Arne Nolting/Jan-Martin Scharf/Richard Huber/Felix Binder/Andreas Menck/Sabine Bernardi: Club der roten Bänder. 10‑teilige Serie (Vox)

Gelungene Adaption

01.12.2015 •

Der kommerzielle Sender Vox hat nach dem Kleinformat „Einfach unzertrennlich“ – die Comedy-Serie lief im Herbst vorigen Jahres (vgl. FK-Heft Nr. 45/14), wurde aber vorzeitig abgesetzt – nun im 22. Jahr seines Bestehens erstmals eine große fiktionale Serie in Auftrag gegeben. Was lediglich eine Randnotiz wäre, hätte das „Club der roten Bänder“ nicht von Beginn an bei (vornehmlich jüngeren) Zuschauern wie auch bei der Kritik gleichermaßen Anklang gefunden. Und das ist umso bemerkenswerter, als es sich hier lediglich um eine weitere Variation des Steinzeit-Genres Krankenhausserie handelt, aus dem sich nach landläufiger Überzeugung heutzutage kaum noch kreative Funken schlagen lassen. Noch erstaunlicher: Der Stoff ist eigentlich kaum dazu angetan, zur besten Sendezeit Zuschauer vor den Bildschirm zu locken, die sich in erster Linie unterhalten lassen möchten.

Die Serie spielt in einem deutschen Hospital, in dem sechs schwerkranke Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren zueinander finden. Der krebskranke Jonas, dem ein Bein amputiert werden muss, trifft auf den gleichaltrigen Leo, der diese Operation bereits hinter sich hat. Demgegenüber plagt sich Emma ‘nur’ mit Bulimie und wird deshalb von den Jungs hin und wieder gehänselt. An Hugo, dem Küken der Gruppe, gehen solche Neckereien gänzlich vorbei. Er liegt nach einem missratenen Sprung vom Zehn-Meter-Turm im Freibad seit zwei Jahren im Koma. Im Lauf der ersten Folgen werden dann noch Alex (mit einer lebensbedrohlichen Herzinsuffizienz) und Toni eingeliefert, der sich bei einem Moped-Unfall beide Beine gebrochen hat. Wenn alles nach Plan läuft, dürfte er die Klinik bald wieder verlassen können. Gäbe es da nicht das Problem, dass er unter dem Asperger-Syndrom, einer Form von Autismus, leidet und bei seinem geliebten Großvater lebt. Weil der aber schon über 80 ist, steht bald nach Tonis Unfall das Jugendamt auf der Matte und droht, dem Rentner das Sorgerecht für seinen Enkel zu entziehen.

Anders als in gängigen Formaten des Genres, in denen den Patienten in der Regel allenfalls einer von drei oder vier Handlungssträngen vorbehalten ist, spielen hier Ärzte und Pfleger eine gänzlich untergeordnete Rolle. Auch Eltern und Freunde der jugendlichen Kranken tauchen nur am Rande auf, um deren jeweilige (Familien-)Geschichte zu skizzieren. Etwa Hugos Mutter, die sich noch immer Vorwürfe macht, ihren Sohn nicht von dem waghalsigen Sprung abgehalten zu haben. Oder Alex’ gestresster Vater, der nur selten zu Besuch kommt, dann aber regelmäßig einen Mordswirbel veranstaltet und das gesamte Krankenhaus-Personal der Inkompetenz bezichtigt.

Da die jungen Patienten die Erfahrung machen, dass die Verständigung mit Menschen, die nicht in ihrer Lage sind, nur bruchstückhaft funktioniert, schließen sie sich zum „Club der roten Bänder“ zusammen. Der Name ergibt sich daraus, dass in dem Krankenhaus Patienten nach jeder Operation ein rotes Plastikarmband erhalten. Da Leo schon mehrere davon hat, gibt er den anderen Club-Mitgliedern welche ab. Und natürlich ist der Titel der Serie dem Coming-of-age-Kinoerfolg „Der Club der toten Dichter“ (USA 1989) entlehnt.

Das Erstaunlichste an dieser von der Kölner Firma Bantry Bay Productions realisierten Vox-Serie ist, dass sie, obwohl sämtliche Hauptfiguren mit schweren Schicksalsschlägen fertig werden müssen, großen Unterhaltungswert hat. Das hat mit den differenziert gezeichneten Charakteren, originellen Handlungssträngen (etwa eine nächtliche Expedition ins Kellerlabyrinth des Hospitals) und vor allem mit pointierten Dialogen zu tun. Wenn Emma mal wieder von Leo oder Jonas wegen ihrer Bulimie gehänselt wird, gibt sie kess zurück: „Immerhin kann ich euch noch in den Arsch treten.“ Auf der anderen Seite verstellen Coolness und Galgenhumor nicht die Tristesse und Tragik ihrer Situation. Wenn Leo wieder eine Chemotherapie bekommt oder bei Alex angesichts einer niederschmetternden Diagnose seine nervige Arroganz in nackte Angst umschlägt, sind das Momente, in denen nichts beschönigt wird. Das ist emotional und geht ans Gemüt, aber nicht auf die Tränendrüsen.

Diese in hellen Farben gehaltene Dramedy weist ein überaus gelungenes Mischungsverhältnis zwischen Drama und Komödie auf, das man beispielsweise in den sogenannten Schmunzelkrimis im Vorabendprogramm der ARD seit Jahren vergebens sucht. Überzeugend nehmen sich in „Club der roten Bänder“ auch die Leistungen der von den Regisseuren (Richard Huber, Felix Binder, Andreas Menck, Sabine Bernardi) bestens geführten Nachwuchs- bzw. Laiendarsteller aus. Tim Oliver Schultz (Leo), Damian Hardung (Jonas), Luise Befort (Emma), Timur Bartels (Alex), Ivo Kortlang (Toni) und Nick Julius Schick (Hugo) machen ihre Sache durchweg gut. Wobei Nick Julius Schick, bis auf ein paar Erinnerungs- und Traumsequenzen, als Koma-Patient fraglos nicht sonderlich gefordert wird.

Die Einschaltquoten fielen für Vox von Beginn an höchst erfreulich aus. Bereits die erste Folge („Das Schwimmbad“) kam auf 2,36 Mio Zuschauer (Gesamtpublikum; Marktanteil: 7,3 Prozent). In der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen lag der Marktanteil hier bei beachtlichen 12,8 Prozent (Zuschauer: 1,44 Mio). Und diese Werte blieben bei den nächsten, jeweils in Doppelfolgen ausgestrahlten, Episoden bemerkenswert stabil.

Gänzlich hausgemacht ist dieser Erfolg dennoch nicht. Die Vox-Serie, für die Arne Nolting und Jan-Martin Scharf die Drehbücher schrieben, ist die sehr detailgetreue Adaption der Serie „Polseres vermelles“ („Rote Armbänder“) des katalanischen Fernsehens aus dem Jahr 2011, für die wiederum der Autor Albert Espinosa mit seinem autobiografischen Bestseller „El mundo amarillo“ („Glücksgeheimnisse aus der gelben Welt“) die Vorlage lieferte. Nach dem durchschlagenden Erfolg in Spanien wurde das Format in 13 Länder verkauft. Was die Verdienste von Vox aber kaum schmälert. Auch gute Adaptionen wollen gekonnt sein. Am 1. Dezember gab Vox bekannt, dass der Sender vom „Club der roten Bänder“ ein zweite Staffel produzieren lassen werde.

01.12.2015 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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