauftritte auch über Themen, die nicht direkt mit dem Holocaust, dessen Verdrängung und den Nazi-Seilschaften zu tun hatten. So äußerte er sich in einem SFB-Filmbericht von Lutz Lehmann aus dem Jahr 1966 über das Thema Wirtschafts- und Wohlstandskriminalität („white collar crime“), das vom Magazin „Spiegel“ unter Bezugnahme auf Bauer zwei Wochen später sogar in einer Titelgeschichte aufgegriffen wurde. In einem Beitrag des Fernsehens des Bayerischen Rundfunks (BR) aus dem Jahr 1968 über die Reform des Sexualstrafrechts sprach der Jurist sich explizit gegen eine Zensur von pornografischen Inhalten aus. Und in einer anderen BR-Sendung aus demselben Jahr nahm Bauer gar an einem Dichtertreffen teil. Die Verse des Leiters einer Strafanstalt, die er dabei vortrug, sind im Rahmen der umfangreichen Textdokumentation auf der DVD als PDF-Dateien hinterlegt.

Das Über-Ich einer progressiven Aufklärung

Nimmt man Bauers breite Medienpräsenz auf dieser eindrucksvollen Doppel-DVD zur Kenntnis, so entsteht dabei ein etwas anderes Bild als dasjenige, das die drei Spielfilme von dem hessischen Generalstaatsanwalt zeichnen. Die Kino- und Fernsehproduktionen zeigen einen einsamen, isolierten Fritz Bauer, der sich, wie er einmal selbst sagte, nach Verlassen seines Büros „in feindlichem Ausland“ befinde. Die realen Fernsehauftritte relativieren dieses Bild. Denn in diesem „feindlichen Ausland“ gab es so einige, die in Bauer eine Art Institution erblickten. Dazu zählten vorwiegend Vertreter der linken Medien, die in dem prominenten Juristen so etwas wie das Über-Ich einer progressiven Aufklärung erblickten. Nicht zufällig wurde Bauer in einer halbstündigen NDR-Sendung des Kulturredakteurs Hans-Eberhard Pries gefragt: „Gewissen – was ist das?“

Kein Zweifel: Fritz Bauer ist in den 1960er Jahren so etwas wie das Gewissen der aufgeklärten Öffentlichkeit: „Das korrespondiert mit dem Eindruck, dessen man sich oft nicht erwehren kann: dass Journalisten, Fernsehöffentlichkeit und Diskussionsteilnehmer immer wieder in Fritz Bauer ein Vehikel, einen Adressaten, ein Orakel suchten für die deutsche Selbstbefragung. ‚‘Waren wir krank oder waren wir normal?’ ‘Sind wir es jetzt?’ ‘Hätte Hitler heute eine Chance?’ ‘Ist es heilbar?’“ So formuliert es Bettina Schulte Strathaus im Booklet.

Der spröde Charme der Schwarzweiß-Sendemitschnitte hat eine Qualität, die Spielfilme über Fritz Bauer nicht erreichen. Im Gegensatz zu den fiktionalen Produktionen kann man in diesen Fernsehbeiträgen aus den Archiven andere Facetten des Generalstaatsanwalts erleben. Während in den fiktionalen Filmen die Tendenz nicht zu übersehen ist, Bauer zum Helden zu verklären, zeigen ihn die TV-Ausschnitte als einen uneitlen Menschen, der hinter seiner Mission völlig zu verschwinden scheint. Und zwar mit einer spürbaren Leidenschaft und Überzeugungskraft, die man sich heute kaum noch vorstellen kann.

01.08.2016/MK

Print-Ausgabe 20-21/2019

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