Alex Buresch/Stephan Wagner: Die Akte General
(ARD/SWR/SR/BR)

Ein sehr gelungener Film

04.03.2016 •

04.03.2016 • Ulrich Noethen ist kaum wiederzuerkennen: mit angeklebter, veränderter Nase, wirrem grauen Haar, dicker Hornbrille und einem starken schwäbischen Akzent. Oft schon hat man den Schauspieler gesehen und seine Leistung sehr gut befunden, in „Die Akte General“ aber übertrifft er diese Eindrücke noch einmal: Er spielt nicht, er ist Fritz Bauer. Und er ist das starke, unbestrittene Zentrum dieses Films, das er scheinbar mühelos beherrscht.

Es ist innerhalb von zwei Jahren die dritte deutsche Filmproduktion über Fritz Bauer, den hessischen Generalstaatsanwalt, der Nazi-Verbrecher jagte und die Auschwitz-Prozesse durchsetzte. Drei Filme zur selben Person in einem solch kurzen Zeitraum, das schon eine skurrile Häufung, zumal dem Anwalt außerdem in jedem dieser Biopics aus dramaturgischen Gründen jeweils ein junger, fiktiver Kollege an die Seite gestellt wird. Das ist sowohl in dem Kinofilm „Im Labyrinth des Schweigens“ (2014) von Giulio Ricciarelli der Fall als auch in Lars Kraumes Kinoproduktion „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (2015) wie nun ebenfalls im ARD-Fernsehfilm „Die Akte General“.

Und wenngleich er nun der dritte Film ist, macht dies „Die Akte General“ keinesfalls redundant oder überflüssig, ganz im Gegenteil. Zum ersten legt der ARD-Film mehr als seine Vorgänger den Fokus auf die innenpolitischen Widerstände, denen Bauer bei seinen Ermittlungen ausgesetzt war. Zum zweiten erreicht ein in der Primetime im Ersten Programm der ARD ausgestrahlter Film viel mehr Publikum als zwei mittelgroße deutsche Kinoproduktionen – was bei einem wichtigen Thema wie dem hier behandelten durchaus ein Argument sein darf (konkret waren es bei „Die Akte General“ 3,67 Mio Zuschauer und ein Marktanteil von 11,4 Prozent). Und zum dritten ist der 90-Minüter von Alex Buresch (Buch) und Stephan Wagner (Regie) schlicht ein sehr gelungener Film, was ihn weiterer Rechtfertigung enthebt.

Das Drama spielt Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre, als Fritz Bauer dem für die Deportation von Millionen von Juden verantwortlichen Adolf Eichmann auf der Spur ist, der unter falschem Namen in Argentinien lebt. Da der Generalstaatsanwalt aus Frankfurt am Main der von Altnazis durchsetzten bundesdeutschen Politik und Justiz zutiefst und zu Recht misstraut, gibt er seine Hinweise in Sachen Eichmann an den Mossad weiter. Doch selbst der israelische Geheimdienst zögert, verlangt mehr Beweise dazu, ob es sich bei dem, der da in Argentinien untergetaucht ist, wirklich um den gesuchten Nazi handelt. Die Beweise bekommt Bauer schließlich aus Ost-Berlin von seinen DDR-Kollegen.

Fürs politische und gesellschaftliche Establishment seiner Zeit war der unbeirrbare Staatsanwalt offensichtlich eine einzige Zumutung: Nicht nur, dass er NS-Verbrecher verfolgte und damit unbequemen Wirbel im gut laufenden Wirtschaftswunderdeutschland verursachte, sondern auch die Tatsache, dass er dafür mit den Kommunisten zusammenarbeitete, war natürlich höchst ungehörig im Nachkriegsdeutschland. Darüber hinaus war Fritz Bauer Jude, weshalb man ihm meinte unterstellen zu können, seine Ermittlungen nur aus persönlichem Revanchismus zu betreiben. Und als wäre all das nicht genug, war der Mann auch noch schwul.

Der BND lässt ihn konsequenterweise bespitzeln. Im Film ist der Spion, wie Bauer schmerzhaft erfahren muss, ausgerechnet sein junger Mitarbeiter und enger Vertrauter Joachim Hell (David Kross), der über seine Späharbeit eine Akte mit dem Schlagwort „General“ führt. Auch Konrad Adenauer (Dieter Schaad) und dessen Kanzleramtsminister Hans Globke (Bernhard Schütz), der als Mitverfasser der Nürnberger Rassegesetze für die personelle Kontinuität der Eliten zwischen NS-Diktatur und junger BRD stand, sind dem Nazi-Jäger alles andere als wohlgesonnen, ebenso wenig wie ein Teil der bundesdeutschen Bevölkerung – Bauer wird immer wieder per Brief, Telefon oder auch persönlich beschimpft.

Diese reaktionäre und dumpfe Atmosphäre macht der Film „Die Akte General“ (Produktion: Ufa Fiction) auf leise, unspektakuläre und bei allem Ernst auch mal dezent humorvolle Weise spürbar: Autor und Regisseur setzen statt auf äußere Action – so wird selbst die Entführung Eichmanns recht beiläufig in Szene gesetzt – eher auf das Wort, den Diskurs. Trocken ist der Film deshalb nicht, dafür ist das ohne Mätzchen erzählte Geschehen zu spannend und sind die Dialoge zu gut geschrieben.

Der Film skizziert stimmig die politische und gesellschaftliche Stimmung jener Jahre, zeigt aber auch die Psychologie seiner Figuren. So leidet Fritz Bauer, wiewohl er es sich nicht anmerken lässt, unter den Drohungen und Anfeindungen, kämpft mit Beruhigungspillen und Rotwein gegen die Angst an. Ulrich Noethen spielt diesen beeindruckenden Mann als sehr präsente und couragierte, zugleich aber auch einsame, emotional isolierte Figur. Eine von vielen grandiosen Szenen ist jene, als Bauer von der Entführung Eichmanns erfährt. Da ist der sonst so wortgewaltige Jurist völlig sprachlos und aus dieser Sprachlosigkeit lässt sich vieles herauslesen: Stolz, Überwältigung, Freude, Erleichterung – womöglich sogar auch so etwas wie ein Hauch von Trauer, sich nun von dieser „Jagd“ verabschieden zu müssen.

04.03.2016 – Katharina Zeckau/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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