Live nach Neun. Magazin am Vormittag (ARD/WDR)

Ohne Sinn und Verstand

05.06.2018 • „Live nach Neun“, die neue ARD-Sendung zur späten Frühstückszeit, hatte am Premierentag noch gar nicht richtig begonnen, da gab’s schon die ersten Blumen. Nein, keine Vorschusslorbeeren, sondern einen Strauß roter Rosen, den „Live-nach-Neun“-Moderator Tim Schreder, jüngeren Zuschauern als seriöses Gesicht der Kindernachrichten „Logo!“ (Kika) bekannt, seiner Moderationskollegin Isabel Varell, älteren Zuschauern als Schlagerstar in Erinnerung, übergab. Die floralen Komplimente galten allerdings weniger Varell, sondern waren als Versöhnungsgeste gedacht – an jene Zuschauer, die sich verprellt fühlen könnten: Denn die ARD hat die Wiederholungen ihrer Telenovela „Rote Rosen“ im Ersten beendet und zeigt nun auf deren Sendeplatz das neue Format „Live nach Neun“, das damit zeitgleich zu der sehr ähnlich gestrickten und seit 1999 etablierten ZDF-Vormittagssendung „Volle Kanne!“ läuft.

Allein diese Überschneidung hat zu einigen Verwerfungen von geradezu medienpolitischer Dimension geführt. Beim ZDF war man nicht sonderlich erbaut über die Programmaktion der ARD. Schließlich sollen sich das Erste und das Zweite eigentlich nicht mit gleicher Programmfarbe zum selben Zeitpunkt Konkurrenz machen. Sinnvoll ist eine solche Dopplung natürlich nicht (beide Magazine werden übrigens in derselben Stadt produziert, in Düsseldorf). Auch inhaltlich sucht man beim ARD-Neuling „Live nach Neun“ vergeblich nach Sinn.

„Raus ins Leben“ ist der Claim dieser neuen, vom WDR verantworteten ARD-Sendung und prominent steht diese Devise auf einem Leuchtkasten im Studio geschrieben. Isabel Varell hat zur Premiere erklärt, was der Claim genau bedeuten soll: „Wir wollen Geschichten mit echten Menschen erzählen, die berühren, bewegen, fröhlich machen und vielleicht auch gelegentlich nachdenklich.“ Und so trifft man in den Kurzreportagen, die in „Live nach Neun“ zu sehen sind, auf Tischler aus der Pfalz, einen Fahrradrestaurator aus Füssen oder den Betreiber eines foodpornigen Cafés in Berlin – eben auf all das Material, das der reiche ARD-Reporterkosmos so hergibt und das im ebenso reichen ARD-Magazinkosmos mehrfach verwertbar ist (wie etwa die „Brisant“-Geschichte von Cindy ohne Bert).

„Raus ins Leben“ nennt sich auch ganz konkret die feste „Live-nach-Neun“-Rubrik, in der täglich zu einem ARD-Reporter irgendwo in die Provinz geschaltet wird. Warum weshalb wieso ausgerechnet in eine Erzgießerei in Brandenburg, zu einer norddeutschen Mülldeponie oder in den Gelsenkirchener Zoo? Man erfährt es nicht. Ein großes Rätsel auch, warum immer dienstags – noch so eine feste Rubrik – ein Kind ins Studio geholt wird, zumal sonst im Unterschied zu „Volle Kanne!“ keine anderen (erwachsenen) Gäste eingeladen werden. Sollen Großelternherzen vielleicht beim Anblick von Knopfaugen höherschlagen? Doch in Sendungswoche 1 und 2 waren weder Greta noch Theo, beide sechs Jahre jung und naturgemäß kamerascheu, bereit, aus ihrem Leben zu plaudern. Besonders verloren und stumm blickte Theo ins Leere, mit der Riesenquietscheente auf dem Schoß, die er zuvor von den Moderatoren geschenkt bekommen hatte. Und man wünschte ihm, dass er bloß schnell wieder raus aus dem Studio kommt, rein ins Leben.

Doch all diese Protagonisten aus „Live nach Neun“ (wozu übrigens auch die von Zuschauern eingesandten Videobotschaften zählen) rutschen in den Hintergrund, weil der Hauptspot im Aufbau der Sendung eigentlich auf die beiden Moderatoren gerichtet ist respektive auf die Dynamik, die zwischen ihnen entsteht. Anders als das ZDF bei „Volle Kanne!“, wo entweder Ingo Nommsen oder Nadine Krüger mit einem bekannten Gast frühstückt, verzichtet die ARD in ihrer Morgensendung auf Frühstück und Brötchen und Promis und setzt dafür auf gemischte Doppel. Gleich drei Gastgeber-Paare wechseln sich wochenweise ab. Sie wurden offenbar nicht unbedingt nach journalistischer Qualifikation oder Fernseherfahrung engagiert (sonst hätte es der Magier Marc Weide nicht an die Seite von Kinderfernsehikone Birgit Lechtermann geschafft), sondern nach Alter.

In ARD-Sprache übersetzt heißt das „Live-nach-Neun“-Moderatorenkonzept: „Generation Pop trifft auf Digital Natives“. Rund 30 Lebensjahre liegen bei allen Paaren dazwischen (als Dritte treten in der Sendewoche vom 28. Mai bis zum 1. Juni der Schauspieler Heinrich Schafmeister, 61, und die „Tagesschau“-Reporterin Alina Stiegler an) und das mit dem Altersunterschied ist ja per se auch nicht verkehrt gedacht – Generationenaustausch vor der Kamera verspricht eigentlich Spannung. In der Praxis kommt es hier dann aber häufig zu ziemlich unspannenden, inszenierten Dialogen wie dem, als die Endfünfzigerin Birgit Lechtermann entgeistert den 27-jährigen Marc Weide anging, warum er den Vicky-Leandros-Hit „Theo, wir fahr’n nach Lodz“ nicht kenne. Man mochte ihm diese Wissenslücke gerne nachsehen.

Weit problematischer ist, dass in „Live nach Neun“ viel zu oft ohne Sinn und Verstand einfach „drauflos gequatscht“ wird: über Goldschmuck für Zähne („Jedem Tierchen sein Pläsierchen“), die Royal Wedding in Großbritannien („Es ist doch was Schönes, aber frag nicht, warum“) oder Wolfgang Petry („Ich kenne ihn sehr gut“; alle Zitate stammen von Isabel Varell). Als Zuschauer nimmt man teil an einer Art dialogischem Stream of Consciousness und könnte sich ebenso gut ins Café setzen zu wirklich echten Menschen mit ähnlich ungeregeltem Redefluss. Im Fernsehen ist so viel Zügellosigkeit indes schon sehr gewagt bis nervig. Das weiß auch die Regie und flüstert ein ums andere Mal den Moderatoren ins Ohr, auf dass sie, wie Tim Schreder einmal, abrupt stoppen: „Wir könnten noch stundenlang über Wolfgang Petry und Neuanfänge quatschen, aber jetzt machen wir einen kurzen Strich drunter.“

Das alles findet in einem Set statt, in dem neben Zweisitzer, Couchtisch, Flokati und Blumen merkwürdigerweise auch eine Badewanne (in der nicht gebadet wird) und ein Fahrrad (mit dem kaum gefahren wird) als Requisiten rumstehen. Und wo auf einem Riesenbildschirm das Hermann-Hesse-Zitat leuchtet: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“

Der Zauber, sofern er bisher überhaupt schon mal auf „Live nach Neun“ gelegen hat, ist nach der Premiere, als noch 290.000 Zuschauer einschalteten (Marktanteil: 6,1 Prozent), flott verflogen. Angesichts der geringen Quotenzahlen von zuletzt unter 200.000 Zuschauern (4,1 Prozent) und des noch geringeren inhaltlichen Sinns dieses neuen ARD-Formats kommt einem eher diese Hesse-Zeile aus dem Gedicht „Stufen“ für das Morgenunterfangen der ARD passend vor: „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde“…

05.06.2018 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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