Jan Ricken/Roderick Warich/Felix Herzogenrath: Der Staatsfeind. 2‑teiliger Fernsehfilm (Sat 1)

Henning rennt

04.06.2018 • Rasieren wäre natürlich auch eine Option gewesen. Doch diese Möglichkeit der Tarnung hatte das Drehbuch für Robert Anger leider nicht vorgesehen. Stattdessen durfte sich der zum Staatsfeind erklärte Vollbartträger, dessen Konterfei in den Fernsehnachrichten und auf jeder Titelseite zu sehen war, lediglich eine Basecap als Tarnkappe aufsetzen. Womit er in der Öffentlichkeit natürlich überall erkannt wurde und dementsprechend häufig die Flucht antreten musste. Hatten die Macher des Sat-1-Zweiteilers „Der Staatsfeind“ womöglich die Befürchtung, dass die Fans den populären Hauptdarsteller Henning Baum („Der letzte Bulle“) rasiert nicht erkennen könnten? Wie auch immer, Anger resp. Baum, dessen Gesicht schon früh durch mehrere Kampfspuren verunstaltet war, hatte in den 180 Nettominuten dieser Produktion jedenfalls jede Menge zu laufen und zu rennen.

Die Geschichte begann wie immer, wenn Unheil droht, mit einer Idylle. Der Polizist Robert Anger und seine Frau Rebecca (Franziska Weisz) hatten Roberts besten Freund Miki (Max von Thun) und dessen Freundin Vicky (Kathrin Steinburg), eine Kollegin von Robert, zum Grillabend in den heimischen Garten geladen. Zum Ausklang des harmonischen Beisammenseins erklärte das befreundete Paar den Angers, Elternfreuden entgegenzusehen. Schwanger steigert die dramaturgische Fallhöhe. Denn am nächsten Tag stirbt Vicky in Roberts Armen bei einem Polizeieinsatz in einem Münchner Hotel gegen einen terroristischen Anschlag. Der Polizist sah, wie der Schurke, der die tödlichen Schüsse auf Vicky abgegeben hatte, in einer Limousine verschwand, in dem ein weiterer Mann auf ihn wartete.

Alsbald trat eine Frau Puttkammer (Natalia Rudziewicz) vom Landeskriminalamt mit finsterer Miene auf den Plan und vernahm Anger als Zeugen. Doch bereits Stunden später mussten Frau und Tochter daheim den Fernsehnachrichten entnehmen, dass ihr Mann bzw. Vater als Vickys Mörder und Topterrorist in Diensten einer islamistischen Organisation gesucht werde. Der große Rest des Films bestand in Robert Angers Bemühungen, einerseits seinen Verfolgern zu entkommen, die ihm offenbar nach dem Leben trachteten und andererseits zumindest die eigene Familie von seiner Unschuld zu überzeugen. Was durch die erdrückende Last fingierter Beweise nicht eben einfach war.

Dennoch hätte sich die Geschichte vom tapferen Einzelkämpfer gegen den Rest der Welt auch problemlos in einem Einzelfilm unterbringen lassen. Was Hollywood („Der Staatsfeind Nr. 1“, „Auf der Flucht“) und unlängst RTL („Das Joshua-Profil“) mit ähnlich gelagerten Plots schließlich auch geschafft haben. Aber da es hier unbedingt ein – mit großem Etat beworbener – „Event-Zweiteiler“ sein sollte, musste jener Robert Anger eben ständig in Verfolgungsjagden per pedes seine Ausdauer unter Beweis stellen und sogar auf dem spektakulären Dach des Münchner Olympiastadions herumklettern. Zumeist waren ihm dabei zwei Schurken auf den Fersen, die manchmal wild in der Gegend herumballerten, um ihn zu liquidieren, ihn aber, so sie seiner zwischendurch immer wieder mal habhaft wurden, seltsamerweise lediglich verprügelten und fesselten, bis dem Opfer ebenso regelmäßig wie vorhersehbar wieder die Flucht gelang.

Dabei gönnten Buch (Jan Ricken, Roderick Warich) und Regie (Felix Herzogenrath) den Zuschauern nahezu durchgehend einen Wissensvorsprung, indem immer wieder deutlich gemacht wurde, dass hinter dem Komplott gegen Robert Anger der Geheimdienst MAD stand, und zwar in Gestalt des skrupellosen Offiziers Stephan Mendt (mit stoisch kalter Miene: Manfred Zapatka), der über Leichen ging, um jenen V-Mann zu schützen, der Vicky erschossen hatte. Denn der Informant sollte die Nation vor einem ganz großen Terroranschlag bewahren. So wurde hier ein wenig am Verschwörungsrad gedreht, ein bisschen mit Überwachungs- und Hackertechnologie gespielt und am Ende lief doch wie einst im Wilden Westen alles auf den archaischen Zweikampf Mann gegen Mann hinaus.

Henning Baum, einmal mehr auf den Typ harter Kerl mit viel Herz reduziert, kämpfte sich dabei durch ein München, das vorwiegend aus Säulenhallen zu bestehen schien, und musste mit seinen ungemein blauen Augen immer wieder in Nahaufnahme in die Kamera schauen. Die Versuche, Prügelszenen durch den Einsatz von Superzeitlupen oder den Verzicht auf O-Töne aufzupeppen, fielen wenig überzeugend aus und die Musik (Arash Safaian) kam für diesen bescheidenen Zweiteiler durchweg zu effekthascherisch-opulent daher.

Dafür ließ dieser Zweiteiler (Produktion: H&V Entertainment) einem aber genügend Zeit, um sich über diverse Kuriositäten zu wundern. Etwa darüber, dass im Film ständig Sat-1-Nachrichten mit Newsanchor Marc Bator zu Uhrzeiten liefen, zu denen der Privatsender definitiv keine Nachrichten ausstrahlt. Dann raste im zweiten Teil ein sehr langer Güterzug durch bayerische Wiesen, den man offensichtlich per Computer aus den USA oder Kanada in die Landschaft montiert hatte. Und schließlich saß der bemitleidenswerte Robert Anger, die Hände mit Handschellen hinter dem Rücken an ein Rohr gefesselt, in einem Kellerloch und nachdem er sich auf wundersame Weise von dem Gestänge befreit hatte, betrat er durch eine Tür den Nebenraum, trug noch immer Handschellen, aber nun plötzlich vor dem Körper. Welch bisher unbekannte Fähigkeiten der Schauspieler Henning Baum auch immer haben mag, die Gelenkigkeit eines Schlangenmenschen dürfte bei seiner Statur kaum dazugehören. (Die Einschaltquoten für „Der Staatsfeind“: Teil 1: 2,08 Mio Zuschauer, Marktanteil: 7,7 Prozent; Teil 2: 2,02 Mio, 7,1 Prozent.)

04.06.2018 – Reinhard Lüke/MK
Auf zwei Teile gedehnt: Die Geschichte vom tapferen Einzelkämpfer gegen den Rest der Welt
Kurisosität im Film: Henning Baum alias Robert Anger, die Hände mit Handschellen hinter dem Rücken an ein Rohr gefesselt...
... und nachdem er sich von dem Gestänge befreit hat, kommt er durch eine Tür und trägt noch immer Handschellen, aber nun plötzlich vor dem Körper Fotos: Screenshots

Print-Ausgabe 23/2018

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