Ingo Helm: Das Kreuz mit dem Frieden – Die Christen und der Krieg (ZDF)

Welche Rolle spielt die Religion?

01.06.2018 •

01.06.2018 • Pfingsten würde man nicht gleich mit dem Friedensgebot der Bibel in Verbindung bringen. Da geht es der Tradition nach um den Heiligen Geist, der verängstigte Gefolgsleute Jesu in Jerusalem derart motiviert, dass sie anschließend in den Straßen Jerusalems in vielen Sprachen predigen. So ist es jedenfalls überliefert. Wenn das ZDF am zweiten Pfingstfeiertag dennoch die Friedensthematik anspricht, dann wohl eher deshalb, weil eine Woche zuvor der 101. Deutsche Katholikentag in Münster zu Ende gegangen war. Dessen Leitspruch war „Suchet Frieden“. Und dass dieses Motto für den Katholikentag (9. bis 13. Mai) gewählt wurde, mag wohl daher rühren, dass allen Friedensbemühungen aktuell große Aufmerksamkeit zuteil wird. Aber vor allem daher, dass in Münster (und Osnabrück) vor 370 Jahren mit dem Westfälischen Frieden der Dreißigjährige Krieg beendet wurde.

Das Christentum nimmt gerne für sich in Anspruch, eine Religion des Friedens zu sein. „Selig, die Frieden stiften“, verheißt Jesus. Und doch wurden im Namen dieses Glaubens fürchterliche Kriege geführt. Die Spannung ist bis heute nicht aufgelöst: Neben religiösen Rechtfertigungen für Kriege gab es auch immer wieder Kritiker und Friedensmahner aus den Reihen der Kirchen selbst. Die am Pfingstmontag im ZDF gesendete Dokumentation „Das Kreuz mit dem Frieden – Die Christen und der Krieg“ ging dieser Spannung vom Römischen Reich bis heute nach und zeigte die Aktualität des Themas. Denn von Kaiser Konstantin über Karl den Großen bis hin zu den Kreuzzügen, vom Dreißigjährigen Krieg über den Ersten Weltkrieg bis hin zur Friedensbewegung in der DDR – überall ist die Frage virulent, wie Christentum und Krieg, Christentum und Unterdrückung zusammenpassen.

Dabei konnte in dem 45-minütigen Film von Ingo Helm die Frage etwa nach dem gerechten Krieg, nach Krieg und Religion überhaupt, lediglich gestellt, aber – wie nicht anders zu erwarten – nicht abschließend beantwortet werden. Am ehesten gelang es noch dem Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf, das Dilemma deutlich zu machen, inwieweit Gewaltanwendung unter bestimmten Bedingungen dem Frieden dienen könne. Der Bischof von Hippo, Augustinus, wird an anderer Stelle des Films angeführt, wie er – in einer recht plakativen Spielszene – im 5. Jahrhundert mit einem seiner Schüler die Frage zu klären sucht, ob Rom besser gegen die Westgoten hätte verteidigt werden können, hätten die Christen sich nicht versteckt, sondern mit der Waffe verteidigt. Oder vereinfacht gesagt: Kann es richtig sein, zur Waffe zu greifen, um den Frieden zu sichern? Eine Fragestellung, mit der sich in Deutschland Kriegsdienstverweigerer auseinandersetzen mussten, als es noch die Gewissensprüfung gab.

Die Geschichte der Kriege ist immer auch eine Geschichte der Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Religionen. Auch wenn diese oft lediglich zum Vorwand genommen werden, so eine These des Films. Dies arbeitet Ingo Helm am Beispiel des Dreißigjährigen Krieges verständlich heraus. Tatsächlich stand das Ringen um Macht, Besitz und Einfluss hier an erster Stelle. Und die Religion wurde jeweils so gewechselt, dass sie dem entsprechenden Herrscher zum Nutzen geriet. Nicht allgemein bekannt sein dürfte in diesem Zusammenhang, dass Alkuin, zeitweise einer der engsten Berater von Kaiser Karl dem Großen, dessen Kriege gegen die Sachsen keineswegs befürwortete, sondern dringlich vor der „Taufe mit dem Schwert“ warnte – und, als er nicht gehört wurde, den kaiserlichen Hof in Aachen verließ und in ein Kloster eintrat, wie der Film darlegt.

Auch die Bewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ bediente sich zwar eines sowjetischen Signets, ging aber auf Aktivitäten der evangelischen Kirche in der DDR zurück und war Vorläufer der Demonstrationen in Leipzig, Dresden und anderswo, die zum Sturz des ostdeutschen Unterdrückungsregimes und zum Fall der Mauer führte. Eine Pointe, die Helm nicht liegenlassen konnte, war die in einer Spielszene mit zwei Volkspolizisten, die drei Jugendliche kontrollieren, denen die Polizisten dann die Aufnäher mit dem Motto „Schwerter zu Pflugscharen“ abnehmen. Die auf dem Aufnäher angegebene Quelle der Redewendung, der alttestamentliche Prophet Micha, missverstanden die Volkspolizisten so gründlich, dass der eine zum anderen sagt: „Und diesen Micha kriegen wir auch noch.“

Der Religionskritiker Michael Schmidt-Salomon provozierte im Film mit der These, ein dauerhafter Friede sei ausschließlich ohne Religion möglich. Doch das wurde nicht weiter vertieft, obwohl es angesichts der aktuellen Konflikte in und um Syrien etwa aufschlussreich hätte sein können, ob da tatsächlich Differenzen der Religionen – auch innerhalb des Islams – eine Rolle spielen oder doch in erster Linie Machtfragen. Den Schlusspunkt im Film setzte Papst Franziskus, der bei seinem Besuch Ende April vorigen Jahres in Kairo zum Dialog aufforderte: Das Friedensgebot aus der Bibel sei schließlich so aktuell wie vor 2000 Jahren.

Insgesamt war Ingo Helms Film ein aufschlussreicher Beitrag zur Thematik, obgleich – wie so oft in solchen Dokumentationen – auch hier einmal mehr die unvermeidlichen Spielszenen eher oberflächlich das Gesagte bildlich unterstützten, ohne einen eigenen Erkenntniswert zu besitzen. Und vielleicht sollte, wer als nächstes einen Film zur Materie macht, mal einen anderen Titel wählen. Im Mai 2015 zum Beispiel gab es im Dritten Programm BR Fernsehen ebenfalls einen Film dazu und dessen Titel lautete: „Das Kreuz mit dem Frieden – Die Kirchen und die Kriegseinsätze“ (vgl. MK-Kritik).

01.06.2018 – Martin Thull/MK