Conni Lubek/Philipp Leinemann: Tempel. 6‑teilige Serie (ZDFneo)

Beinahe ein großer Wurf

29.11.2016 •

29.11.2016 • Mit eigenen Sitcoms und Tragikomödien, neudeutsch Dramedys, ist der Spartenkanal ZDFneo, teils unter dem Beifall der Kritik, bereits hervorgetreten. Mit „Tempel“ wurde nun erstmals eine Serie hergestellt, die zwischen Krimi und Drama rangiert. Heike Hempel, ZDF-Hauptredaktionsleiterin ‘Fernsehfilm/Serie II’, spricht im Pressematerial zu „Tempel“ sogar von einer „Familienserie“.

Die Produktion umfasst sechs halbstündige Episoden, ist aber kein abgeschlossener Sechsteiler, sondern birgt die Option zur – potenziell endlosen – Fortsetzung, das zentrale Merkmal serieller Melodramen, die gemeinhin Soap Operas geheißen werden. Wobei immer wieder betont werden muss, dass die Daytime Soaps der Vorabendprogramme nur eine Spielart der Soap Opera darstellen, nicht aber mit diesem Genre identisch sind.

Die halbstündige Formatierung von „Tempel“ (Produktion: Polyphon) kommt insbesondere auch der Rezeption der Mediatheken-Nutzer entgegen, vor allem jenen, die ihre Serie mobil im ‘Kurzstreckenmodus’ konsumieren. Drehbuchautorin Conni Lubek und Regisseur Philipp Leinemann erliegen dabei nicht der Versuchung, der Kürze der Episoden wegen das Tempo anzuziehen, sie zu überfrachten oder Redundanzen einzubauen. Die Folgen sind dicht und packend erzählt, werden aber nie hektisch. Wenn im Leben der Protagonisten einmal Ruhe einkehrt, dann zeigt sich das auch in der filmischen Erzählung. Eine ausgewogene und damit gelungene Dramaturgie. Passend zumal, da ZDFneo die Serie stets in Doppelfolgen ausstrahlt – im linearen Fernsehen also realiter in 60-minütiger Portionierung.

Ihren Namen bezieht die Serie von ihrem Protagonisten und dessen Familie. Mark Tempel (Ken Duken) ist Krankenpfleger in Berlin, verheiratet mit der nach einem Unfall auf den Rollstuhl angewiesenen Sandra (Chiara Schoras) und Vater einer bald volljährigen Tochter namens Juni (Michelle Barthel). Die Tempels wohnen günstig in einem Altbau im Kiez. Das Geld ist eher knapp, Mark bemüht sich dennoch, seiner musikalisch begabten Tochter das Geigenstudium zu ermöglichen.

Nicht nur das Wohnhaus der Tempels ist in den Fokus von Immobilienspekulanten geraten. Mit teils brutalen Methoden werden die alten Häuser ‘entmietet’. Einer von Marks Patientinnen, einer bettlägrigen alten Dame, wird kurzerhand das Fenster zugemauert. Schlimmer noch trifft es Sandra und Juni Tempel: Gedungene Vandalen dringen in die Wohnung ein, verwüsten vor den Augen der beiden die Einrichtung und zerschlagen Junis teure Violine.

Angesichts dieser Ereignisse und beeinflusst auch von der notorischen Geldnot nimmt der Ex-Boxer Mark wieder Kontakt zu seinem Ziehvater Jakob (Thomas Thieme) auf, einer Halbweltgröße, die einen Boxclub und ein Bordell unterhält und noch anderen trüben Geschäften nachgeht. Jakob hat einen leiblichen Sohn, aber der ist unreif, wenn nicht debil. Der gesundheitlich angeschlagene Kiezpate Jakob sähe gern, wenn Mark sein Nachfolger würde.

Zuerst absolviert Mark nur einen Boxkampf für Jakob, um das Geld für eine neue Geige zu verdienen. Jakobs Manipulationen, aber auch die Umstände sorgen dafür, dass Mark Schritt um Schritt wieder zurückrutscht in das halbseidene Milieu. Damit bricht er ein Sandra gegebenes Versprechen und löst eine Ehe-, dann auch Familienkrise aus. Derweil gehen im Haus die Willkürmaßnahmen gegen alteingesessene Mieter weiter; im Hintergrund agieren Gangster, Unternehmer und Politiker Hand in Hand. Gemeinsam mit einer sterbewilligen Patientin, Frau Lada (Hiltrud Hauschke), heckt Mark einen Plan aus, wie den Vertreibungen Einhalt geboten werden könnte.

„Tempel“ ist eine erfreuliche Erscheinung im deutschen Fernsehprogramm. Hier gibt es keinen Serienkillerhumbug, der dann auch noch, wie es in jüngster Zeit immer wieder geschieht, als Qualitätsserie verkauft wird. Vielmehr ist die Geschichte in der Gegenwart und in der Realität verankert, die Charaktere haben Tiefe und sind glaubhaft, die Dialoge in ihrer Ruppigkeit wie aus dem Leben gegriffen, die Machart insgesamt ist überdurchschnittlich.

Zum großen Wurf reicht es dann aber doch nicht ganz. Autorin Conni Lubek bleibt insofern der Konvention verhaftet, als sie die Sympathie der Zuschauerschaft eindeutig lenkt, Gut und Böse unmissverständlich trennt. Mehr Ambivalenz wäre der Serie gut bekommen. Im Ansatz ist sie vorhanden, leider aber auch in Form mancher klischeenaher Figuren: der Kiezpate mit goldenem Herzen, die Nutte mit goldenem Herzen… Da gleicht die Serie stellenweise mehr dem stilisierten Kiezkitsch eines Dieter Wedel („Der König von St. Pauli“, Sat 1) als den grimmigen Milieustudien, wie sie beispielsweise britischen und US-amerikanischen Serien-Schaffenden des öfteren gelingen und auch lange vor den „Sopranos“ schon gelungen sind.

Einen wohltuenden Unterschied gibt es hingegen zu manchen skandinavischen Serien: „Tempel“ ist nicht resignativ, ergibt sich nicht in Mankell-Manier einer behaupteten und dann durch blutrünstige Schilderungen opportunistisch ausgebeuteten Brutalisierung der Gesellschaft, sondern hat einen erfreulich widerständigen Unterton, ohne dabei in allzu idealistischen Übermut auszuarten.

Es geht hier also bei ZDFneo einen Schritt voran in der deutschen Serien-Produktion: keine Adaption wie „Club der roten Bänder“ (Vox), keine irrelevante Ansammlung hergebrachter Versatzstücke aus dem Gruselkabinett wie bei „Weinberg“ (TNT Serie), bei weitem plausibler als „Deutschland 83“ (RTL). Und spannend genug, um auf eine Fortsetzung zu hoffen.

29.11.2016 – Harald Keller/MK