Eric Friedler: Eskimo Limon – Eis am Stiel. Von Siegern und Verlierern. Oder: Die bittersüße Geschichte einer unendlichen Filmproduktion (ARD/NDR Fernsehen)

Anatomie eines Filmerfolgs

04.06.2018 •

Im Jahr 1977 hatte das Auswahlgremium der Berliner Filmfestspiele über einen Beitrag aus Israel zu entscheiden. Zu dieser Zeit verband sich der Name des Landes in der öffentlichen Wahrnehmung primär mit militärischen Konflikten, dem Sechs-Tage-Krieg (1967), dem Jom-Kippur-Krieg (1973). Zudem mit gegen Israel gerichteten Terroranschlägen wie dem 1972 in München auf die israelische Olympia-Mannschaft. Der eingereichte Film thematisierte nichts von alledem. Es handelte sich um eine muntere, in Teilen frivole, in den 1950er Jahren angesiedelte Teenager-Tragikomödie mit dem Originaltitel „Eskimo Limon“; Englisch: „Lemon Popsicle“, in Deutschland: „Eis am Stiel“. („Eskimo Limon“ ist eine bis heute in Israel existierende Eissorte.)

Nach intensiver Diskussion votierte die Mehrheit des Berliner Auswahlgremiums für die Annahme des Films. „Eis am Stiel“ (Regie: Boaz Davidson) entwickelte sich zum Publikumsliebling des Festivals und wurde ein internationaler Kassenhit. Ein Erfolgsmärchen. „Eis am Stiel“ war in Israel für knapp 200.000 Dollar gedreht worden, mit kleinem Team, unter widrigsten Bedingungen. Produzenten waren die filmversessenen Cousins Menahem Golan (gestorben 2014) und Yoram Globus. Golan, anfangs Bühnen-, dann Filmregisseur, hatte schon in London und Hollywood gearbeitet, sich aber für die Rückkehr nach Israel entschieden und war dort in die Filmproduktion eingestiegen. An den Einspielergebnissen gemessen, stammten die zehn erfolgreichsten israelischen Filme zwischen 1960 und 1980 von Golan und Globus.

Auf Betreiben des deutschen Filmverleihs ging „Eis am Stiel“ dann in Serie. Die enormen Einnahmen aus den Filmen erlaubten Golan und Globus, die bald als die „Go-Go-Boys“ bekannt werden sollten, den Sprung nach Hollywood. Sie erwarben die marode B-Film-Firma Cannon Films und machten mit billig gedrehten Radau- und Sexfilmen anfangs Kasse, unter anderem deshalb, weil sie bewusst mit Blick auf den aufkommenden Videomarkt produzierten. In ihren besten Zeiten leisteten sie sich die Produktion gehobener Filmkunst, finanzierten Regisseure wie Jean-Luc Godard, Franco Zeffirelli, Godfrey Reggio und Robert Altman. Alles dank „Eis am Stiel“.

Die unglaubliche Geschichte vom Aufstieg und Fall der „Go-Go-Boys“ ist schon anderweitig ausführlich erzählt worden, zum Beispiel im flamboyanten Dokumentarfilm „Electric Boogaloo“ aus dem Jahr 2014, der am 16. April nächtens noch einmal bei Tele 5 ausgestrahlt wurde. Der preisgekrönte Dokumentarfilmer Eric Friedler („Das Schweigen der Quandts“, „Aghet – Ein Völkermord“) konzentriert sich in seinem Film, einer NDR-Eigenproduktion, klugerweise auf „Eis am Stiel“. Es hätte eine Art Gute-Laune-Doku werden können, wenn sich Friedler mit dem emotionswirksamen Aschenputtel-Effekt begnügt hätte. Er geht jedoch deutlich weiter und leistet quasi eine Anatomie des Filmerfolgs.

In Friedlers Film gibt es Aufnahmen, in denen sich Golan und Globus unverblümt rühmen, dank „Eis am Stiel“ Millionen eingenommen zu haben. Andere Beteiligte, vor allem die Schauspieler, waren weniger glücklich. Vom Hauptdarsteller-Trio äußern sich nur Yiftach Katzur (im Spielfilm Benny) und Zachi Noy (Johnny) vor der Kamera. Jonathan Sagall (Momo) verweigerte sich. Er spielte in Filmen wie „Schindlers Liste“ und arbeitet seit einigen Jahren selbst als Regisseur. Zu „Eis am Stiel“ hält er bewusst Distanz.

Anders Zachi Noy. Friedler zeigt gleich zu Beginn, wie sich der korpulente Schauspieler und Sänger müde und lustlos auf einen Auftritt vorbereitet. In einer Essener Vorstadtdisco singt er später im Kreise leichtgeschürzter Tänzerinnen zu dumpfem Humba-Rhythmus „Ich bin der Johnny, der dicke, dicke Johnny“. Im Interview mit Friedler spricht er von seinen Depressionen. Die Rolle des „dicken Johnny“ aus „Eis am Stil“ habe ihm zeitlebens im Weg gestanden. Der heute fast 65-Jährige hofft, so sagt er, noch immer auf seinen Durchbruch.

Es gibt gute Gründe zur Kritik an Menahem Golan und Yoram Globus wie auch an Regisseur Boaz Davidson. Der erste „Eis-am-Stiel“-Film war ein biografisch gefärbtes Melodram, gefilmt mit nostalgischem Schmelz, untermalt von einem authentischen Soundtrack. Die ab dem dritten Teil in deutscher Koproduktion hergestellten, teils von deutschen Regisseuren wie Walter Bannert und Reinhard Schwabenitzky inszenierten Nachfolger verkamen zu derbem Slapstick und plumpen Zoten. Für die nötigen Nacktrollen wurden deutsche Starlets engagiert, in der Dokumentation repräsentiert von Sibylle Rauch, die ihre eigene tragische Geschichte aufzuweisen hat. Für die Münchnerin ohne schauspielerische Ausbildung, die später Pornos drehte, war das kurze Gastspiel im dritten Teil der „Eis-am-Stiel“-Reihe der Höhepunkt ihrer Karriere. Derweil betrachten die Schauspielprofis diese Filme eher als Tiefpunkt. Für einige wurden sie zur Sackgasse.

In großen Teilen ist Friedlers rund 95-minütiger Dokumentarfilm sehr erhellend. Mitunter aber mangelt es ihm an einer genaueren Einordnung. In den Interviews kommt zur Sprache, dass die freizügigen Szenen von „Eis am Stiel“ als skandalös empfunden wurden. Dies galt aber vorrangig für Israel. In anderen Ländern waren Sexkomödien dieser Machart längst gängige Kinoware. Man denke an die italienische „Teens“-Reihe mit Gloria Guida und dem ähnlich wie Zachi Noy als Prügelknabe eingesetzten Alvaro Vitali, an US-amerikanische College-Klamaukfilme, an deutsche Sexklamotten. In letzteren Produktionen trat auch Noy häufig auf, in Machwerken mit Titeln wie „Lass jucken, Kumpel, 6. Teil“. Insofern muss Noy sich fragen lassen, ob er nicht selbst für das Hanswurst-Image verantwortlich ist, über das er sich heute bitter beschwert. Der achte Teil von „Eis am Stiel“ verzeichnet ihn als Koautor, selbst im Remake von 2001 war er dabei. Angeblich hat sich all das für ihn nicht ausgezahlt. Eigenartig.

Partiell macht Friedlers Film den Eindruck einer Anklage. Für Zuschauer ohne Hintergrundwissen, also die Mehrheit, hätten spezifische Punkte differenzierter aufgelöst und Schuldzuweisungen überprüft werden müssen. In solchen Passagen wirkt sich nachteilig aus, dass der Filmautor selbst nie das Wort ergreift, sondern Bilder und Zeitzeugen für sich selbst sprechen lässt. Für die Wahrheitsfindung reicht das nicht immer aus.

04.06.2018 – Harald Keller/MK