Dietrich Brüggemannn/Daniel Bickermann: Tatort – Stau (ARD/SWR)

Rasanter Stillstand

22.09.2017 •

22.09.2017 • Unter einem Weinsteig stellt man sich doch eigentlich so etwas wie einen lauschigen Wander­weg zwischen Rebstöcken vor. Jedenfalls keine mehrspurige Hauptverkehrsstraße. Aber genau das ist die Neue Weinsteige in Stuttgart. Und wie das in Großstädten nun einmal so ist, kommt dort werktags zur Rush Hour der Verkehr regelmäßig zum Erliegen. Das heißt, Menschen sitzen in ihrem noch immer bevorzugten Fortbewegungsmittel, kommen aber nicht vom Fleck. Da wird der einstige ADAC-Slogan gegen ein Tempolimit („Freie Fahrt für freie Bürger“) zur Farce und die Nerven liegen blank.

Diese psychologisch reizvolle Situation haben schon mehrere Regisseure ausgelotet. Die Bandbreite der Genres reicht dabei von Jacques Tatis heiterer Komödie „Trafic“ (1971) bis zu rabenschwarzen Grotesken wie Jean-Luc Godards „Weekend“ (1967) oder „Der große Stau“ (1979) von Luigi Comencini. Aber ein Krimi, bei dem die Fahnder einen Mörder ausschließlich im ruhenden Verkehr suchen (müssen), war auch in der mittlerweile fast 50-jährigen Geschichte der in letzter Zeit überaus experimentierfreudigen „Tatort“-Reihe noch nicht dabei.

Der Plot der vom SWR produzierten Folge mit dem Titel „Stau“ war so schlicht wie genial erdacht. In einer Wohnsiedlung wird ein pubertierendes Mädchen von einem Auto angefahren und tödlich verletzt. Der Fahrer oder die Fahrerin ist, ohne anzuhalten, vom Tatort geflüchtet. Da die Einbahnstraße auf die Neue Weinsteige mündet, muss das Tatfahrzeug dort in jenem Stau stehen, der an diesem Abend besonders zäh ausfällt. Wegen einer Unterspülung infolge eines Wasserrohrbruchs geht vorübergehend nichts mehr. Vollsperrung. Doch an der Unglücksstelle wird fieberhaft gearbeitet. In gut einer Stunde soll die Straße wieder freigegeben werden.

Das heißt, die beiden Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) – die hier in ihrem 20. Fall ermitteln – haben auch nur diese 60 Minuten, um das Verbrechen aufzuklären. Und da Lannert knapp eine halbe Stunde braucht, um vom Tatort zu Fuß zum Stau zu gelangen, finden die Ermittlungen unter extremem Zeitdruck quasi in Echtzeit statt. Und dann muss Lannert vor Ort auch noch auf die gängigen Hilfsmittel verzichten. Da die Spurensicherung selbst im Stau steckt, gibt es keine Indizien in Form von möglichen Faserspuren, die sich an den mehreren hundert Fahrzeugen auf die Schnelle untersuchen ließen. Derweil versucht Bootz, dem einzigen Zeugen der Tat nähere Einzelheiten zum Hergang des Geschehens zu entlocken. Doch der ist gerade einmal drei Jahre alt und hat zudem eine blühende Phantasie.

Im Wechselspiel zwischen diesen beiden Schauplätzen – Tatort und Stau – entwickelt Regisseur und Autor Dietrich Brüggemann (Koautor: Daniel Bickermann) ein überaus faszinierendes Kammerspiel. Wo Lannert bei seinen Ermittlungen im Stau mehr oder minder wahllos an Seitenscheiben klopft und um Einlass bittet, trifft er auf ein skurriles Pan­optikum von Charakteren und Befindlichkeiten. Ein streitendes Ehepaar, das durch den Stau den Termin beim Paartherapeuten verpasst, aber erkennbar werden lässt, dass der auch nicht mehr helfen kann. Einen grantelnden Pensionär, der mit seinem Vermieter im Clinch liegt. Einen frustrierten Angestellten, der nach Feierabend für seinen Arbeitgeber noch eine Botentour erledigen soll. Einen Chauffeur, der von seiner blasierten Chefin im Fond genervt ist. Einen schleimigen Anwalt, der seinen Sohn aus dem Kindergarten abgeholt hat. Eine Mutter, die sich in ihrem dicken SUV hilflos von ihrer pubertierenden Tochter terrorisieren lässt. Menschen, die allesamt als Täter infrage kommen.

Damit es nicht zu eintönig wird, muss Lannert vorübergehend die Theorie der schlichten Fahrerflucht über den Haufen werfen, als der Gerichtsmediziner in einer unkonventionellen Untersuchung am Tatort feststellt, dass die Tote kurz vor dem Unfall Geschlechtsverkehr hatte. Also womöglich kein schlichter Verkehrsunfall mit Fahrerflucht, sondern ein Sexualdelikt? Doch auch diese Spur erweist sich bald als Sackgasse. So muss Lannert den Fall hier mangels der üblichen kriminalistischen Rahmenbedingungen, kurz bevor sich der Stau auflöst, quasi per Intuition lösen.

Doch dieses Manko an Stringenz und Hochspannung fiel hier kaum ins Gewicht, weil dieser außergewöhnliche Krimi (9,39 Mio Zuschauer, Marktanteil: 27,1 Prozent) diesen kleinen Mangel durch wunderbare humoristische Einlagen und die raffinierte Versuchsanordnung locker wettmachte. Schon die Idee, die einzelnen Figuren durch die Musik, die sie gerade im Autoradio hörten, zu skizzieren, fügte sich hier wunderbar in das Geschehen. Und solch ein herrliches, absurd-fulminates Intro wie den genervt-nervigen Redeschwall der Erzieherin im Ringelpulli hat beileibe auch nicht jeder „Tatort“ zu bieten. Und dass für den Dreh die Neue Weinsteige mit all den stehenden Autos in einer Freiburger Messehalle nachgebaut wurde und das im Abendlicht flimmernde Stuttgart im Hintergrund über riesige Bluescreens zum Leben erweckt wurde, zeugte zudem vom inzwischen technisch Machbaren im deutschen Fernsehfilm.

22.09.2017 – Reinhard Lüke/MK