Olympia bei ARD und ZDF: Besondere Bilder von besonderen Sportarten und ein unverschämter Reporter

12.08.2016 •

Alle Sportgroßveranstaltungen, die durch Live-Übertragungen zum Fernsehereignis promoviert werden, besitzen nicht nur spezifische Inhalte und eine je besondere Erscheinungsform dergestalt, dass sich die gerade stattfindenden Olympischen Sommerspiele in Rio stark von der kurz zuvor ausgetragenen Fußball-EM in Frankreich unterscheiden, sondern auch einen eigenen Rhythmus. Diesen müssen die Fernsehzuschauer hierzulande erst einmal herausfinden, wenn sie sich etwa auf die seit dem 5. August laufenden Sommerspiele in Brasilien einlassen. Der Zeitunterschied von fünf Stunden führte beispielsweise dazu, dass die Eröffnungsfeier nach deutscher Zeit erst nach Mitternacht begann und weit nach 3.00 Uhr in der Nacht endete. Das – wenn man nach den Wiederholungsbildern des nächsten Tages geht – farbenfrohe Spektakel werden aufgrund der nächtlichen Übertragungszeit nur relativ wenige in Deutschland am Bildschirm live und komplett miterlebt haben.

In den ersten beiden Olympia-Tagen ab der Eröffnungsfeier schien es denn so, dass man auch weitere wichtige Entscheidungen aus Gründen des Nachtschlafes verpassen würde. So fanden die Finals im Schwimmen erst jeweils ab 3.00 Uhr morgens statt, was aber nicht allein in den unterschiedlichen Zeitzonen seinen Grund hatte. Auf der Ansetzung ab 22.00 Uhr Ortszeit hatte der US-Sender NBC bestanden, der die Übertragungsrechte für die USA hat und auf attraktivem Sport zur besten Zeit in seinem Sendegebiet bestanden hatte. Ähnliches wird auch für die Endläufe und Endkämpfe der Leichtathletik gelten.

Doch wer dadurch missgelaunt am Nachmittag oder am Abend in Deutschland ARD oder ZDF einschaltete, die sich bei der Olympia-Berichterstattung täglich abwechseln, wurde positiv überrascht. Das lag zum einen daran, dass zu diesen Übertragungszeiten nun eine Reihe von Sportarten, die sonst kaum erwähnt werden, es sei denn, ein deutscher Sportler gewänne eine Medaille, mangels Alternativen in den Mittelpunkt der Übertragungen rückte. Und das lag zum anderen daran, dass sich der gesamte Terminkalender merklich entzerrte, so dass die Sender nicht hektisch von einem Ort zum anderen Ort in Rio schalteten, sondern sich Zeit ließen für einzelne Wettkämpfe. Beides zusammen genommen ermöglichte besondere Bilder von besonderen Sportarten.

Wann sah man etwa, wie in Zeitlupe der von einem Bogen abgeschossene Pfeil in der Luft flatternd erst in einer bizarren Flugkurve die Zielscheibe findet? Wie die Gischt der Wellenberge im Kanuslalom sich derart aufbäumt, dass die Paddler kaum gegen die hier wirksamen Kräfte des bergab strömenden Wassers ankommen? Mit welchen meditativen Techniken beim Sportschießen die Schützinnen zu Werke gehen, wenn sie sich aufs Zielen konzentrieren, so dass man fast vergisst, dass man mit ihren Waffen auch töten könnte? Zu welch bizarren Choreografien eine so brachiale Sportart wie Rugby fähig ist, bei der die Körper aufeinanderprallen, sich verhaken, um dann wieder auseinanderzustreben? Mit welcher Ritualisierung die Turmspringer in ihren knappen Badehosen nach ihren Sprüngen sich unmittelbar danach entweder duschten oder kurz in eine Art von Whirlpool sprangen, als sei ihnen das Wasser des Beckens nicht nass genug?

Es gab auch eine Reihe von Schreckensbildern durchzustehen wie etwa beim Straßenrennen der Frauen, bei dem die führende Holländerin Annemiek van Vleuten in einer Kurve schwer stürzte und mit dem Kopf auf den Bordstein aufschlug. Das Live-Bild davon war so erschreckend, dass es anschließend nicht wiederholt wurde und dass das ZDF für die positive Nachricht, dass die Sportlerin den Sturz glimpflich überstanden hatte, die Live-Übertragung eines äußerst spannenden Fußballspiels des deutschen Männerteams unterbrach.

ARD und ZDF präsentieren die Spiele in ihrem jeweiligen Hauptprogramm, sie berichten dabei im Prinzip aus einem auf dem Olympia-Gelände von Rio befindlichen verglasten Studio, von dem aus sie in die jeweiligen Sportstätten schalten und in dem sie nach Ende der Wettkämpfe Interviews mit den Athleten führen. Außer in ihren Hauptprogrammen zeigen ARD und ZDF viele Wettkämpfe auch in den eigenen Internetkanälen. Diese Olympia-Portale im Netz sind allerdings von unterschiedlicher Qualität. Während das ZDF mit einem überzeugenden Layout aufwartet, das nach dem Zeitplan der Ereignisse strukturiert ist, muss man sich bei der ARD erst mühsam durch eine thematisch angelegte Tabelle scrollen, um zu finden, was man sucht. Mitunter kann man dann die Zusammenarbeit der Sender erleben, wenn man etwa im Internet auf der ZDF-Seite den ARD-Mann Steffen Simon ein Fußballspiel kommentieren hört, das live im ZDF-Hauptprogramm Martin Schneider besprach. Die Dopplung von Fernseh- und Internetübertragung ist notwendig, da man in den Fernsehprogrammen ja des Öfteren gerade die lang dauernden Partien im Fußball, Handball, Hockey oder Tennis für Medaillenentscheidungen zeitweise verlässt.

Unter dem langen Tageszeitplan von Olympia ächzen sichtbar die Moderatoren im Studio, auch wenn Katrin Müller-Hohenstein und Rudi Cerne vom ZDF genau wie ihre ARD-Kollegen Gerhard Delling und Alexander Bommes gegen die Erschöpfung anzulächeln versuchen. Dass sie gelegentlich den Überblick verlieren, die anstehenden Schaltungen verwechseln odehr den Monitor im Studio nicht finden, auf dem der Ansprechpartner für die nächste Schalte zu sehen ist, ist deshalb verständlich. Ebenso mancher Versprecher, denen zufolge man Olympia „aus vollen Zügen genießen“ (Cerne) könne oder die Sportler „bei uns im Einsatz“ (Delling) seien, wenn sie um eine Medaille kämpften. Störender sind da schon die (Live-)Kommentatoren der Wettkämpfe, von denen viele vor allem an den ersten Tagen krampfhaft versuchten, deutschen Sportlern durch salbungsvolle Worte oder eine hochgezüchtete Dramatik in der Stimme zu einer Medaille zu verhelfen.

Dieser Unsinn aus schiefen Metaphern, dümmlichen Vorurteilen und einem überzogenen Nationalismus kulminierte dann am zweiten Tag der Vielseitigkeitsreiterei, als Carsten Sostmeier im Ersten Programm der ARD den Geländeritt kommentierte. Was redete der Mann für einen Stuss! Da war für ihn die „Haute Couture der Reiterei“ am Start. Da zöge es einem schneller die Hose aus, als man denken könne. Da strahlte ein Pferd „Ästhetik pur“ aus und man solle diesem Pferd in die Augen schauen (obwohl man diese in einer Totale kaum erahnen konnte). Da sollte man einem deutschen Reiter die Daumen drücken, „bis sie blau werden“. Und schließlich bezeichnete Sostmeier eine deutsche Reiterin als „Angsthase“, was er durch die Bemerkung zu illustrieren versuchte, dass sie wohl „von Anfang an einen braunen Strich in der Hose“ gehabt habe. Letztere Bemerkung war dann des Geschwafels und Gequatsches dieses Hippologen zu viel. Zu Recht erntete er für diese unverschämte Äußerung heftige Kritik, die dann ihrerseits viele Pferdemetaphern bemühte, etwa: Sostmeier habe sich in seinem Kommentar vergaloppiert. Auch von ARD-Olympia-Teamchef Gerd Gottlob wurde Carsten Sostmeier kritisiert. Aber er darf weiter kommentieren. Leider.

12.08.2016 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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