Sportfilmtage im deutschen Fernsehen: Hoeneß, Nowitzki, Beckenbauer

11.09.2015 •

In den vergangenen zwei Wochen gab es im deutschen Fernsehen etwas, was man als ‘Sportfilmtage’ bezeichnen könnte. Eröffnet wurden sie am 27. August mit dem Doku-Drama „Uli Hoeneß – Der Patriarch“ im ZDF. Fortgesetzt wurden sie im Ersten Programm der ARD mit den filmischen Porträts „Fußball – Ein Leben: Franz Beckenbauer“ (6. September) und „Nowitzki – Der perfekte Wurf“ (7. September). Ihren Abschluss fanden sie dann mit einem Double-Feature beim Privatsender Sat 1, der am 8. September die filmische Komödie „Die Udo Honig Story“ und direkt im Anschluss die Dokumentation „Uli Hoeneß – Der Millionenspieler“ zeigte.

Alle Filme – mit Ausnahme der Sat-1-Dokumentation (22.15 Uhr) – wurden zu guten Sendezeiten ausgestrahlt. Das Beckenbauer-Porträt beispielsweise lief auf dem Sonntagsendeplatz, an dem sonst der zur Zeit pausierende Günther Jauch für die ARD die Probleme der Welt wälzt. Und die beiden Hoeneß-Filme eröffneten gar im ZDF und bei Sat 1 um 20.15 Uhr das Hauptabendprogramm. Umrahmt wurden diese Sportfilmtage noch durch zwei von RTL live übertragene EM-Qualifikationsspiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, der Hoeneß wie Beckenbauer einst angehörten, wobei Letzterer sie auch eine gewisse Zeit trainierte, und durch die ebenfalls im Fernsehen zu verfolgende Basketball-Europameisterschaft, an der Dirk Nowitzki im Team der Deutschen teilnahm.

Solche Programmplanung geht von Mitnahmeeffekten aus. Die Live-Ereignisse sollen gleichsam für die Hintergrundgeschichten und Porträts werben, die man sich ansonsten nur im Nachtprogramm vorstellen kann. Es ist eine Spekulation, die nur selten aufgeht. Vielleicht verhält es sich gerade umgekehrt: In den Zeiten, die vom Live-Sport dominiert werden, sehnt man sich im sonstigen Programm eher nach anderen Geschichten und Themen. Wäre es so, strahlte man solche Filme besser dann aus, wenn das Programm nicht von Live-Sport geprägt. Nun gab es zumindest für den Beckenbauer-Film einen weiteren Anlass, ihn Anfang September auszustrahlen. Denn der „Kaiser“, wie er von den Journalisten gerne genannt wird, feierte am 11. September seinen 70. Geburtstag. Und wenn es eine Gestalt des deutschen Fußballs gibt, der sich das deutsche Fernsehen bis heute, wo er weiterhin als Fachmann beim Pay-TV-Sender Sky aktiv ist, verbunden fühlt, dann ist es Franz Beckenbauer.

Das aktuelle filmische Porträt über Beckenbauer (Produktion: Ufa Fiction) stammt von Thomas Schadt, der bereits 1993 für die ARD eine Langzeitstudie über Fußball gedreht hat: „Elf Freunde müsst ihr sein – Die Fußballprofis des FC Bayern München“. Schadt kennt also nicht nur das Metier, sondern auch die handelnden Figuren im Hintergrund. So gelang es ihm auch, für sein liebevolles Beckenbauer-Porträt jemanden vor die Kamera zu holen, der seit dem 2. Juni 2014 aus der Fernsehöffentlichkeit verschwunden ist. Gemeint ist natürlich Uli Hoeneß, der einige knappe Angaben zur Spielweise seines ehemaligen Kapitäns beisteuern durfte. Umgekehrt ließ sich Beckenbauer nicht zur Steueraffäre von Hoeneß befragen, das überließ er anderen ehemaligen Spielern des FC Bayern wie Sepp Maier, der sich in der Sat-1-Dokumentation äußerte, oder Lothar Matthäus, der im ZDF-Doku-Drama zu Wort kam.

Thomas Schadt kommt seinem Protagonisten nahe genug, um dessen hervorstechende Eigenschaften etwa einer grundsätzlichen Freundlichkeit und einer latenten Ironie der Welt und dem Leben gegenüber in diversen Situationen einzufangen. Den 90-minütigen Film durchziehen Beobachtungen während eines Spiels des FC Bayern gegen den Hamburger SV, als Beckenbauer unter eine dicken Pudelmütze verpackt süffisante Kommentare wie Erklärungen zum Spiel abgibt und nebenbei Schadt die Personen vorstellt, die den Franz da in der Münchner Arena von allen Seiten begrüßen. Die Pointe, dass einer von ihnen als Nachnamen den Spitznamen von Beckenbauer trägt, versteckt Schadt eher, als dass er sie durch den Schnitt herausstellt. Ebenso nebenbei fällt der Hinweis, dass Beckenbauer einst den Beruf des Versicherungskaufmanns bei jenem Konzern lernte, der die Namensrechte am Münchner Stadion erworben hat.

Die Nähe zwischen Porträtiertem und Porträtisten ließ eine angenehme Stimmung entstehen, in der man dem Film in seiner Mischung aus Archivmaterial, Gegenwartsbeobachtungen und Gesprächen gerne folgte. Kein Wunder, Thomas Schadt zählt zu den besten Dokumentaristen im Lande. Dennoch hinterließ der Film Zweifel. Was vor allem daran lag, dass er problematische ernste Themen weitgehend außen vor ließ. Das kann man nicht immer dem Film vorwerfen. Der Tod des Beckenbauer-Sohnes Stefan im Spätsommer dieses Jahres konnte beispielsweise nicht mehr thematisiert werden, da zu dieser Zeit der Film schon geschnitten und gemischt war.

Problematisch hingegen, wie Schadt mit den Korruptionsvorwürfen umgeht, die mit der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Katar zusammenhängen. Beckenbauer gehörte dem Gremium des Fußballweltverbandes FIFA an, das über diese Vergaben entschied; kurz danach schloss er einen lukrativen Beratervertrag mit dem russischen Energiekonzern Gazprom. Das sprach Schadt nur am Rande an und ließ es abschließend von Beckenbauers Manager als Missverständnis darstellen. Ebenso Tabu blieben das Thema Doping, zu dem sich Beckenbauer Ende der 1970er Jahre einmal erstaunlich offen erklärt hatte (was er heute nicht mehr hören mag), und das Wunder der Vergabe der WM 2006 an Deutschland, das sich bis heute niemand so recht erklären kann, der noch an das Gute in Fußballfunktionären glaubt.

Das Porträt über Dirk Nowitzki von Sebastian Dehnhardt (Produktion: Broadview Pictures) war filmisch ähnlich gebaut, kam aber seinem eher introvertierten Protagonisten nicht so nahe. Dafür enthielt er verblüffende Erkenntnisse über das besondere Training dieses Basketballspielers, der in den USA zu den Superstars seines Sports gehört. Wer die besonderen Dribblings und Würfe aus der besten Zeit von Nowitzki in diesem Film gesehen hatte, musste bei den Live-Übertragungen der EM-Spiele des deutschen Teams konstatieren, dass der Profi der Dallas Mavericks im Alter von 35 Jahren deutlich an Tempo und Dynamik verloren hat. Es lag aber nicht an ihm, dass die deutsche Mannschaft schon nach der Vorrunde ausschied. Wenn man so will, lag es an einem Strafwurf des deutschen Teams durch Nowitzkis Kollegen Dennis Schröder, der am 10. August im Spiel gegen Spanien (live in der ARD) anderthalb Sekunden vor Schluss nur den Rahmen und eben nicht durch den Korb traf. Trotz des Ausscheidens feierten anschließend die Zuschauer frenetisch Nowitzki, der an diesem Tag vermutlich sein letztes Spiel für die deutsche Basketball-Nationalmannschaft abgeliefert hatte. Hier war die Wirklichkeit die Verlängerung des Films in die Gegenwart.

11.09.2015 – Dietrich Leder