Jan Peter/Yury Winterberg: Geheimauftrag Pontifex – Der Vatikan im Kalten Krieg (ARD)

Dürftiger Blick hinter die Kulissen

24.12.2015 •

Über die Rolle von Papst Johannes Paul II. beim Zusammenbrechen des sogenannten Ostblocks ist viel geschrieben und gesendet worden. Dass mit seiner Wahl 1978 dieser Papst und der gesamte Vatikan verstärkt in den Fokus der Geheimdienste aus Ost und West gerieten, kann man als selbstverständlich annehmen. Stalins Frage nach den Divisionen des Papstes bedurfte keiner Antwort mehr. Karol Wojtyla, der Papst aus Polen, kämpfte mit anderen Mitteln. Die Aktivitäten der Spione rund um St. Peter aufzuschlüsseln, muss insofern ein reizvolles Thema sein. Die Filmemacher Jan Peter und Yury Winterberg („14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“, Arte/ARD) haben sich dieser Herausforderung gestellt.

Als Gemeinschaftsproduktion des federführenden Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) zusammen mit dem Bayerischen Rundfunk (BR), dem Österreichischen Rundfunk (ORF), dem deutsch-französischen Kultursender Arte und dem polnischen Sender TVP entstand so der jetzt im Ersten ausgestrahlte Dokumentarfilm „Geheimauftrag Pontifex – Der Vatikan im Kalten Krieg“ (Produktion: DOKfilm). Der groß angelegte Titel entpuppte sich allerdings während der 90 Minuten in gewisser Weise als Mogelpackung, ging es doch nicht generell um das Bemühen der Geheimdienste aus Ost und West, die Aktivitäten des Papstes aus Polen zu unterstützen oder zu stören, sondern in allererster Linie um die Aufarbeitung des Attentats auf Johannes Paul II. am 13. Mai 1981 und dessen Hintergründe.

„Auf Anregung von Andreas Englisch“, des langjährigen Springer-Korrespondenten beim Vatikan, Bestsellerautors diverser Papstbücher und gern gesehenen Gastes in Talkrunden aller Sender, haben Jan Peter und Yury Winterberg ein Puzzle erstellt, in dem ausschließlich männliche Gesprächspartner versuchen, sich selbst oder ihre Arbeit in ein möglichst positives Licht zu rücken. Neben Englisch, der ohne Punkt und Komma redet, während er seinen Wagen durch den römischen Verkehr lenkt, ist Tomasz Turowski einer der, wenn man so will, Hauptzeugen. Er wurde als Seminarist vom polnischen Geheimdienst angeworben und über verschiedene Umwege nicht nur in den Jesuitenorden eingeschleust, sondern auch über Radio Vatikan in der Nähe des katholischen Kirchenoberhauptes platziert. War Turowski eine Art Günter Guillaume in den Papstgemächern? Was hat er wohl ausspioniert? Hat er Dokumente kopiert? Gespräche belauscht? Kollegen denunziert? Immerhin erfuhr man nun, dass die Sicherheitsvorkehrungen im Vatikan unzureichend gewesen seien und Turowski einen Elefanten in die päpstlichen Gemächer hätte bringen können, ohne dass dies jemand bemerkt hätte. Na ja.

Der Film erweckte den Eindruck, dass der Vatikan seine Rolle im globalen Spionagenetzwerk erst übernahm, nachdem ein Pole zum Papst gewählt worden war. Dass US-Präsident Ronald Reagan (Amtszeit: 1981 bis 1989) ihn als Verbündeten sah, Wojtyla für den sowjetischen Staatschef Leonid Breschnew (Amtszeit: 1964 bis 1982) aber ein zu bekämpfender Feind war, war keine Überraschung. Die Gesprächspartner im Film, die vormals wichtige Funktionen im Weißen Haus oder beim amerikanischen Geheimdienst CIA einnahmen, bestätigten erwartungsgemäß diesen Eindruck. Und dass der US-Präsident Tränen in den Augen hatte, als der Papst bei seinem ersten Besuch in den USA den Boden von Reagans Heimatland küsste – ja, da hatten die beiden Autoren dessen Sicherheitsberater aber eine ungeheuer brisante Information!

Peter und Winterberg ging es aber, wie erwähnt, in erster Linie um das Attentat. In einer Art grobem Minutenprotokoll strukturierten sie dementsprechend ihren Film, der ausschließlich aus den Interviews, aus historischen Aufnahmen und Städteansichten bestand. Der Verzicht auf jegliche Spielszenen war allerdings wohltuend. Dass der Vatikan in der Ausein­andersetzung zwischen Ost und West immer schon eine wichtige Rolle spielte, ist bekannt. Die Ostpolitik des damaligen Kardinalstaatssekretärs Agostino Casaroli war nicht unumstritten, sahen manche kalte Krieger in dessen Aktivitäten doch ein Aufweichen der harten Grenzlinien. Deutsche Ostpolitiker wie Kanzler Willy Brandt und sein Minister Egon Bahr (beide SPD) sahen sich ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt.

Im Film erfuhr man dann, dass die CIA die Legende gestrickt hat, der bulgarische Geheimdienst habe den Papst-Attentäter (und mögliche Komplizen?) mit Waffen ausgestattet und die Organisation des Mordanschlags übernommen. Die CIA wählten diesen Umweg, um so dem sowjetischen Geheimdienst KGB als eigentlichem Drahtzieher die Verantwortung zuzuschieben. Plausibel erscheinende Vermutungen – doch belastbare Belege dafür hatte der Film nicht zu bieten. Schließlich kam die Vatikanbank ins Spiel, die mit der Spionage nichts zu tun hatte, aber unter Erzbischof Paul Marcinkus das Geld der Mafia gewaschen haben sollte. Und möglicherweise stecke gar kein Geheimdienst hinter dem Anschlag auf Johannes Paul II. – sondern die Mafia. Und überhaupt, Aussagen über den tatsächlichen Verlauf könne ohnehin nur der Papst-Attentäter selbst machen, der aus der Türkei stammende Ali Ağca. Oder die Akten bei CIA und KGB könnten der Wahrheit ans Licht helfen. Ağca, der nach 19 Jahren Haft auf Bitten des Papstes begnadigt worden war, hat aber in der Vergangenheit jeden und alle in unterschiedlichen Versionen als Hintermänner genannt. Und die Geheimdienste werden die Akten, so es sie gibt, sicher nicht der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen.

Für die Geschichtsschreibung bleibt unabhängig von der Wahrheit über das Attentat und dessen Hintergründe bestehen, dass dieser Papst nach seiner Genesung Kraft und Sicherheit gewonnen hat, die ihn für die politischen Gegenspieler noch unangenehmer machte als zuvor. Denn Johannes Paul II. war beseelt von dem Gedanken, dass Gott ihn habe überleben lassen, um die Sowjetunion zu be­kämpfen. Diese Thematik jedoch hätte ein anderer Film zu bearbeiten.

So bleibt das Bemerkenswerteste an diesem Dokumentarfilm, dass es dem RBB gelungen ist, zur Finanzierung dieser Produktion Unternehmens mit ihrem doch sehr dürftigen Blick hinter die vermeintlich so klandestinen Kulissen die weiteren Partner ins Boot zu holen. Dabei hätte doch etwa die Rolle des deutschen Benediktinerpaters Eugen Brammertz (1915 bis 1987) jede Menge zu enthüllenden Stoff bieten können. Schließlich sollte dieser Pater für die Stasi der DDR Informationen sammeln. Im Film wird beschrieben, dass er seine Berichte „mit James-Bond-Mentalität“ verfasst habe. Ob Brammertz als Mitarbeiter der Vatikanzeitung „L’Osservatore Romano“ tatsächlich Wichtiges liefern konnte, blieb jedoch offen. Dabei ist bekannt, dass er unter deutschen Pressevertretern in Rom um „informelle Mitarbeit“ warb. Aber dieses Thema wurde in dem Film (1,28 Mio Zuschauer, Marktanteil: 8,2 Prozent) nicht weiter vertieft. Stattdessen zeigte der Abt der Abtei St. Matthias in Trier das Fenster, hinter dem der Ordensbruder Eugen die letzten zehn Jahre seines Lebens zurückgezogen zubrachte.

24.12.2015 – Martin Thull/MK