Der „Starfighter“-Themenabend: Besser als das meiste, was RTL sonst sendet

13.11.2015 •

Nun fand der Themenabend mit einem Spielfilm und einer Dokumentation zur Katastrophengeschichte des Militärflugzeugs Starfighter F-104 am vergangenen Donnerstag (12. November) bei RTL also statt. Er war ursprünglich für den 2. April vorgesehen gewesen, doch nach dem vom Kopiloten willentlich herbeigeführten Absturz des Germanwings-Flugzeugs am 24. März in den französischen Alpen hatte der Privatsender die Ausstrahlung um mehrere Monate verschoben. Im Fernsehfilm ab 20.15 Uhr mit dem Titel „Starfighter – Sie wollten den Himmel erobern“ gab es tatsächlich einen Moment, als man an den Absturz des zivilen Flugzeugs denken musste, als einmal ein Pilot der damals einsitzigen Militärmaschine ohnmächtig wird und solange durch den Autopiloten auf Kurs gehalten wird, bis der Düsenjäger in Schweden – ebenso wie der Airbus von Germanwings in Frankreich – gegen einen Berg prallt.

Der von Miguel Alexandre inszenierte Film mit einer Nettolaufzeit von 120 Minuten erzählt nichts Neues. All das, was im Film in den Jahren zwischen 1965 und 1976 geschieht, ist aus Artikeln, Büchern und sogar Fernsehfilmen bekannt. Zuletzt hatte Kai Christiansen in einem langen, im April 2010 bei Arte ausgestrahlten Dokumentarfilm unter dem Titel „Starfighter – Mit Hightech in den Tod“ (Arte/RBB/NDR/WDR) den Fall rekonstruiert – bis in die Heldengeschichte jener jungen Witwe, die nach dem tödlichen Absturz ihres Mannes die Lügengespinste der Bundeswehr um das Katastrophen-Flugzeug durchbrach und in den USA Klage gegen den Hersteller Lockheed erhob (vgl. TV-Kritik). Diese reale Frau war auch Zeugin in der anschließenden RTL-Dokumentation (22.45 bis 0.00 Uhr), durch die Peter Kloeppel als Presenter führte.

Im Fernsehfilm wird die wirkliche Geschichte selbstverständlich überhöht. Die fiktiven Figuren funktionieren nicht nach der Realität, sondern nach den Schemata der klassischen Spielfilmproduktion. Die männlichen Protagonisten Harry und Richie, die von Steve Windolf und Frederick Lau verkörpert werden, sind strahlende Helden des Pop-Zeitalters: cool, souverän, technikaffin. Der militärische Geist von Befehl und unbedingtem Gehorsam ist ihnen fremd, ja, sie profilieren sich demgegenüber gar als Widerspenstige und Zweifelnde.

Bei den Nebenfiguren der Offiziere gibt es nicht die Spur einer Erinnerung an die Luftwaffe der alten NS-Wehrmacht, obgleich doch diese nicht nur personell, sondern auch technisch bis in die Entwicklung des ersten Düsenflugkörpers dem Starfighter den Weg bereit hat. Stattdessen möblieren die üblichen Genre-Figuren die Szenerie: Der Kommodore (dargestellt von Peter Kremer) ist der leicht aufbrausende Brummbär mit dem Herz auf dem rechten Fleck unter der Uniform und sein Stellvertreter (Jan Messutat) der Prinzipienreiter und die Nervensäge. Die jungen Piloten wiederum erscheinen als die Helden des neuen Pop-Zeitalters, sie sind eher der jüngeren US-Serie „Mad Men“ mit ihren Geschichten aus der Werbewelt des New Yorks der 1960er Jahre entsprungen als den Militärfilmen der jungen Bundesrepublik.

Anders gezeichnet sind die Frauen, die deshalb die Hauptlast einer Art von Politisierung durchleben. Vor allem Picco von Groote als Betti, die später den Prozess gegen Lockheed anstrengen wird, darf zu Beginn durchaus frech und eigen wirken, ehe sie dann zunächst in den Dornröschenschlaf einer Vor-Ort-Ehe mit dem Starpiloten Harry verfällt, aus der sie dann der Absturz des Mannes herausreißt und gleichsam befreit. Alice Dwyer ist zwar als Bettis beste Freundin Helga dramaturgisch besser dran, da sie all der Begeisterung um den Starfighter einen grundsätzlichen Zweifel entgegensetzt; doch in ihr politisches Bewusstsein ist von den Drehbuchautoren Kit Hopkins und Thilo Röscheisen deutlich weniger investiert worden als etwa in die Actionszenen, die im Cockpit des Flugzeugs spielen. Auch deshalb muss der Film seine Methode wechseln, wenn im letzten Teil Betti die Hauptrolle übernimmt und der 120-Minüter genretechnisch vom kritischen Militärfilm, der das, was er kritisiert, gleichzeitig irgendwie auch toll findet, zum Court-Room-Drama wechselt, in dem die Heldin einen eigentlich aussichtslosen Kampf ficht und am Ende doch obsiegt.

Emotional geht die Rechnung von Produktion (Zeitsprung Pictures) und Regie auf. Die Katastrophen der Abstürze treten stets nach den freudigsten Momenten ein. Sie werden mal detailliert geschildert wie beim erwähnten Absturz in Schweden, mal komplett ausgelassen wie beim Absturz von Harry. Es gibt – perfekt über den Film verteilt – genügend Spannungsmomente, die einen mitfiebern lassen, auch wenn man den meist finsteren Ausgang der Pilotengeschichten kennt.

Als Gegenspieler ist ein Verteidigungsminister installiert, der über den gesamten Zeitraum des Geschehens amtieren muss, obgleich das reale Vorbild der von Rainer Bock mal wieder hervorragend gespielten Figur gerade mal vier Jahre der Katastrophen-Geschichte (von 1963 bis 1966) als Minister zu verantworten hatte. (Der stete Wechsel der Verteidigungsminister dieser Zeit von Franz Josef Strauß bis Georg Leber mag einer der Gründe der merkwürdigen Ignoranz zu der Absturzserie und den vielen toten Piloten, aber auch Zivilisten gewesen sein.) Die fiktive Kontinuität hat nicht nur einen finanziellen, sondern auch einen dramaturgischen Grund: Der von Bock dargestellte Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel (CDU) soll noch im Amt erleben müssen, wie sein einziger Sohn ebenfalls mit einem Starfighter tödlich abstürzt.

Der Fernsehfilm deutet die politischen und militärstrategischen Hintergründe der Starfighter-Katastrophe an. Viel weiter geht auch die anschließende Dokumentation nicht, die den unendlich langen Titel „Mein Mann war Nummer 57 – Peter Kloeppel über das Schicksal der Starfighter-Witwen“ trug. Tatsächlich weiß man bis heute noch immer nicht, ob und wer von der Firma Lockheed damals bestochen wurde, um die F-104 vom Spezialflugzeug für den Schönwetterraum in Texas zur Multifunktionsmaschine im europäischen Schmuddelwetter umzufunktionieren. Die Schwägerin eines zu Tode gekommenen Piloten nennt offen den Namen des Mannes, der die Anschaffung durchsetzte und über dessen Umgang mit Fremdgeldern noch in diesem Jahr anlässlich einer neuen Biografie spekuliert wurde: Franz Josef Strauß. Aber den 1988 verstorbenen CSU-Politiker schützen noch gewaltigere Truppen als bislang Franz Beckenbauer in den FIFA- und DFB-Bestechungsaffären.

War die Dokumentation auf der Sachebene (Autor: Michael Harkämper) ordentlich gearbeitet, so litt sie unter der permanenten Präsenz von Peter Kloeppel, der irgendwie in jeder zweiten Einstellung gezeigt wurde, wie er durch die Gegend geht, mit dem Auto oder mit dem Zug fährt und stets nachdenklich schaut. Dieser Personalisierungsquatsch verdeckt, dass Kloeppel ein einfühlsamer Gesprächspartner ist, der hier ohne Penetranz neue Erkenntnisse zutage fördert – etwa im Gespräch der Witwe jenes Mannes, der als Sohn eines Verteidigungsministers zum ersten Mal in einen Starfighter stieg und später mit einem dieser Flugzeuge abstürzte. Elke von Hassel beschrieb, wie sie sich eine sichtbare Trauer rasch versagte („In diesem Haus wird nicht geweint“), um als Mutter von zwei Söhnen „funktionieren“ zu können. Etwas, was sie heute für einen schrecklichen Irrtum hält. Sie gesteht auch, dass ihrer im Fernsehfilm zum großen Wendepunkt ausgebauten Entscheidung, der Klage der anderen Witwen gegen Lockheed beizutreten, etwas anderes vorausging: Sie fragte ihren Schwiegervater, ob sie das denn dürfe. Befehl und Gehorsam galten in dieser Zeit nicht nur beim Militär.

Zusammengefasst lässt sich feststellen: Es hätte ein großer Abend für RTL sein können, doch die Routinen der Emotionalisierung im Fernsehfilm und der Personalisierung in der Dokumentation haben es verhindert. Dennoch ist man froh, dass der ansonsten vollkommen verödete Privatsender das gewagt hat. Unendlich besser als das meiste, was er sonst sendet, war es ohnehin.

Die Einschaltquote für den Fernsehfilm lag beim Gesamtpublikum bei 3,28 Mio Zuschauern (Marktanteil: 11,1 Prozent), die Dokumentation hatte 2,14 Mio Zuschauer (12,1 Prozent). In der von RTL für sich selbst gewählten jüngeren Zielgruppe der 14- bis 59-Jährigen sahen die Zahlen so aus: 2,09 Mio Zuschauer (12,9 Prozent) für den Spielfilm und für die Dokumentation 1,44 Mio (14,1 Prozent).

13.11.2015 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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