Der Fall des Sepp Blatter: Eine Drama-Serie aus der Welt des Fußballs (und des Fernsehens)

12.06.2015 •

Nach zwei spannenden Wochen mit sich überstürzenden Ereignissen beruhigte sich am 6. Juni die Welt des (Fernsehsports) Fußball ein wenig. Das vom ZDF und von Sky an diesem Tag live aus Berlin übertragene Champions-League-Endspiel zwischen dem FC Barcelona und Juventus Turin, das die Katalanen nach starkem Spiel verdient mit 3:1 gewannen, ging wie immer über die Bühne. Auch der Start der Fußball-WM der Frauen in Kanada begann am nächsten Tag so, als wenn nichts gewesen wäre (die Spiele werden von ARD und ZDF und von Eurosport übertragen). Bei beiden Veranstaltungen fehlte nur ein Mann, ohne den solche Ereignisse seit Jahrzehnten nicht denkbar gewesen wären: Sepp Blatter. Dass der Präsident des Weltfußballverbands FIFA weder in Berlin auftauchte, wo er normalerweise Ehrengast gewesen wäre, noch in Kanada, wo er als Veranstalter amtiert hätte, war das Ergebnis jener Ereignisse, die den Weltfußball und die FIFA erschüttert hatten.

Begonnen hatte es mit einer Aktion der Schweizer Polizei, die am 27. Mai um 6.00 Uhr am Morgen sieben führende FIFA-Funktionäre verhaftete, die zum Weltkongress des Verbandes nach Zürich angereist waren. Ihnen wird von der New Yorker Staatsanwaltschaft Betrug und Bestechlichkeit in einer Gesamthöhe von 150 Mio Dollar vorgeworfen. Das Geld soll im Zusammenhang mit der Vergabe der Fußball-WM-Turniere an Russland (2018) und Katar (2022) geflossen sein. Allerdings werden auch noch Vorgänge bei der Vergabe der WM 2010 an Südafrika untersucht. Unter den Verhafteten befanden sich mit zwei FIFA-Vizepräsidenten Personen aus der unmittelbaren Umgebung von Sepp Blatter, der auf dem anstehenden Kongress des Weltfußballverbands ein weiteres Mal für das Spitzenamt kandidierte, obgleich er mittlerweile schon 79 Jahre alt ist und bei der letzten Wahl jede erneute Kandidatur in Abrede gestellt hatte.

Am späteren Vormittag desselben Tages veranstaltete die FIFA eine spontan einberufene Pressekonferenz, die man in Deutschland beim Pay-TV-Sender Sky Sport News live miterleben konnte. Dabei gab sich Walter De Gregorio, seines Zeichens Mediendirektor der FIFA, alle Mühe, knapp eine Stunde lang nichts zu sagen und möglichst noch weniger zu verraten. Hinsichtlich der Verhaftungen erklärte De Gregorio, ohne rot zu werden, lediglich: „Der Präsident ist nicht involviert. Natürlich ist er der Kopf der FIFA. Aber er ist nicht involviert.“ An der Wiederholung des Satzes, dass Blatter nicht involviert sei, konnte man erkennen, was hier gleichsam beschrien werden sollte. Doch die Journalisten blieben hartnäckig. Auf Nachfrage beschrieb De Gregorio wenigstens die Gefühlslage von Sepp Blatter: „Der Präsident tanzt nicht in seinem Büro. Aber er ist entspannt, weil es eine Bestätigung ist, dass er nicht beschuldigt ist. Aber er ist kein glücklicher Mann heute.“ Auch hier wurde die Wahrheit nur ungeschickt verborgen: Blatter war nur deshalb entspannt, weil er nicht beschuldigt wurde. Er war nicht entspannt, weil er unschuldig wäre. Dass er nicht beschuldigt wurde, bestätigte ihn in der Absicht, weiter zu kandidieren.

Die TV-Rechte für die WM

Die ARD griff (wie auch andere Sender) am selben Abend das Thema im Ersten um 20.15 Uhr in einem zehnminütigen „Brennpunkt“ auf. Und sie wiederholte aus aktuellem Anlass die Dokumentation „Der verkaufte Fußball – Sepp Blatter und die Macht der FIFA“, einen Film von Robert Kempe und Jochen Leufgens, der bereits am 4. Mai gezeigt worden war (in der Reihe „Die Story im Ersten“). Bei allen Verdiensten insbesondere der Recherchen dieses Beitrags, der das absonderliche und hochherrschaftliche Verhalten der FIFA-Riege um Blatter offenlegte, hat er mindestens einen blinden Fleck. Denn auch die Vergabe der WM, die 2006 in Deutschland stattfand, ist von Korruptionszweifeln umwölkt. Und daran ist Sepp Blatter nachweislich unschuldig.

Er hatte sich frühzeitig auf den deutschen Konkurrenten Südafrika festgelegt und hatte dafür in vielerlei Form wacker Propaganda betrieben. Es sah lange gut für Blatter und Südafrika aus, doch dann muss irgendjemand einen der Funktionäre, die von Blatter auf Südafrika eingeschworen worden waren, im Wortsinne umgestimmt haben. Der Delegierte vom FIFA-Kontinentalverband Ozeanien, der für Südafrika stimmen sollte, verließ vor der Abstimmung den Saal. Damit hatte Deutschland auf einmal eine Stimme mehr als Süd­afrika und Blatter das Nachsehen. Bei Stimmengleichheit nämlich hätte das Votum des FIFA-Präsidenten, also von Sepp Blatter, den Ausschlag gegeben. Wer damals den Delegierten von Ozeanien mit welchen Mitteln nahegelegt hatte, den Saal zu verlassen, ist bis heute ungeklärt. Neben den üblichen Verdächtigen könnte daran jener Mann mitgewirkt haben, der die Fernsehrechte für diese WM erworben hatte und der dann mit dem Austragungsort Deutschland wesentlich mehr Gewinn erzielte als mit Südafrika: Leo Kirch. Er ist wie der Delegierte aus Ozeanien inzwischen verstorben.

Nach zwei Tagen schien es so, als hätte De Gregorios Ablenkungsmanöver gewirkt. Die FIFA-Delegierten wählen Blatter tatsächlich erneut zum Präsidenten. Es schien also in der FIFA alles wieder seinen gewohnten Gang zu gehen. Wäre da nicht die Staatsanwaltschaft aus den USA, die weiter Druck machte. So wurden weitere Details aus der FIFA bekannt. Das nutzte in der Talkshow von Günther Jauch am 31. Mai (Thema: „Der FIFA-Sumpf – Wie schmutzig ist unser Fußball?“) der WDR-Sportredakteur Florian Bauer, der sich seit Jahren mit den Machenschaften der FIFA beschäftigt, zu einer kritischen Frage. Er richtete sie an den FIFA-Angestellten Alexander Koch, den De Gregorio statt seiner in Jauchs Runde geschickt hatte.

Live übertragene Pressekonferenzen

Bauers Frage bezog sich auf eine Zahlung des südafrikanischen Fußballverbandes SAFA in Höhe von 10 Mio Euro, die einst zuerst an die FIFA überwiesen und von ihr an deren nord- und mittelamerikanischen Kontinentalverband Concacaf weitergeleitet worden war. Diese „Sonderzahlung“ hatte ein führender südafrikanischer Fußballfunktionär einige Tage zuvor eingestanden. Die US-Staatsanwaltschaft hatte starke Hinweise darauf, dass das Geld unter Concacaf-Funktionären verteilt wurde – als Entgelt dafür, dass sie für Südafrika als Veranstalter der WM 2010 gestimmt hatten. Unter den in Zürich Verhafteten befand sich auch Jeffrey Webb, seit zwei Jahren Chef der Concacaf. Und gegen Webbs Amtsvorgänger Jack Warner hatten die US-Staatsanwälte ebenfalls Anklage erhoben.

Florian Bauer fragte nun bei Jauch den FIFA-Vertreter, wer denn diese Überweisung von der FIFA an die Concacaf veranlasst habe. Erst redete Alexander Koch sich mit dem Hinweis heraus, das wisse man noch nicht. Bauer wies darauf hin, dass die Öffentlichkeit seit Tagen von der Überweisung Kenntnis besitze und es deshalb der FIFA doch möglich gewesen sein müsse, innerhalb von drei oder vier Tagen zu eruieren, wer die entscheidende Unterschrift auf dem Überweisungsformular getätigt habe. Nun zündete Koch eine weitere Nebelkerze, indem er vollkommen ernst erklärte, es handele sich um ein laufendes Verfahren, weshalb er dazu nichts sagen dürfe. Erst wusste er nix, dann durfte er nix sagen.

Zwei Tage später, am 2. Juni, gab dann Sepp Blatter auf einer überraschend anberaumten Pressekonferenz, die Sky Sport News wieder live übertrug, am frühen Abend bekannt, dass er von dem Amt, in dem er gerade für weitere vier Jahre bestätigt worden war, zurücktreten werde. Der Grund, den er nicht nannte, wurde am nächsten Tag bekannt. Die 10-Mio-Überweisung an die Concacaf soll Blatters Generalsekretär Jérôme Valcke getätigt haben, der zu den engsten Vertrauten des FIFA-Chefs zählt. Dass Valcke eine solche Summe weiterreicht, ohne Blatter darüber informiert zu haben, ist kaum vorstellbar. Damit rückte für die US-Ermittler auch Blatter selbst in den Mittelpunkt ihres Interesses. Und also versuchte der sich aus der Schusslinie zu bringen. Zu dieser neuen Defensivstrategie passte sein Verzicht auf die Reisen nach Berlin und Kanada. Von dort hätte er bei Vorliegen eines juristisch gut begründeten Antrags der US-Staatsanwaltschaft an die USA ausgeliefert werden können.

Ethik und Eigeninteressen

Bei aller berechtigten Kritik an Blatter und an dem Korruptionssystem, das er zumindest nicht verhinderte, soll die Fixierung auf ihn von anderen Problemen ablenken. In der Debatte um die Mängel bei der FIFA verfolgen viele der Beteiligten unter Anrufung von Moral und Ethik ausschließlich Eigeninteressen. Sie alle sind dafür bereit, über Korruption, Betrug, unzumutbare Arbeitszustände (beim Bau der Fußball-WM-Stadien in Katar) und über politische Verhältnisse (in den Veranstalterländern) hinwegzusehen, wenn man dabei nur nicht erwischt wird. Und der Unmut, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ebenso viele Stimmen in der FIFA habe wie etwa der Verband von Papua-Neuguinea – nämlich eine –, ist von Rassismus nicht ungetrübt. Die heftigsten Kritiker von Sepp Blatter etwa im europäischen Fußballverband UEFA stehen wie dessen Chef Michel Platini im Verdacht, auch deshalb für die Vergabe der WM an Russland und Katar gestimmt zu haben, weil sie selbst oder Verwandte davon profitierten. Ein ähnlicher Verdacht liegt auf der deutschen Fußball-Lichtgestalt Franz Beckenbauer, der als Experte für Sky arbeitet und für die „Bild“-Zeitung unter seinem Namen schreiben lässt. Kritische Fragen hat er von den Journalisten des Pay-TV-Senders und des Boulevardblattes nicht zu erwarten.

Und so kritisieren viele in Deutschland FIFA-Chef Blatter vor allem deshalb, weil sie über Beckenbauer nicht sprechen wollen. Sie kritisieren zu Recht die Vergabe der WM an Katar, schweigen aber weitgehend über die engen Bindungen etwa des FC Bayern München zu demselben Staat, wo der führende Bundesliga-Klub gerne mal zu hohen Gagen oder zu Werbezwecken für Volkswagen antritt. Und nicht nur das: 2013 war Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge vom Zoll am Münchner Flughafen beim Versuch erwischt worden, zwei teure Uhren ins Land zu schmuggeln. Er erklärte, die beiden je 100.000 Euro teuren Chronometer seien ihm von einem Gastgeber des Landes geschenkt worden, aus dem er gerade zurückgekehrt war: Katar. Sepp Blatter wurde bei so etwas jedenfalls noch nicht erwischt.

12.06.2015 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 24/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren