Timo Großpietsch: Stadt (NDR Fernsehen)

Ambitionierte Hommage an Ruttmann

22.01.2016 •

Ein Zug nähert sich der Stadt. Und mit ihm die Kamera, die das schnelle Vorbeifliegen der Bäume festhält. Dem Betrachter vermittelt sich das Gefühl schwindelerregender Geschwindigkeit. 1927, als mit dieser Einstellung Walter Ruttmanns experimenteller Dokumentarfilm „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ begann, vermochte ein solcher Bilderfluss außergewöhnlich zu faszinieren. Knapp hundert Jahre später verbeugt Timo Großpietsch sich nun vor Ruttmann. Wenn in Großpietschs Film „Stadt“ die Kamera im Triebkopf eines Zuges auf Hamburg zusteuert, dann wirken die Bilder heute allerdings ziemlich vertraut. Aus diesem Grund nähert der Film sich der hanseatischen Metropole nicht nur mit der Eisenbahn, sondern auch mit dem Flugzeug an. Aus der Luft ist der Hafen zu sehen, ein weiterer Verkehrsknotenpunkt.

Wie schon bei Ruttmann werden heterogene Motive aus dem städtischen Leben in kurzen Sequenzen beobachtet und zu einem patchworkartigen Szenenteppich verwoben. Ein Arbeitstag zwischen Sonnenaufgang und später Nacht bildet den dramaturgischen Bogen des Films. Zu sehen sind faszinierende Bilder aus der Sicht eines Kranführers. Der Fußboden seines Führerhäuschens besteht ganz aus Glas. So scheint der Mann hoch oben über den Containern zu schweben. Schnitt. Eine bewegliche Handkamera folgt zwei Polizisten bei ihrem Einsatz. Ein Bettler torkelt betrunken durch die Dämmerung. Kurz und mitleidlos werden diese zusammenhanglosen Momente registriert.

Allmählich steigert sich die Hektik. Das Stimmengewirr im Callcenter mutet an wie die Geräusche eines Bienenstocks. Die Taktfrequenz des Arbeitstages erhöht sich. Menschliche Arbeit wird, so scheint es zumindest, mit maschineller Gleichförmigkeit verrichtet. Transportroboter fahren auf kleinen Gummirädern menschenleere Gänge entlang. Selbst so etwas Amorphes wie Handcreme wird völlig ohne menschliches Zutun in gigantischen Bottichen verquirlt und ohne das Eingreifen von Arbeitern in kleine Dosen abgefüllt. Der schönste – und zugleich düsterste – Moment des Films zeigt, wie in einem Krematorium auch die Särge der Verstorbenen vollautomatisch in den Verbrennungsofen wandern. Nichts für depressiv vorbelastete Zuschauer.

Gemäß Ruttmanns methodischem Vorbild verschmelzen auch in Timo Großpietschs Filmprojekt für sich genommen völlig unzusammenhängende Motive zu einem kaleidoskopartigen Ornament der Großstadt. Im Vordergrund steht dabei nicht die Analyse, sondern das assoziative Gesamtbild. Eine Synergie der disparaten Bilder entsteht durch die unterlegte Filmmusik. Wie Thomas Schadt, der in seiner Ruttmann-Hommage „Berlin: Sinfonie einer Großstadt“ (2002) auf die eigens für den Film komponierte Musik von Iris ter Schiphorst und Helmut Oehring zurückgreifen konnte, hat auch Timo Großpietsch eine interessante Neukomposition des polnischen Jazz-Pianisten Vladyslav Sendecki zur Verfügung, die von der renommierten NDR Bigband eingespielt wurde. Sendeckis Musik, eine Mischung aus elektronischen Klängen und akustischem Jazz, bietet dann und wann lautmalerische Kommentare. So werden die Bilder eines probenden Sinfonieorchesters mit quietschenden Elektroniktönen und ein Eishockeyspiel mit warmen Klavierklängen konterkariert.

Das alles wirkt gediegen und mit einer gewissen Sorgfalt arrangiert. Allein, der Funke springt nicht bei allen Szenen über. Im Gegensatz zu Thomas Schadts Ruttmann-Hommage haben Großpietschs filmische Beobachtungen nicht immer so etwas wie eine Pointe. Die miteinander montierten Szenen vermitteln den Eindruck, als hätte man das Material einer konventionellen Reportage entnommen. Die Routine des Berichterstattens wird nicht immer aufgebrochen. Zwischen den einzelnen Szenen entsteht manchmal zu wenig assoziative Korrespondenz.

Im direkten Vergleich zum Film „Ruhr Record“ (Arte/WDR; vgl. MK-Kritik) von Rainer Komers, einem Dokumentaristen, der Ruttmanns Konzept auf eine andere Weise weiterentwickelte, wirkt „Stadt“ phasenweise etwas statisch und uninspiriert. Das ist schade, denn Experimente dieser Art werden leider immer seltener und sind deshalb grundsätzlich zu begrüßen. Trotzdem muss man anmerken, dass Großpietschs Versuch alles in allem etwas wenig Substanz hat. Den Bildern fehlt zuweilen die sinnliche Qualität, dem relativ gleichförmigen Film insgesamt der Rhythmuswechsel. „Stadt“ ist dennoch ein sehenswertes ambitioniertes Experiment, wirkt aber nicht überraschend genug, um über die Länge von 90 Minuten durchweg zu überzeugen.

22.01.2016 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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