Eine Erfindung der „Tagesschau“: Aus GOG wird SMH

02.07.2015 •

Man sollte diesen Tag programmgeschichtlich festhalten: Samstag, der 27. Juni 2015. Im Ersten lief die Hauptausgabe der „Tagesschau“ mit Jan Hofer. Bisher gab es in den Nachrichtensendungen von ARD und ZDF immer etwas, was Kollegen des ZDF einen „GOG“ nannten, nicht zu verwechseln mit dem Buchtitel von Martin Buber: „GOG und MAGOG“.

Das ZDF-GOG bedeutet „Gang ohne Grund“. Weil so vieles grundlos im Fernsehen geschieht, zumal im Nachrichtengewerbe. Wer Nachrichtensendungen aufmerksam sieht, weiß zum Beispiel: Für die Produktion eines Nachrichtensatzes muss ein Politiker – Bundestagsmitglied, Minister oder ähnliche Funktion – einen Gang abliefern, der ohne Grund ist. Denn die Frage des Bildanschlusses kann ja wohl den Politiker nicht interessieren. Das stiehlt Sekundenbruchteile, ist aber eben eine TV-Errungenschaft, Stichwort Schnittbilder bzw. Antextbilder.

Ab dem 27. Juni 2015 gibt es jetzt aber „SMH“: „Stillstehen mit Handy“. Zunächst wurde Grünen-Parteichef Anton Hofreiter an diesem Tag in der „Tagesschau“ mit bedeutsamer Miene gezeigt – eben nicht mehr beim GOG, sondern beim Stillstehen und aufmerksamen Betrachten des Displays seines Handys, wahrscheinlich ein Smartphone. Kurz danach – es ging weiter um das Thema der dann auch gleich als historisch eingeschätzten Abfuhr der griechischen Regierung im Brüsseler Rat der Finanzminister – wurde der SPD-Vorsitzende und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel ins Bild gerückt, ebenfalls stehend, was seiner Körperfülle sehr gut zu bekommen scheint, und auch er mit dem arrangierten Blick auf das, was er in Händen hielt, auch er vollzieht für die „Tagesschau“ SMH, das Stillstehen mit Handy.

Von hier aus, liebe Zuschauer von ARD und ZDF, wird nun eine programmgeschichtliche Wende ausgehen, und wir alle werden sagen können, dass wir dabei gewesen sind. SMH ist auch noch um Sekundenbruchteile kürzer kalkuliert als GOG. Und dieses Mal haben die Kollegen der ARD die Nase vorn. Das sind so merkwürdige, aber berichtswürdige Geschichten über die Kunst im Zeitalter ihrer digital-unendlichen Reproduzierbarkeit.

02.07.2015 – Rupert Neudeck/MK

Grüner Einhänder: Anton Hofreiters linke Hand mit Handy

Roter Zweihänder: Sigmar Gabriels Hände mit Handy

Fotos: Screenshots aus der 20-Uhr-Ausgabe der ARD-„Tagesschau“ vom 27. Juni 2015