Heute plus. Spätnachrichten-Magazin. Moderation: Daniel Bröckerhoff bzw. Eva-Maria Lemke (ZDF)

Heute plus statt 60 plus

10.07.2015 •

17.07.2015 • Viele ZDF-Zuschauer, die am 18. Mai wie gewohnt zu später Stunde eingeschaltet hatten, um sich letztmals über das Neueste vom Tage zu informieren, werden sich vermutlich verwundert die müden Augen gerieben haben. Nach einem irritierenden Vorspann erschien da ein junger Schlaks mit einem in seiner Altersgruppe derzeit angesagten Zauselvollbart, trug das Hemd lässig über der ungebügelten Hose und hatte auf Sakko und Krawatte ganz verzichtet. Damit nicht genug, vergrub er später während seiner seltsam fahrig anmutenden Moderationen seine Hände auch noch gänzlich ungeniert in seinen Hosentaschen. Aber wo hätte Daniel Bröckerhoff, so heißt der junge Mann, mit seinen Extremitäten auch hin sollen? Einen Tisch, an dem er sich wie seine Kollegen von „Heute“ und „Heute-Journal“ im Studio hätte festhalten können, hatte man ihm nicht spendiert.

Die ZDF-Zuschauer mussten sich umstellen, denn sie sahen nicht mehr die konventionelle Sendung „Heute Nacht“; was da jetzt lief war „Heute plus“. Die Eigenschreibweise lautet stylish „heute+“ und man soll natürlich „Heute plus“ sagen und nicht etwa „Heute und“. Tischlos im Nachrichtenstudio – willkommen also beim neuen Versuch des ZDF, endlich auch auf dem News-Sektor jüngere Zielgruppen zu erschließen. Was für einen Sender, dessen Publikum altersmäßig die 60-plus-Generation ist, ebenso schwierig wie dringend geboten erscheint. Bei einem solchen Projekt ist natürlich die Gefahr groß, übers Ziel hinauszuschießen und allzu juvenil und locker-flockig daherzukommen. Von Jugendlichen weiß man schließlich, dass sie nichts so sehr hassen wie die Versuche betagterer Zeitgenossen (und das ZDF ist fraglos ein betagter Zeitgenosse), sich sprachlich und ästhetisch an sie ranschmeißen zu wollen. Unter diesem Makel litten vor allem die ersten Sendungen, in denen Moderator Bröckerhoff arg krampfhaft mit Sprüchen nach dem Motto „Hallooo, da sind wir wieder!“ auf hip zu machen versuchte.

Schlabberhosen in Nachrichtensendungen mögen gewöhnungsbedürftig sein, doch ein weit größerer Tabubruch mit den ehernen Gesetzen des Genres ist, dass die Moderatoren und Reporter bei „Heute plus“ stets ihre eigene Sicht der Dinge mit einfließen lassen („Für mich ist das...“; „ich sehe das so...“). Eine Attitüde, die fraglos der Generation YouTube geschuldet ist, die angeblich gegen Verlautbarungsjournalismus allergisch ist und es stattdessen gern auf Augenhöhe und vor allem authentisch hat. So fühlte sich Daniel Bröckerhoff, Jg. 1978, angesichts von Plänen der EU, dem Flüchtlingsstrom durch die Zerstörung von Schlepperbooten Einhalt zu gebieten, „an Rambo erinnert“. Gehen wir mal davon aus, dass solch subjektive Einschätzungen zuvor mit der Redaktion abgesprochen sind, sonst könnte es mit dieser Mischung aus Nachricht und Meinung bei komplexen Themen schnell gefährlich werden.

Eva-Maria Lemke, Jg. 1982, die die Sendung im wöchentlichen Wechsel mit Bröckerhoff moderiert, ist hinsichtlich solch markiger Sprüche bisher eher zurückhaltend und wirkt auch nicht so aufgesetzt locker wie ihr Kollege. Dabei sind die Auftritte vor der Kamera für die Moderatoren fast nur Nebenjobs. Denn vor allem sind die beiden nahezu rund um die Uhr in sämtlichen sozialen Netzwerken aktiv (bei Twitter ist Bröckerhoff als @doktordab präsent und Lemke als @dielemke), wie überhaupt die „Heute-plus“-Ausgabe im linearen Fernsehen eher eine Art Zugabe ist. Pünktlich um 23.00 Uhr jeweils ist eine komplette Version bereits im Netz zu sehen, einzelne Beiträge auch schon weit vorher. Was insofern Sinn macht, als für die Menschen in der jüngeren Zielgruppe, die für Nachrichten überhaupt noch zu haben sind, das klassische Fernsehen kaum noch eine Rolle spielt. Ein bisschen skurril es übrigens schon, dass „Heute plus“ ausgerechnet im On-Demand-Medium Internet quasi immer pünktlich beginnt und im auf fest programmierte Zeiten ausgelegten Fernsehen praktisch jeden Tag zu einer anderen Zeit – irgendwann gegen Mitternacht halt.

Den von „Heute Nacht“ gewohnten Überblick über die wichtigsten Themen des Tages bietet die Nachfolgesendung nur noch bedingt. Einspieler aus den ZDF-Hauptnachrichten erscheinen hier oft nur noch in einem kurzen Newsblock, der auch mit einem dezenten Soundteppich unterlegt ist. Bei „Heute plus“ gibt es eigene Beiträge, in denen man versucht, sich Themen auf eine etwas unkonventionellere Art zu nähern. Was bislang vor allem optisch geschieht. Statt Experten wie beispielsweise den Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel, eingeführt als „Griechenland-Versteher“, in bekannter Manier vor einer Bücherwand zu befragen, zog man unlängst mit ihm in eine Kneipe. Auch dass während des Gesprächs nicht nur die Reporterin, sondern auch Ton- und zweiter Kameramann ständig im Bild waren, gehört zum ästhetischen Konzept des Ganzen. Solche Formen der Transparenz sind zwar ein alter Hut, sorgen jedoch hie und da durchaus für Frische, solange sie nicht zu visuellen Manierismen werden, hinter denen der eigentlich Gehalt eines Beitrags zu verschwinden droht.

„Heute plus“ ist fraglos (noch) nicht perfekt, aber für das ZDF fraglos ein mutiger und positiv überraschender Schritt gegen die Gefahr, dass dem Sender die Zuschauer irgendwann schlicht wegsterben könnten. Seitens der ARD, die unter demselben Problem leidet, hat man in dieser Hinsicht, zumindest was die Nachrichten betrifft, bislang wenig vernommen.

Was bei „Heute plus“ komplett fehlt, ist das Wetter. Dabei hätte die Redaktion gerade damit wirklich innovativ punkten können. Schließlich findet sich auf den gängigen ZDF-Wetterkarten auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht nur die Stadt Kassel, die einst ungefähr die innerdeutschen Grenze markierte, sondern auch noch die ehemalige Bundeshauptstadt Bonn, während man Köln oder die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt Düsseldorf dort nach wie vor vergeblich sucht. Es wäre geradezu spanend, einmal zu sehen, für welche Städte sich „Heute plus“ wetterkartentechnisch entscheiden würde.

10.07.2015 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 23/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren