Joanna Michna: Wir Sklavenhalter – Ausbeutung in Deutschland (ARD/NDR)

Erste Person Plural

07.12.2016 •

Im Dezember 2014 unterzeichneten Papst Franziskus und zwölf andere Religionsführer im Vatikan eine Erklärung, in der sie das Ziel formulierten, „die moderne Sklaverei weltweit bis 2020 und für alle Zeiten abzuschaffen“. Dies ist einer der Anknüpfungspunkte für Joanna Michnas Dokumentation „Wir Sklavenhalter – Ausbeutung in Deutschland“. Dass in der Erklärung formulierte Ziel erscheint durchaus angemessen, wenn man bedenkt, was die  von Michna interviewte Göttinger Psychotherapeutin Michaela Huber sagt, die Zwangsprostituierte behandelt. „Noch nie in der Geschichte“ habe es „so viele Sklaven gegeben wie heute“, meint sie.

Michna wirft in ihrem Film unter anderem die Frage auf, ob das Schweinefleisch, das bei uns auf den Tisch kommt, nur deshalb so billig ist, weil es zu einem erheblichen Teil von einer „Geisterarmee von Ausgebeuteten“ produziert wird. Gibt es darüber hinaus beispielsweise in der häuslichen Pflege Hilfskräfte, die von den Angehörigen ihrer Schützlinge wie Sklaven behandelt werden? Die Opfer: in der Regel Menschen aus Osteuropa. Am Ende ihres 45-minütigen Films geht Michna noch auf ein relativ neues Phänomen ein: Unternehmen, die die weitgehend rechtlose Situation von Flüchtlingen auszunutzen und sie monatelang für sich arbeiten lassen, ohne sie dafür zu bezahlen.

Anfangs, so geht es aus dem Film hervor, erweist es sich für die Autorin noch als schwierig, Gesprächspartner zu finden. „Immer wenn die Arbeiter uns bemerken, fliehen sie in ihre Unterkünfte“, heißt es etwa in der Passage zum Thema Fleischindustrie, als eine Gruppe von Werkvertragsarbeitern gerade eilig den Weg von einem Bus in ihre Sammelunterkunft zurücklegt. Teilweise mit Unterstützung gewerkschaftlicher Organisationen gelingt es Michna dann aber doch, Opfer von Sklaverei im weiteren Sinne davon zu überzeugen, sich vor der Kamera zu den (vor allem) psychischen Torturen zu äußern, denen sie ausgesetzt sind. Einige Interviewpartner gehen dabei das Risiko ein, ihren Job zu verlieren oder keinen mehr zu bekommen – etwa eine in der Fleischproduktion tätige Osteuropäerin, die beklagt, dass man sie wie „eine Maschine“ behandle. Andere möchten nicht erkannt werden.

Der Film von Joanna Michna leidet allerdings unter zahlreichen formalen Schwächen. Nicht zwingend ist hier zum Beispiel der Einsatz von Grafiken. Sinnvoll kann so etwas sein bei schwer zu durchschauenden finanziellen Transaktionen. In „Wir Sklavenhalter“ indes kommen Grafiken zum Einsatz, um wenig komplexe Informationen zu untermalen – etwa die, dass die Fleischindustrie in der jüngeren Vergangenheit Festangestellte in starkem Maß durch Werkvertragsarbeiter ersetzt hat. Unnötig auch, dass Michna im hinteren Teil von „Wir Sklavenhalter“ ihre Recherchen gleich zweimal zusammenfasst.

Schwerer wiegen noch die textlichen Defizite des Films, die eine selbstinszenatorische Ursache haben. „Wir beginnen unsere Reise quer durch Deutschland im Oldenburger Land“, heißt es am Anfang. Die Information, dass die Autorin Fälle in Deutschland recherchiert hat, wirkt offenbar zu profan, deshalb muss es offenbar eine „Reise quer durch Deutschland“ sein. In diesem Stil geht es weiter: „Wir fahren nach Süden“ – „Unsere Suche geht weiter“ – „Wir machen uns auf die Suche“ – „Wir fahren in die deutsch-tschechische Grenzregion“ – „Wir fahren nach Stuttgart“ –  „Wir fahren nach Berlin“ – „Wir fragen nach“ – „Wieder fahren wir an die deutsch-tschechische Grenze“ – „Wir folgen Victoria Baxter immer weiter durch Berlin.“ In letzterem Fall handelt es sich um eine Flüchtlingshelferin und die Äußerung wirkt, als sei Berlin undurchdringlich wie eine Metropole auf einem fernen Kontinent.

Die zitierten Formulierungen geben nur ausschnittweise wieder, wie oft im Film die erste Person Plural verwendet wird – nicht nur in Zusammenhang mit den Begriffen „Reise“ und „Suche“ in unterschiedlichen Variationen. Joanna Michna betont auch gern, sie und ihr Team wollten etwas „wissen“ bzw. „genau wissen“ oder „herausfinden“. So what!

Dadurch, dass Michna immer wieder ihre eigene Arbeit zum Thema macht und sich als investigative Journalistin inszeniert, der kein Weg zu weit ist, wird sie ihrem eigentlichen Thema nicht gerecht. Gewiss, die Unsitte, die Zuschauer permanent über banale Arbeitsvorgänge und -schritte zu informieren, ist nicht wenig verbreitet im Reportage- und Dokumentationsfernsehen. Aber in derart exzessiver Form wie in „Wir Sklavenhalter“ hat man das bisher selten gesehen.

07.12.2016 – René Martens/MK