Eric Friedler: Der Clown (ARD/NDR)

Die Größe im Scheitern

20.02.2016 •

20.02.2016 • Er ist Jude und weltberühmt geworden als Spaßmacher. Doch 1972 hat Jerry Lewis es verdammt ernst gemeint. In einem von ihm selbst inszenierten Film verkörperte er einen deutschen Zirkusclown, der in einem Konzentrationslager mit seinen Späßen das Leiden jüdischer Kinder lindert und ihnen am Ende sogar in die Gaskammer folgt. Die Tragikomödie „The Day The Clown Cried“ gelangte nie zur Aufführung. Jahrzehntelang schwieg der US-amerikanische Komiker über sein unvollendetes Filmprojekt, das unter Cineasten als eines der großen Rätsel der Kinogeschichte galt.

Nun hat Eric Friedler, Leiter der NDR-Fernsehabteilung ‘Sonderprojekte’ und bekannt für seine außergewöhnlichen, oft preisgekrönten Dokumentarfilme, dieses Mysterium teilweise aufgeklärt. Zwar sind schon seit 2013 einige wenige Making-of-Szenen von Jerry Lewis’ verschollenem Film auf YouTube zugänglich. Und in der 30-minütigen BBC-Dokumentation „The Story of ‘The Day The Clown Cried’“ wurden Anfang des Jahres sieben Standfotos von den Dreharbeiten publiziert. Doch in seinem rund zweistündigen Dokumentarfilm „Der Clown“ veröffentlicht Friedler (Buch und Regie; Buch für fiktionale Szenen zusammen mit Silke Schütze) erstmals Ausschnitte aus dem Werk selbst und vermittelt damit einen Eindruck davon, wie dieser Film von Jerry Lewis hätte werden sollen.

Über die Präsentation dieser Szenen hinaus rekonstruiert Friedler zudem die komplexe Entstehungsgeschichte des eigenwilligen Projekts. Wie schon in seinen früheren Dokumentationen holt der Filmemacher wichtige Zeitzeugen vor die Kamera. Darunter sind etwa der französische „Diva“-Regisseur Jean-Jacques Beineix, der 1972 während der Dreharbeiten in Paris für Jerry Lewis als Assistent tätig war, und Claude Lanzmann („Shoah“), hinsichtlich der Thematik ‘Holocaust und Film’ eine unumstrittene Autorität. Darüber hinaus macht Friedler auch noch jene Schauspieler ausfindig, die Jerry Lewis damals für seinen in Schweden gedrehten Film engagiert hatte. Im Rahmen einer szenischen Lesung aus dem Originaldrehbuch spielen die Akteure Schlüsselszenen des Films nach.

Aus der Kombination dieser theaterartigen Nachinszenierung mit den originalen Filmausschnitten entsteht ein bewegendes filmhistorisches Dokument. Es verwundert nicht, dass Print- und Online-Medien dieses von Friedler akribisch erstellte Mosaik in ihren Ankündigungen lobten. Nicht deutlich wurde dabei aber, mit welcher Umsicht der Dokumentarfilmer die komplex recherchierten Fakten einem Spannungsbogen unterordnet. So wirft Friedler erst im Schlussinterview mit dem 89-jährigen Jerry Lewis die zentrale Frage nach dem Abbruch des Projekts auf. Wenn der Komiker unumwunden erklärt: „Ich habe es nicht hingekriegt“, so wird vor dem Hintergrund der präsentierten Ausschnitte aus „The Day The Clown Cried“ nachvollziehbar, worin dieses Scheitern bestanden haben könnte.

Sechs Jahre bevor die US-Fernsehserie „Holocaust“ (NBC 1978) den NS-Völkermord erstmals in fiktionaler Form aufgriff, war Jerry Lewis mit einem Projekt, das obendrein als Komödie geplant war, seiner Zeit weit voraus. Erst 25 Jahre später wird Roberto Benigni den Holocaust in seinem Oscar-prämierten Film „Das Leben ist schön“ (1997) mit den Mitteln der Komik thematisieren. Wenn Jerry Lewis im Interview erklärt, Benigni habe ihm „die Idee gestohlen“, dies aber gut gemacht, dann ist die Dokumentation „Der Clown“ an ihrem Kernthema angelangt: der Frage, ob die Shoah mit den Mitteln des Erzählkinos bewältigt werden kann.

In Benignis Komödie gaukelt ein Vater seinem Sohn vor, das KZ sei ein Geländespiel, bei dem der Sieger einen echten Panzer gewinnt. Durch die unschuldige Sicht des Kindes entsteht dabei eine Doppelbelichtung, durch welche die Tragödie des Völkermordes in beklemmender Weise durchscheint. „Comedy kann dem Schrecken eine ungeheure Deutlichkeit verleihen“, erklärt Jerry Lewis. Das war sein Konzept, doch er vermochte es nicht angemessen umzusetzen. Szenen aus „The Day The Clown Cried“, in denen zu sehen ist, wie der Komiker Kinder hinter dem Stacheldraht mit typischen Jerry-Lewis-Fratzen aufheitert, geben ihm leider Recht.

Obwohl die Sichtung des unvollendeten Werks fragmentarisch bleiben muss, kann man erahnen, warum Jerry Lewis sein Projekt verwarf. „Die eigentliche Idee des Films ist mir entglitten“, sagt er und zeigt mit diesem Bekenntnis Größe. Sehenswert ist Eric Friedlers Film aber nicht nur, weil er den künstlerischen Misserfolg eines großen Komikers vor zeitgeschichtlichem Hintergrund transparent macht. „Der Clown“ (790.000 Zuschauer, Marktanteil: 5,7 Prozent) wirft das bis heute kontrovers diskutierte Problem, ob es moralisch vertretbar ist, die Shoah mit den Mitteln des populären Kinos darzustellen, aus einer ungewöhnlichen Perspektive neu auf. Die Frage muss am Ende offenbleiben. Über die Tränen des Clowns gelingt Friedler dennoch ein eindringlicher Film, für den man sehr dankbar ist.

20.02.2016 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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