Das ist öffentlich-rechtliches Fernsehen!

Aufklären, aufrütteln: Der ARD-Dokumentarfilm „Aghet – Ein Völkermord“

Von Martin Thull
16.04.2010 •

Vielleicht kann es nur der künstlerischen Verfremdung gelingen, das Unerklärbare zu vermitteln. Franz Werfel hat 1933 mit seinem Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ versucht, auf fast 900 eng beschriebenen Seiten, „das unfassbare Schicksal des armenischen Volkes dem Totenreich alles Geschehenen zu entreißen“. Das gleiche Anliegen hat der Filmemacher Eric Friedler, er vermittelt es in ‘seinem‘ Medium, dem Fernsehen, fast 70 Jahre nach Werfels Welterfolg und etwa 95 Jahre nach dem Völkermord an über 800.000 Armeniern. Friedlers Dokumentarfilm „Aghet – Ein Völkermord“ ist eine mehr als bemerkenswerte Produktion, und der Norddeutsche Rundfunk (NDR) und die ARD waren erfreulich mutig, diese 90 Minuten im Ersten Programm auszustrahlen (9. April 2010, 23.30 bis 1.00 Uhr).

Der Dokumentationskanal Phoenix wiederholte die Sendung am 13. April zur Primetime ab 20.15 Uhr mit einer anschließenden Diskussion zu dem Thema („Phoenix-Runde“, 21.45 bis 22.30 Uhr). Der Film wird demnächst außerdem noch im Programm des deutsch-französischen Kultursenders Arte zu sehen sein und überdies in ausgewählten Programmkinos laufen. Die Botschaft hat es verdient.

Die Fakten

Mitten im Ersten Weltkrieg sahen die „Jungtürken“, die gegen die überkommene Sultansherrschaft revoltiert hatten, in der christlichen armenischen Minderheit eine Gefahr für ihre Macht. Die Armenier wurden ohnehin als „Türken zweiter Klasse“ behandelt, mit Sondersteuern und anderen Beschwernissen. Abstruse Vorwürfe mussten dafür herhalten, diese Volksgruppe „unschädlich“ zu machen. Angeblich hatten sich die Armenier unzulässig bereichert, sich bemüht, die Herrschaft über die Türken zu erlangen, und sie hätten äußere militärische Feinde offen unterstützt. Die noch heute in der Türkei hoch angesehenen Generäle Talat Pascha, Enver Pascha und Djemal Pascha hatten 1908 die Macht übernommen. Sie wollten ein Großreich schaffen, in dem nur Türken leben, „geeint durch Blut, Religion und Rasse“. Zudem ließen sich die Armenier nach einer militärischen Niederlage des osmanischen Reiches gegen Russland leicht als „Sündenbock“ propagandistisch ausschlachten. Tatsächlich ging es unter dem Motto „die Türkei den Türken“ darum, die christliche Minderheit im Land zu vernichten. Der 24. April 1915 war der Auftakt für die bis dahin beispiellose Ausrottung eines Volkes. Zwischen 1915 und 1917 starben zwischen 800.000 und 1,5 Millionen Menschen, noch einmal so viele wurden vertrieben.

Die Politik

Schon damals gab es Stimmen, die das Verbrechen anprangerten. Wohl auch zaghafte Versuche, einzugreifen und den Machthabern Einhalt zu gebieten. Von Türken selber wie von Gästen aus dem Ausland, die in der Türkei als Diplomaten, Missionsschwestern oder Korrespondenten arbeiteten. Doch die türkische Regierung konnte davon profitieren, dass die geopolitische Lage ihres Landes zwischen Ost und West den Großmächten zu wichtig war und diese deshalb nicht einschreiten würden, um die zunächst geplanten und dann brutal umgesetzten Gräueltaten zu verhindern. Zwar nannten England, Frankreich und Russland das Vorgehen gegen die Armenier schon damals ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, während die USA sich neutral verhielten und Deutschland wiederum als Bündnispartner der Türkei das Regime stützte. Aber in Diplomatenkreisen wurden Vermerke gefertigt, die sozialen Einrichtungen schrieben Berichte über die Folteropfer, es existieren Tagebücher und Augenzeugenberichte von Überlebenden. Unterlagen im politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin und an vielen anderen Orten hat Eric Friedler gesichtet und aufbereitet – eine Sammlung beklemmender Zeugnisse.

Bis in die heutige Zeit nimmt die Politik Rücksicht auf die strategisch wichtige Rolle der Türkei. Etwa wenn Barack Obama noch als Senator vom Genozid sprach, sich nun als US-Präsident aber diplomatisch zurückhält. Die Türkei ist geschätzter Partner der NATO, es gibt viele Befürworter einer Mitgliedschaft des Landes in der Europäischen Union. Die Türkei ist für die USA im Kampf gegen den Terror wichtig als „Durchgangsstation“ für ihre Soldaten im Irak und in Afghanistan. Und sie ist wichtig für Waffengeschäfte. Militärisches und ökonomisches Kalkül gehen hier eine unheilvolle Koalition ein und werden (erfolgreich) zur Erpressung genutzt.

Es gibt allerdings Bewegung im Verhalten der Bündnispartner. Das französische Parlament und das amerikanische Repräsentantenhaus haben – diplomatisch verklausulierte – Resolutionen zum Völkermord gegen die Armenier verabschiedet. Eher vorsichtige Annäherungen an die historische Wahrheit. Der türkische Ministerpräsident Erdogan allerdings leugnet weiterhin in einer Mischung aus Ignoranz und Arroganz, dass es jemals diese Verbrechen gegen die Armenier gegeben habe, und verlangt Beweise. Eric Friedler bietet sie in seinem Film.

Der Film

Friedler hat die Archive durchforstet, Unterlagen ausgewertet und aufbereitet. Die Zeugen sind unverdächtig, Diplomaten und Geistliche, Korrespondenten und Missionsschwestern. Und Überlebende. Der Filmautor lässt sie über Deutschlands erste Schauspielerriege zu Wort kommen. Nüchtern, nur geringe Inszenierung und Dramatisierung, direkt und offen. Aber die Schauspieler, auf Stühlen sitzend, sprechen nicht nur. Ganz sparsam setzen sie ihre Mimik ein, ziehen die Stirn in Falten, blicken zur Seite, wenden den Blick ab, als wollten sie sich von dem Elend abwenden, das sie beschreiben müssen. Insgesamt 23 bekannte Schauspieler treten auf. Ludwig Trepte und Hannah Herzsprung stellten die Überlebenden Hambardzoum Sahakian und Tagouhi Antonian dar. Friedrich von Thun schlüpft in die Rolle des US-Botschafters in Konstantinopel, Henry Morgenthau. Joachim Król wird zu dessen kaiserlich-deutschem Kollegen, Graf Wolff Metternich zur Gracht. Da wird aus Burghart Klaußner der Schweizer Diakon Jacob Künzler und aus Martina Gedeck die schwedische Missionsschwester Alma Johansson. All diese Auftritte sind der Schwerpunkt in einem Film (Produktion: Trebitsch), der mit Berichten aus Istanbul, Eriwan und Berlin und mit historischen Aufnahmen präzise zum Thema hinführt.

Diese Zeugnisse werden gegengeschnitten zu den historischen Filmaufnahmen, die grobkörnig sind und schwarz-weiß, manchmal so schnell aufeinander folgen, dass die im Bild gezeigten Grausamkeiten mehr erahnt als gesehen werden können. Dazwischen immer wieder farbige Bilder, verschwommen und unscharf, wenn die Stimme aus dem Off das Geschehene erklärt, von Schicksalen erzählt, der Chronistenpflicht nachgeht. Das erzeugt einerseits eine Spannung, wie es weitergeht, ob noch eine weitere Steigerung der zu schildernden Grausamkeiten möglich ist. Andererseits ist dies ein höchst emotionaler Aufbau, der Betroffenheit weckt beim Zuschauer und immer wieder die Frage neu stellt, wie so etwas vor den Augen der Weltöffentlichkeit geschehen konnte. Und wie sich eine Regierung hinstellen kann und die vorliegenden Fakten nicht wahrnimmt. Und den damals verantwortlichen Generälen noch heute Monumente baut und Straßen, Plätze und Schulen nach ihnen benennt. Als gäbe es heute in Berlin noch eine Adolf-Eichmann-Allee…

Da sind Fragen, die unbeantwortet bleiben. In Deutschland wird gerichtlich bestraft, wer den Holocaust leugnet – in der Türkei ist es genau umgekehrt: Dort ist derjenige – wie etwa Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk – der Strafverfolgung ausgesetzt, der auch nur die Frage nach dem Völkermord an den Armeniern stellt. Eine verkehrte Welt. Wie kann es sein, dass einzig im Bundesland Brandenburg der Völkermord an den Armeniern in deutschen Schulbüchern vorkommt? Dass es in Deutschland historische Standardwerke gibt, die dieses verbrecherische Ereignis verschweigen, sehr wohl aber den Holocaust, den Völkermord in Darfour oder Ruanda benennen? Dabei ist die Einschätzung wohl nicht falsch, dass die „Delokalisation“, die Vertreibung der Armenier, für Adolf Hitler und seine Gefolgsleute zum Vorbild wurde für die Vernichtung der Juden. Umso wichtiger wäre eine Befassung mit diesen Vorgängen und Zusammenhängen auch an deutschen Schulen und Bildungseinrichtungen.

Die Diskussion

Anschaulicher konnte man die Diskrepanzen in Wahrnehmung und Wertung der historischen Ereignisse nicht belegen als in der Diskussion der „Phoenix-Runde“ unter der Leitung von Alexander Kähler: Mit seinen Gästen Professor Hermann Goltz (Theologe, Universität Halle-Wittenberg), Bahattin Kaya (Türkische Gemeinde in Deutschland), Ahmet Külahci („Hürriyet“), Karen Krüger („Frankfurter Allgemeine Zeitung“) und Ischchan Tschifdschjan (Zentralrat der Armenier in Deutschland) versuchte er, ein Gespräch über den Film und den Völkermord an den Armeniern zu ermöglichen.

Sieht man einmal von der Disziplinlosigkeit der meisten Gesprächsteilnehmer ab, die einfach drauflos redeten, wenn es ihnen in den Sinn kam, dann wurde in dem 45-minütigen Durcheinandersprechen vor allem eines deutlich: Es sind noch viele Brücken zu bauen, ehe es zu einer Verständigung kommt. Geradezu zynisch ist es zum Beispiel, wenn jemand wie Bahattin Kaya darauf verweist, dass von Völkermord schon deshalb nicht gesprochen werden könne, weil ja Frauen und Kinder überlebt hätten. Oder dass dieser Begriff erst 1948 international eingeführt worden sei. Oder dass auch die Armenier Verbrechen begangen hätten. Semantik statt Aufklärung. Aktenvermerke und andere Zeugnisse seien gefälscht, meinten Kaya und Külahci. Zudem sei die Qualifikation des deutschen Professors fragwürdig und in Friedlers Film sei nur die eine Seite zu Wort gekommen.

Festzuhalten ist der mehrfache Hinweis von Hermann Goltz, dass es auch eine gemeinsame Verantwortung gebe von Türken und Deutschen. Das damalige Deutsche Reich habe die Täter gestützt und später geschützt. Das heutige Deutschland dürfe sich dieser historischen Verantwortung nicht verweigern, so Goltz. Eine von der Türkei geforderte Historikerkommission müsse allerdings von den Fakten ausgehen. Und Fakt sei der Völkermord an den Armeniern. So wie auch der Holocaust eine Tatsache sei. Erst dann könne es zu einer Verständigung kommen, die das kulturelle Erbe der Armenier achte und ihre Würde wiederherstelle.

Der Unterschied

Friedlers anspruchsvoller Dokumentarfilm hat gezeigt, dass in der türkischen Bevölkerung ein Umdenken eingesetzt hat, das Tabu bröckelt inzwischen. Als der armenisch-türkische Journalist Hrant Dink im Jahr 2007 ermordet wurde, folgten über 200.000 Türken seinem Sarg. Es war wie eine Demonstration für den wahrhaftigen Umgang mit der historischen Wirklichkeit. Der ARD-Film, wenn er denn jemals in der Türkei gezeigt werden darf, er kann dazu beitragen, in dieser Richtung weiteres Bewusstsein zu schaffen. Dazu bedarf es allerdings einer größeren Offenheit, Aufgeschlossenheit und Gelassenheit gegenüber feststehenden historischen Wahrheiten, als es die türkischen Teilnehmer der „Phoenix-Runde“ gezeigt haben. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Ein Minimum an gegenseitigem Respekt schafft ihr erst den notwendigen Raum. Auch daran gilt es zu arbeiten.

Was unterscheidet Eric Friedlers Arbeit von dem, was wir seit vielen Jahren aus der ZDF-Werkstatt des Guido Knopp kennen? Friedler verzichtet auf Spielszenen, auf nachgestellte Dialoge und Szenen, auf dramatisierende Musik. Ihm geht es um Information. Und allein darum. Diese Information ist zwar emotional aufgeladen, jedoch nicht durch dramaturgische Eingriffe publikumstauglich gemacht. Eric Friedler, der auch Autor der preisgekrönten, ebenfalls vom NDR verantworteten ARD-Dokumentation „Das Schweigen der Quandts“ (vgl. FK-Heft Nr. 48/07) war, will nicht das große Publikum erreichen. Er will aufklären, vielleicht sogar aufrütteln. Das ist öffentlich-rechtliches Fernsehen. Exzellent!

• Zuschauerzahlen: Die Ausstrahlung von „Aghet – Ein Völkermord“ am 9. April 2010 von 23.30 bis 1.00 Uhr im Ersten Programm hatte 950.000 Zuschauer (Marktanteil: 8,2 Prozent). Die Wiederholung des Films bei Phoenix am 13. April ab 20.15 Uhr sahen 190.000 Zuschauer (Marktanteil: 0,6 Prozent). Die um 21.45 Uhr anschließende 45-minütige Diskussion zum Film im Rahmen der Gesprächssendung „Phoenix-Runde“ verfolgten 170.000 Zuschauer (Marktanteil: ebenfalls 0,6 Prozent).

• Text aus Heft Nr. 15/10 der Funkkorrerspondenz (heute: Medienkorrespondenz)

16.04.2010/MK